Die Initiative Offene Kirchen in Westfalen ist ein kirchliches Programm der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW), das seit 2004 das Signet »verlässlich geöffnete Kirche« und die Initiative »Offene Kirchen« in Westfalen etabliert hat. Diese Initiative macht Kirchenräume für alle Menschen zugänglich – nicht nur während der Gottesdienste, sondern auch an Wochentagen. Das Programm umfasst mittlerweile rund 200 offene Kirchen im Bereich der westfälischen Landeskirche und hat sich zu einem wichtigen Bestandteil des kirchlichen und kulturellen Lebens in Westfalen entwickelt.
Die Entstehung und der geschichtliche Hintergrund
Um möglichst viele Menschen auf das Angebot der offenen Kirche aufmerksam zu machen und sie in die offenen Kirchen einzuladen, wurde an Pfingsten 2005 die Initiative „Offene Kirchen“ in der Ev. Kirche von Westfalen ins Leben gerufen. Die Idee entstand aber nicht im luftleeren Raum. Schon vorher gab es in anderen Landeskirchen ähnliche Projekte. Das Signet für verlässlich geöffnete Kirchen wurde ursprünglich in der hannoverschen Landeskirche entwickelt und von der westfälischen Kirche übernommen.
Die historische Entwicklung der evangelischen Kirche in Westfalen reicht weit zurück. Das Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche von Westfalen bestand vor 1800 aus einer Vielzahl von eigenständigen Territorien, die im Laufe der Geschichte mehrmals ihre Grenzen veränderten und zum Teil schon sehr früh die Reformation einführten. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die eigenständige Evangelische Kirche von Westfalen, die heute knapp 2 Millionen Gemeindemitglieder hat.
Die Initiative Offene Kirchen ist eine Antwort auf veränderte gesellschaftliche Bedürfnisse. Sie kommen, weil unsere Städte laut und hektisch sind und die Kirchräume mit ihrer klaren Struktur und ihrer Ruhe zunehmend als einzigartig empfunden werden. Sie kommen, weil ein Problem sie quält und hoffen, in der Kirche gelassener zu werden und Trost zu finden.
Was macht eine Offene Kirche aus?
Eine Offene Kirche ist mehr als nur ein geöffnetes Gebäude. Es ist ein Ort der Gastfreundschaft und der Begegnung. Um als Gemeinde das Signet für eine Kirche zu erhalten, muss die Kirche jedes Jahr vom 1. April bis 30. September an mindestens fünf Tagen in der Woche für je vier Stunden geöffnet sein.
Die Kirchen bieten verschiedene Grundelemente an:
- Kerzenecke zum Anzünden von Kerzen
- Fürbittenbuch für persönliche Anliegen
- Bibel zum Lesen
- Informationen über die Kirche und das Gemeindeleben
- Kirchenführer und Gemeindebrief zum Mitnehmen
Kirchen, die noch nicht fünf Tage öffnen können, haben die Möglichkeit, mit einem Banner oder einer Aufstellfahne „Kirche geöffnet“ zu beginnen. Ab Sommer 2017 finden Sie darüber hinaus in dieser Liste auch die Offenen Kirchen angegeben, die an 1 bis 2 Tagen pro Woche geöffnet haben. Diese sind an dem Banner „Kirche geöffnet“ erkennbar.
Die Menschen hinter den offenen Türen
Das Ehrenamt ist das Herzstück der Initiative. Rund 1.500 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer tun in offenen Kirchen Westfalens Dienst. Diese Menschen sind es, die die Kirchen mit Leben füllen. Sie:
- Bereiten den Kirchraum für Besucher vor
- Führen spontane Kirchenführungen durch
- Stehen für Gespräche zur Verfügung
- Pflegen die Ausstattung der Kirche
- Organisieren Ausstellungen und Veranstaltungen
In vielen Offenen Kirchen engagieren sich ehrenamtliche Mitarbeitende auf unterschiedliche Weise. Sie bereiten den Kirchraum für die Besucher vor, nehmen sich Zeit für (seelsorgliche) Gespräche mit Besuchern oder für eine spontane Kirchenführung. Nicht immer lassen sich aber bei der Öffnung der eigenen Kirche sofort Ehrenamtliche für diese Aufgabe finden. Zudem machen Gemeinden immer wieder die Erfahrung, dass der Kreis der Mitarbeitenden mit der Zeit kleiner wird.
Wer kommt in die Offenen Kirchen?
Die Besucherstruktur ist vielfältig. Es sind junge und alte Menschen, Frauen und Männer, Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Touristen und Flaneure, Passanten und Einwohner, und es sind nicht nur Christinnen und Christen, die die offene Kirche besuchen.
Menschen nutzen die Offenen Kirchen aus verschiedenen Gründen:
- Für einen Moment der Stille und Besinnung
- Zum Kerzenanzünden und Beten
- Aus kunsthistorischem Interesse
- Als Ruhepol im hektischen Alltag
- Für kulturelle Veranstaltungen
Es sind Menschen, die nicht unbedingt auch am Sonntagmorgen um 10.00 Uhr im Gottesdienst zu finden sind, die sich aber durch ihren Besuch der offenen Kirche auf ihre eigene Art und Weise und in ihrem eigenem Tempo neu an Gott, den Glauben, die Kirche „herantasten“.
Begleitung und Unterstützung durch das oikos-Institut
Die Initiative wird vom oikos-Institut für Mission und Ökumene der EKvW koordiniert und begleitet. Im Rahmen der Initiative „Offene Kirchen“ in der Evangelischen Kirche von Westfalen unterstützt das oikos-Institut für Mission und Ökumene Gemeinden, die über eine Öffnung ihrer Kirche an den Wochentagen nachdenken, sowie Gemeinden, deren Kirche schon geöffnet ist, durch verschiedene Angebote.
Das Institut bietet:
- Beratung für Gemeinden bei der Kirchenöffnung
- Fortbildungen für Haupt- und Ehrenamtliche
- Vernetzung der Offenen Kirchen untereinander
- Materialien und Arbeitshilfen
- Studientage und Workshops
Pfarrer Andreas Isenburg leitet die Initiative und steht als Ansprechpartner zur Verfügung. Das Institut hat seinen Sitz in Dortmund in der Olpe 35.
Praktische Programme und Angebote
Die Offenen Kirchen bieten ein breites Spektrum an Aktivitäten:
Kulturelle Veranstaltungen
- Konzerte und musikalische Darbietungen
- Kunstausstellungen wechselnder Künstler
- Lesungen und literarische Veranstaltungen
- Theateraufführungen
Bildungsangebote
- Kirchenführungen zur Geschichte und Architektur
- Vorträge zu religiösen und kulturellen Themen
- Seminare und Workshops
- Programme für Schulklassen
Spirituelle Angebote
Die Kirchen bieten Raum für persönliche Andacht und Gebet. Viele haben spezielle Bereiche eingerichtet, wo Besucher in Ruhe verweilen können. Das Fürbittenbuch ermöglicht es, persönliche Anliegen aufzuschreiben, die dann in die Fürbitte der Gemeinde aufgenommen werden.
Konkrete Beispiele aus Westfalen
Ein gutes Beispiel ist die Apostelkirche in Gütersloh. Das ganze Jahr hindurch, außer an Feiertagen, Sonderöffnungszeiten zu besonderen Anlässen, wie: Tag des offenen Denkmals, langenachtderkunst und andere, Montag bis Freitag 9.00 bis 18.00 Uhr und Samstag von 10.00 bis 14.00 Uhr (Vorhalle) ist sie geöffnet. Die Kirche bietet neben dem regulären Programm auch Ausstellungen zu wechselnden Themen an.
Die Evangelische Kirche Opherdicke zeigt, wie Geschichte lebendig wird. Die romanische Kirche (wahrscheinlich die zweite an dieser Stelle) beweist die frühe Entstehung einer Kirchengemeinde Opherdicke. Im Jahre 1576 nahm die Gemeinde unter dem Pfarrer Johann Fischer geschlossen das lutherische Bekenntnis an.
Bedeutung für Tourismus und Gesellschaft
Kirchenräume erfreuen sich großer Beliebtheit und locken europaweit immer mehr Besucherinnen und Besucher an. Allein in Deutschland gibt es über 20.000 Kirchen und Kapellen, eine Vielzahl von ihnen ist inzwischen auch wochentags geöffnet und lädt Menschen zum Verweilen und Innehalten ein.
Die Offenen Kirchen haben auch eine wichtige touristische Funktion. Sie sind oft Anlaufpunkte für Radfahrer und Wanderer. Zu den rund 200 offenen Kirchen im Bereich der westfälischen Landeskirche sind neuerdings etwa 40 Radwegekirchen gekommen, die oft an Radwanderwegen liegen.
Praktische Probleme und deren Lösungen
Viele Gemeinden haben zunächst Bedenken bei der Öffnung ihrer Kirchen. Aber viele Gemeinden zögern: Furcht vor mutwilligen Zerstörungen, Unsicherheit im Umgang mit Besuchern, Fragen in der Gestaltung des Raumes. Das oikos-Institut hilft bei diesen Fragen mit gezielter Beratung und praktischen Lösungen.
Ein zentrales Problem ist die Gewinnung neuer Mitarbeiter. Die Initiative bietet dafür spezielle Fortbildungen an. Themen sind:
- Wie gewinne ich neue Ehrenamtliche?
- Wie schule ich Mitarbeitende?
- Wie organisiere ich die Kirchenöffnung?
- Wie gehe ich mit schwierigen Situationen um?
Die finanzielle Seite
Die Finanzierung der Offenen Kirchen erfolgt aus verschiedenen Quellen, darunter kirchliche Mittel, öffentliche Zuschüsse, Spenden und Einnahmen aus kulturellen Veranstaltungen. Eine nachhaltige Finanzierung ist entscheidend, um die laufenden Kosten und den Erhalt der Gebäude zu sichern.
Die Erhaltung der oft historischen Kirchengebäude ist eine ständige Aufgabe. Viele der Kirchen stehen unter Denkmalschutz und brauchen kontinuierliche Pflege. Die Initiative hilft auch hier mit Beratung und Vernetzung.
Ausblick und aktuelle Entwicklungen
Die Initiative entwickelt sich ständig weiter. Neue Formen der Kirchenöffnung werden erprobt. Dazu gehören:
- Digitale Angebote wie virtuelle Kirchenführungen
- Spezielle Programme für Kinder und Familien
- Ökumenische Kooperationen
- Verbindung mit sozialen Projekten
Die Corona-Pandemie hat neue Wege eröffnet, aber auch Probleme aufgezeigt. Viele Kirchen mussten zeitweise schließen oder ihre Öffnungszeiten reduzieren. Gleichzeitig wurde die Bedeutung der Kirchen als Ruhepole und spirituelle Orte noch deutlicher.
Die gesellschaftliche Wirkung
Die Offenen Kirchen leisten einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie:
- Bewahren das kulturelle Erbe
- Fördern die Gemeinschaft
- Bieten Raum für Dialog zwischen verschiedenen Gruppen
- Unterstützen die lokale Wirtschaft durch Tourismus
Denn hinter diesem neuerwachten Interesse an den Kirchräumen stecken oft auch ernst zu nehmende religiöse Fragen, Anliegen und Sehnsüchte. Und verstärkt gehen auch die Gemeinden auf dieses Interesse ein und beschließen, ihre Kirche wochentags für die Menschen zu öffnen.
Die Initiative Offene Kirchen in Westfalen zeigt, wie traditionelle Kirchengebäude neue Funktionen übernehmen können, ohne ihre ursprüngliche Bestimmung zu verlieren. Sie bleiben Orte des Gottesdienstes und werden gleichzeitig zu Räumen der Begegnung, Kultur und Besinnung für alle Menschen – unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung.
Weiterführende Informationen:






