Unsere Sprache ist auf Sicherheit gepolt: Neues Modell stellt 70 Jahre alte Theorie infrage
Macht, Gefahr, Struktur statt Gefühl: Eine Studie in „Science Advances“ ordnet die Bedeutung von Wörtern neu und zeigt eine Vorliebe der Sprache für Sicheres.

Was macht die Bedeutung eines Wortes aus? Seit den 1950er-Jahren beschreibt die Psychologie Wörter vor allem danach, wie angenehm, wie aufregend und wie mächtig sie wirken. Ein Team um die Komplexitätsforscher Peter Dodds und Chris Danforth von der University of Vermont schlägt nun ein anderes Raster vor: Macht, Gefahr und Struktur. Und es findet dabei eine auffällige Schlagseite – in Büchern, Nachrichten und sozialen Medien überwiegen Wörter, die mit Sicherheit verbunden sind. An der Studie war laut University of Vermont auch der Complexity Science Hub in Wien beteiligt. Sie erschien im Mai 2026 im Fachjournal „Science Advances“; ScienceDaily berichtete am 24. Oktober erneut darüber.
Das alte Modell: angenehm, aufregend, dominant
Das bisher vorherrschende Modell geht auf den US-Psychologen Charles Osgood zurück. Er stellte in den 1950er-Jahren fest, dass Menschen Wörter vor allem auf drei Achsen einordnen: Bewertung, Stärke und Aktivität. Daraus wurde das heute verbreitete VAD-Modell:
- Valenz – wie positiv oder negativ ein Wort ist,
- Erregung (englisch arousal) – wie aufregend oder beruhigend es wirkt,
- Dominanz – ob es nach Kontrolle oder nach Unterlegenheit klingt.
Das Modell wird in Psychologie und Sprachwissenschaft genutzt und steckt in vielen Programmen, die automatisch die Stimmung von Texten auswerten – etwa in der Sentiment-Analyse künstlicher Intelligenz.
Was die Forscher gemacht haben
Grundlage war ein großes englisches Wörterverzeichnis, in dem rund 20.000 Wörter von Testpersonen auf den drei VAD-Achsen bewertet wurden (das NRC-VAD-Lexikon des Computerlinguisten Saif Mohammad). Die Forscher stellten fest, dass die drei Achsen nicht unabhängig voneinander sind: Wörter, die als positiv gelten, werden zum Beispiel oft auch als dominant eingestuft. Mit einem mathematischen Verfahren zerlegten sie die Bewertungen neu. Zwei Hauptrichtungen erklärten dabei zusammen rund 91 Prozent der Unterschiede zwischen den Wörtern – Valenz und Erregung zusammen nur rund 72 Prozent, wie das Preprint der Studie zeigt. Um 45 Grad gedreht, ergeben diese beiden Richtungen die Achsen Macht und Gefahr. Als dritte, schwächere Achse kommt Struktur hinzu.

Die drei neuen Achsen
- Macht: schwach oder mächtig. In den Diagrammen der Studie liegen etwa „triumphant“ (triumphierend) und „success“ (Erfolg) am mächtigen, „feather“ (Feder) und „weakened“ (geschwächt) am schwachen Ende.
- Gefahr: sicher oder gefährlich.
- Struktur: geordnet oder chaotisch.
„Macht, Gefahr und Struktur betreffen jeden Menschen, der je gelebt hat“, sagt Mitautorin Julia Zimmerman von der University of Vermont. Die Forscher sehen darin Unterscheidungen, die fürs Überleben wichtig sind – und nicht bloß Gefühle.
Die Vorliebe für Sicherheit
Für das zweite Ergebnis werteten die Forscher Milliarden tatsächlich verwendeter Wörter aus – nicht nur Wörterlisten, sondern auch, wie oft ein Wort im echten Sprachgebrauch vorkommt. Die Texte reichten von Romanen Jane Austens und den Sherlock-Holmes-Geschichten über die „New York Times“ und Wikipedia bis zu Talkradio-Mitschriften und Twitter. Das Ergebnis: Überall überwiegen Wörter, die mit Sicherheit verbunden sind, gegenüber Wörtern, die nach Gefahr klingen. „Ausdrücke von Sicherheit sind für jede Sprache entscheidend“, sagt Peter Dodds.
Dass Sprache insgesamt eher positiv ist, weiß man schon lange. Diese Neigung heißt „Pollyanna-Prinzip“, nach der unverbesserlich optimistischen Heldin eines Kinderbuchs. Dodds’ Team hatte sie 2015 in „PNAS“ für zehn Sprachen nachgewiesen, darunter Deutsch. Die neue Studie deutet die Positivität nun um: Sie sei nur ein eindimensionaler Ausschnitt einer tieferliegenden Vorliebe für Sicherheit.
Das „Ousiometer“
Für ihre Methode haben die Forscher einen eigenen Namen erfunden: Ousiometrie, nach dem griechischen Wort ousia für „Wesen“. Ihr Messinstrument, das „Ousiometer“, berechnet für große Textmengen eine durchschnittliche Bedeutung und kann zeigen, wie sie sich im Verlauf verändert – etwa Seite für Seite durch Victor Hugos „Die Elenden“. Es ist der Nachfolger des „Hedonometers“, mit dem dasselbe Team zuvor die Stimmung auf Twitter gemessen hat.
Was bedeutet das – und wo sind die Grenzen?
- Künstliche Intelligenz: Programme, die Stimmungen nach dem VAD-Muster auswerten, könnten Texte falsch deuten. Macht, Gefahr und Struktur könnten sie verbessern, schreiben die Autoren.
- Psychologie: Jahrzehnte an Forschung, die auf dem VAD-Modell aufbaut, müssten womöglich neu betrachtet werden.
- Nur Englisch: Die Analyse beruht auf englischen Wörtern und Texten. Ob sich das Ergebnis etwa auf das Deutsche übertragen lässt, ist offen.
- Erklärung offen: Dass die Vorliebe für Sicherheit aus dem Überlebensdruck der Evolution stammt, legen die Forscher nahe, belegt ist es aber nicht, wie auch ScienceDaily betont.
Quellen
- Dodds, P. S. et al. (2026): Ousiometrics: The essence of meaning aligns with a power-danger-structure framework instead of valence-arousal-dominance. Science Advances
- University of Vermont: Human language biased towards safety, major study reveals (Mai 2026)
- ScienceDaily: A hidden bias in human language challenges 70 years of science (24.10.2026)
- Preprint der Studie auf arXiv (2110.06847)
- Dodds, P. S. et al. (2015): Human language reveals a universal positivity bias. PNAS
Recherchiert und geschrieben von der brald-Redaktion, zuletzt aktualisiert am 25. Oktober 2026. Wie wir arbeiten, steht in unseren Redaktionsleitlinien. Fehler gefunden? Schreiben Sie uns – wir korrigieren transparent.


