Wie nah war Hitler an der Atombombe? Was die Uranwürfel von Haigerloch verraten
664 Uranwürfel, zu wenig schweres Wasser: Eine neue Studie zeigt, dass Heisenbergs Reaktor in Haigerloch 1945 weit von einer Kettenreaktion entfernt war.

Im März 1945, wenige Wochen vor Kriegsende, versuchten deutsche Physiker in einem Felsenkeller im schwäbischen Haigerloch, eine nukleare Kettenreaktion in Gang zu bringen. Werner Heisenberg behauptete später, dem Reaktor habe nur noch wenig gefehlt. Eine neue Studie kommt zu einem anderen Ergebnis: Der Versuchsreaktor B8 war weit davon entfernt, kritisch zu werden – und eine deutsche Atombombe lag 1945 außer Reichweite.
Der Versuch im Atomkeller
Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik war 1943/44 wegen der Luftangriffe von Berlin-Dahlem nach Hechingen verlagert worden. Ende Januar 1945, als die Rote Armee auf Berlin vorrückte, wurde der fast fertige Versuchsaufbau in Dahlem abgebrochen; Forscher und Material kamen nach Süden. Im Felsenkeller unterhalb der Schlosskirche von Haigerloch bauten sie unter der Leitung von Carl Friedrich von Weizsäcker und Karl Wirtz die „Uranmaschine“ B8 auf; Heisenberg leitete das Projekt vom nahen Hechingen aus.
Laut Wikipedia hingen 664 Würfel aus Natururan, jeder fünf Zentimeter groß und rund 2,4 Kilogramm schwer, an 78 Aluminiumdrähten in einem Tank mit schwerem Wasser. Anfang März 1945 lief der entscheidende Versuch. Am 23. April 1945 erreichte die US-Spezialeinheit Alsos Haigerloch und baute die Anlage am nächsten Tag ab. Material und Unterlagen gingen in die USA.

Die neue Studie
Ein Team um Patrick Park von der Columbia University in New York hat die Frage nun neu durchgerechnet. Die Forschenden werteten Archivunterlagen über Hunderte Uranwürfel, das schwere Wasser und das Graphit des deutschen Uranprojekts aus und untersuchten zwei erhaltene Uranwürfel forensisch. Die Ergebnisse erschienen Ende September 2026 im Fachjournal „PNAS Nexus“; berichtet haben unter anderem wissenschaft.de und Live Science.

Was dem Reaktor fehlte
- Uran: Im Reaktor hingen 664 Würfel. Nötig gewesen wären mindestens rund 1.200 – Deutschland besaß über alle Versuche hinweg aber nur etwa 1.100.
- Schweres Wasser: Der Tank enthielt etwa 1.400 Liter mit einer Reinheit von 96,8 bis 98 Prozent. Gebraucht hätte der Reaktor rund das 2,2-Fache, also mehr als 3.000 Liter.
- Kettenreaktion: Die Studie berechnet für B8 einen Neutronen-Multiplikationsfaktor von 0,94. Für eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion ist mindestens 1 nötig.
- Kein Ausweg über Graphit: Das verfügbare Graphit stammte aus Schlacken des Ruhrgebiets und war stark mit Bor verunreinigt, das Neutronen schluckt. Auch ein Graphitreaktor mit Natururan hätte deshalb nicht funktioniert.
Heisenberg lag mit seiner Einschätzung von 1947 also etwa um den Faktor zwei daneben. Nach Ansicht der Forschenden hätten die nötigen Mengen die Produktionskapazitäten des Deutschen Reichs weit überschritten.
Das Nadelöhr: schweres Wasser aus Norwegen
Schweres Wasser bremst Neutronen ab, ohne sie zu schlucken, und war deshalb der Schlüssel zum deutschen Reaktorkonzept. Die einzige europäische Quelle war das Werk Vemork der Norsk Hydro in Norwegen, dessen Kapazität ohnehin begrenzt war. Norwegische Widerstandskämpfer sabotierten die Anlage 1943 und versenkten im Februar 1944 eine Fähre mit schwerem Wasser auf dem Tinnsjø. Die Studie zeigt, dass selbst die gesamte Produktion nicht für einen kritischen Reaktor gereicht hätte.
Reaktor ist nicht gleich Bombe
Wichtig für die Einordnung: Selbst ein funktionierender Reaktor wäre nur ein erster Schritt gewesen. Für eine Bombe hätte man daraus Plutonium gewinnen oder Uran aufwendig anreichern müssen – beides lag 1945 für Deutschland in weiter Ferne. Die Forschenden halten die Angst der Alliierten vor einer deutschen Atombombe im letzten Kriegsjahr deshalb für unbegründet.
Dass die Frage so lange offen blieb, hat auch mit der Quellenlage zu tun: Die USA hielten die erbeuteten Unterlagen bis in die 1970er-Jahre unter Verschluss, und viele Uranwürfel wurden von sowjetischen und amerikanischen Geheimdiensten beschlagnahmt oder landeten auf dem Schwarzmarkt.
Heute: das Atomkeller-Museum
Der Felsenkeller in Haigerloch (Zollernalbkreis, Baden-Württemberg) ist seit 1980 ein Museum. Dort sind ein Nachbau des Reaktors und zwei originale Uranwürfel zu sehen. 659 der 664 Würfel wurden nach dem Krieg übrigens aus einem Acker geborgen, in dem sie vor dem Eintreffen der Amerikaner vergraben worden waren.
Quellen
- Park, P. et al. (2026): Studie in PNAS Nexus
- wissenschaft.de: Uranprojekt – Standen Hitlers Physiker kurz vor einer Atombombe?
- Live Science: Uranium from World War II reveals how close the Nazis were to an atomic bomb
- news.at: Heisenbergs letztem Reaktor fehlte rund die Hälfte des nötigen Urans
- Wikipedia: Forschungsreaktor Haigerloch
Recherchiert und geschrieben von der brald-Redaktion, zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2026. Wie wir arbeiten, steht in unseren Redaktionsleitlinien. Fehler gefunden? Schreiben Sie uns – wir korrigieren transparent.


