Braillezeile an einem Schülerarbeitsplatz – Hilfsmittel im inklusiven Unterricht
Foto: „Refreshable Braille display 2010 0123“ von Eddau, CC0, via Wikimedia Commons

Projekt ISaR der TU Dortmund: Unterstützung für den Unterricht mit blinden und sehbehinderten Kindern

ISaR ist ein Projekt der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund, das ein Internetportal für Lehrkräfte, Eltern und Fachleute aufgebaut hat, die blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler an allgemeinen Schulen unterrichten oder begleiten. Es startete 2001 unter Leitung von Prof. Dr. Renate Walthes und wurde bis 2010 von der Heidehof Stiftung gefördert; Kooperationspartner ist das Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Der Artikel fasst zusammen, was zu ISaR belegt ist, und ordnet das Projekt in die Lage inklusiver Beschulung in Deutschland ein.

Projektdaten im Überblick

MerkmalAngabe
TrägerFakultät Rehabilitationswissenschaften, TU Dortmund
KürzelISaR; in der Linksammlung der Universitätsbibliothek aufgelöst als „Integration von Schülerinnen und Schülern mit einer Sehschädigung an Regelschulen“
Projekttitel im Drittmittelarchiv der Fakultät„Inclusive Services and Rehabilitation (ISaR)“
Projektziel laut FakultätAufbau und fortlaufende Gestaltung eines Internetportals zur Unterstützung von Lehrkräften, Eltern und Fachpersonen im inklusiven Unterricht mit blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schülern
Laufzeitseit 2001
Förderung2001 bis 2010 Heidehof Stiftung
KooperationMinisterium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen
ProjektleitungProf. Dr. Renate Walthes (Archivangabe); Sarah Weigelt (aktuelle Projektseite, Projektbeginn 1. Januar 2017)

Die doppelte Angabe zur Leitung erklärt sich daraus, dass die Fakultät ISaR in zwei Einträgen führt: im Archiv der Drittmittelprojekte mit der Förderphase ab 2001 und auf der Seite des heutigen Fachgebiets Sehen, Sehbeeinträchtigung und Blindheit als laufendes Projekt mit Beginn 1. Januar 2017. Dort wird es als „virtuelles Kompetenzzentrum zur Unterstützung von Schülerinnen und Schülern mit Blindheit und Sehbeeinträchtigung an allgemeinen Schulen“ beschrieben. Die Fakultät weist darauf hin, dass die ISaR-Webseite überarbeitet wird.

Der Didaktikpool: Unterrichtsmaterial aus der Praxis

Das bekannteste Angebot von ISaR ist der Didaktikpool – eine Sammlung von Handreichungen, Unterrichtsbeispielen und Erfahrungsberichten, die Fachleute aus Schulen beisteuerten und die über das Portal frei abrufbar waren. Die Beiträge tragen jeweils Autorenangabe, Datum und die Kontaktdaten des Projekts an der Fakultät Rehabilitationswissenschaften.

Ein Beispiel: Ein Beitrag vom 1. März 2013 von Heike Sandrock und Stephan Lux, beide an der Johann-Peter-Schäfer-Schule in Friedberg – einer Schule für Blinde und Sehbehinderte mit überregionalem Beratungs- und Förderzentrum –, behandelt das Konzept des Aktiven Lernens nach Lilli Nielsen in der Arbeit mit mehrfachbehinderten sehgeschädigten Schülerinnen und Schülern. Solche Texte stammen also nicht aus der Theorie, sondern von Lehrkräften, die die beschriebenen Situationen selbst unterrichten.

Dieses Prinzip erklärt, warum ein Universitätsprojekt überhaupt ein Materialportal betreibt: Einzelne Lehrkräfte an allgemeinen Schulen unterrichten oft nur ein einziges blindes oder sehbehindertes Kind in ihrer Laufbahn. Der Bedarf an konkretem, geprüftem Material ist hoch, die Gelegenheit, eigene Routine aufzubauen, gering.

Warum es diese Angebote braucht: die Zahlen

Wie viele Kinder betroffen sind, zeigt die Schulstatistik der Kultusministerkonferenz für das Schuljahr 2023/2024. Im Förderschwerpunkt Sehen wurden bundesweit 9.529 Schülerinnen und Schüler gefördert:

LernortSchülerinnen und SchülerAnteil
Förderschulen4.63848,7 Prozent
allgemeine Schulen4.89151,3 Prozent
insgesamt9.529100 Prozent

Die Mehrheit lernt inzwischen an allgemeinen Schulen. Zum Vergleich: Über alle Förderschwerpunkte hinweg zählte die KMK 608.097 Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischer Förderung, davon 44,1 Prozent an allgemeinen Schulen. Im Förderschwerpunkt Sehen liegt der Anteil also deutlich höher als im Durchschnitt.

Rechtlicher Bezugspunkt ist die UN-Behindertenrechtskonvention, die für Deutschland am 26. März 2009 in Kraft trat. Ihr Artikel 24 begründet das Recht auf inklusive Bildung; die Monitoring-Stelle am Deutschen Institut für Menschenrechte begleitet die Umsetzung.

Was inklusiver Unterricht praktisch verlangt

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband nennt mehrere Bausteine, ohne die ein gemeinsamer Unterricht nicht trägt:

  • Passende Sehhilfen und Geräte – Lupen, Monokulare, Lesegeräte – und eine gründliche Einweisung in ihren Gebrauch.
  • Zugang zur Brailleschrift, wo sie das geeignete Schriftsystem ist.
  • Lebenspraktische Fähigkeiten sowie Orientierung und Mobilität als eigenständige Förderbereiche neben den Schulfächern.
  • Zusammenarbeit mehrerer Professionen, etwa mit Augenärztinnen, Optikern, Orthoptistinnen und Low-Vision-Fachkräften.
  • Nachteilsausgleiche, damit dieselben Lernziele erreichbar bleiben.

Genau an dieser Stelle setzt ein Materialportal an: Es beantwortet die alltäglichen Umsetzungsfragen – wie ein Arbeitsblatt aufgebaut sein muss, wie ein Experiment im Sachunterricht taktil erfahrbar wird, wie Sportstunden funktionieren –, für die im Schulalltag keine Fortbildungswoche zur Verfügung steht.

Zum Zusammenhang von Sprache, Lesen und schulischem Start passt auch unser Beitrag zur Bedeutung des Vorlesens in der Grundschule; wie stark frühe Beziehungserfahrungen Lernen prägen, beschreibt der Text zu den vier Bindungstypen nach John Bowlby.

Was offen bleibt

Nicht alles zu ISaR lässt sich aus öffentlich zugänglichen Quellen belegen. Unklar bleibt, wie viele Materialien der Didaktikpool insgesamt umfasste, wie viele Personen ihn nutzten und wie die Finanzierung nach dem Ende der Stiftungsförderung 2010 im Detail geregelt war. Auch die ursprüngliche Projektwebsite ist nicht mehr in ihrer früheren Form erreichbar; die Fakultät kündigt eine überarbeitete Seite an. Wer Material sucht, wendet sich daher am besten direkt an das Fachgebiet Sehen, Sehbeeinträchtigung und Blindheit der TU Dortmund oder an die überregionalen Beratungs- und Förderzentren der Blinden- und Sehbehindertenschulen.

FAQ

Wofür steht die Abkürzung ISaR?

Die Universitätsbibliothek der TU Dortmund führt das Projekt unter „Integration von Schülerinnen und Schülern mit einer Sehschädigung an Regelschulen“. Im Drittmittelarchiv der Fakultät erscheint es zusätzlich unter dem englischen Titel „Inclusive Services and Rehabilitation“.

Gibt es ISaR noch?

Die TU Dortmund führt ISaR auf den Seiten des Fachgebiets Sehen, Sehbeeinträchtigung und Blindheit als laufendes Projekt mit Projektbeginn 1. Januar 2017. Die zugehörige Webseite wird laut Fakultät überarbeitet.

Wer hat das Projekt finanziert?

Für die Jahre 2001 bis 2010 weist die Fakultät die Heidehof Stiftung als Förderin aus. Kooperationspartner ist das Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen.

An wen richtete sich das Angebot?

An Lehrkräfte an allgemeinen Schulen, an Eltern und an Fachpersonen, die blinde und sehbehinderte Kinder im gemeinsamen Unterricht begleiten.

Wie viele blinde und sehbehinderte Kinder gehen in Deutschland auf eine allgemeine Schule?

Im Schuljahr 2023/2024 wurden laut Kultusministerkonferenz 4.891 von insgesamt 9.529 Schülerinnen und Schülern im Förderschwerpunkt Sehen an allgemeinen Schulen unterrichtet, also 51,3 Prozent.

Kurz gesagt

ISaR ist ein seit 2001 bestehendes Projekt der TU Dortmund, das Fachwissen für den Unterricht mit blinden und sehbehinderten Kindern gebündelt und über ein Portal verfügbar gemacht hat – finanziert zunächst von der Heidehof Stiftung, in Kooperation mit dem NRW-Schulministerium, heute am Fachgebiet Sehen, Sehbeeinträchtigung und Blindheit angesiedelt. Sein Nutzen liegt in einer Lücke, die die Statistik gut belegt: Mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler im Förderschwerpunkt Sehen lernt an allgemeinen Schulen, wo Spezialwissen selten vor Ort vorhanden ist.

Quellen