Goldfarbene Himbeere auf einer Filmrolle als Symbol für den Anti-Oscar
Foto: „Raspberry – whole (Rubus idaeus)“ von Ivar Leidus, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons (Größe angepasst)

Goldene Himbeere: Wie der „Anti-Oscar“ entstand und wen er traf

Die Goldene Himbeere (Golden Raspberry Award, kurz „Razzie“) ist ein satirischer US-Filmpreis für die schlechtesten Filme und Leistungen eines Jahres. Er wird seit 1981 vergeben, traditionell am Tag vor der Oscarverleihung, und von zahlenden Mitgliedern gewählt – nicht von einer Fachjury.

Hinter dem Witz steckt ein durchdachtes Medienkalkül, eine überschaubare Organisation und eine Reihe von Fehltritten, die den Preis in den vergangenen Jahren verändert haben.

Gründung: eine Party im Wohnzimmer

Erfunden hat die Himbeere John J. B. Wilson, Jahrgang 1954, der an der UCLA Film und Fernsehen studiert hatte und als Werbetexter für Filmtrailer arbeitete. Mitgründerin war Mo Murphy. Anstoß war ein Doppelprogramm im Kino: Wilson sah 1980 die Musikfilme „Can't Stop the Music“ und „Xanadu“ hintereinander.

Die erste Verleihung fand am 31. März 1981 statt – in einer Nische von Wilsons Wohnzimmer in Hollywood, bei einer Potluck-Party. Ein Beteiligter erinnerte sich später an eine improvisierte Bühne in der Wohnung. Erster „Schlechtester Film“ wurde „Can't Stop the Music“, die ersten Darstellerpreise gingen an Neil Diamond („The Jazz Singer“) und Brooke Shields („Die blaue Lagune“). Anfangs gab es bis zu zehn Nominierte pro Kategorie, später reduzierte man auf fünf – nach Vorbild der Oscars.

Den Termin am Vorabend der Academy Awards wählte Wilson bewusst: Dann sind ohnehin Unterhaltungsjournalisten aus aller Welt in Los Angeles.

Der Name: „to blow a raspberry“

Der Name ist ein Wortspiel. „To blow a raspberry“ bezeichnet im Englischen das spöttische Prustgeräusch, das man mit herausgestreckter Zunge und Lippen erzeugt – im Deutschen am ehesten „jemandem die Zunge zeigen“ oder „pfffft“. Die Trophäe ist bewusst billig: eine golfballgroße Himbeere aus Modelliermasse auf einer Super-8-Filmspule, der Sockel aus goldbesprühtem Gips. Den Materialwert beziffert die Stiftung auf rund fünf Dollar.

So wird abgestimmt

Wer mitentscheiden will, kauft eine Mitgliedschaft der Golden Raspberry Award Foundation. Die Stiftung nennt rund 650 Mitglieder aus 19 Ländern. Laut Razzies-Website kostet die einfache Jahresmitgliedschaft 40 US-Dollar, die Verlängerung 25 Dollar; teurere Stufen bis 500 Dollar (Lebenszeit) schließen Mitgliedschaften für Freunde und Fanartikel ein (Stand: September 2026, laut razzies.com). Mitglieder stimmen über Nominierungen und Gewinner ab.

Genau hier setzt die häufigste Kritik an: Mitglieder müssen die nominierten Filme nicht gesehen haben. Das Branchenportal IndieWire hat das öffentlich bemängelt.

Kategorien

Die Hauptkategorien spiegeln die Oscars:

  • Schlechtester Film
  • Schlechteste Regie
  • Schlechtester Hauptdarsteller / Schlechteste Hauptdarstellerin
  • Schlechtester Nebendarsteller / Schlechteste Nebendarstellerin
  • Schlechtestes Drehbuch
  • Schlechteste Leinwandpaarung
  • Schlechtestes Remake, schlechteste Abzocke oder Fortsetzung

Dazu kommen Sonderpreise wie Rückblicke auf die schlechtesten Filme eines Jahrzehnts oder des Jahrhunderts. Frühere Kategorien wie „Schlechtester Filmsong“ gibt es nicht mehr.

Markante „Gewinner“ im Überblick

VerleihungFilmBesonderheit
1981Can't Stop the Musicerster „Schlechtester Film“
1988Leonard Part 6Bill Cosby nimmt als Erster einen Razzie an – in einer TV-Show
1996ShowgirlsRegisseur Paul Verhoeven kommt als Erster persönlich zur Gala
2001Battlefield Earthsieben von neun möglichen Himbeeren
2002Freddy Got FingeredTom Green rollt einen eigenen roten Teppich aus
2005CatwomanHalle Berry erscheint mit ihrem Oscar in der Hand
2010Verrückt nach SteveSandra Bullock holt den Preis ab, tags darauf den Oscar
2012Jack und JillAdam-Sandler-Komödie gewinnt in allen zehn Kategorien
2025Madame WebSchlechtester Film; Francis Ford Coppola nimmt Regie-Razzie für „Megalopolis“ per Video an
2026War of the Worldsfünf Himbeeren, u. a. für Ice Cube

Wer den Preis persönlich abholte

Die meisten Preisträger ignorieren die Himbeere. Einige machten aus der Schmähung einen Auftritt, der ihnen mehr Sympathie einbrachte als mancher Erfolg:

  • Paul Verhoeven (1996): Der „Showgirls“-Regisseur kam als Erster persönlich und bekam für seine selbstironische Rede zwei stehende Ovationen.
  • Tom Green (2002): Brachte einen billigen roten Teppich mit und musste Mundharmonika spielend von der Bühne gezogen werden.
  • Halle Berry (2005): Nahm den Preis für „Catwoman“ an und hielt dabei in der anderen Hand ihren Oscar für „Monster's Ball“. Ihrem Manager dankte sie dafür, dass er sie zu Projekten überrede, von denen er wisse, dass sie schlecht seien.
  • Sandra Bullock (2010): Holte am Samstag die Himbeere für „Verrückt nach Steve“ (All About Steve) ab, verteilte DVDs des Films und fragte, ob die Wähler ihn überhaupt gesehen hätten. Am Sonntag gewann sie den Oscar als beste Hauptdarstellerin für „Blind Side – Die große Chance“.

Rekordhalter

Sylvester Stallone ist mit zwölf Himbeeren der erfolgreichste „Preisträger“ der Geschichte, bei rund 40 Nominierungen; dazu gehört der Titel „Schlechtester Schauspieler des Jahrhunderts“. Als einzelner Film hält „Jack und Jill“ (2011) mit Adam Sandler den Rekord: zehn Himbeeren bei der Verleihung 2012, in jeder Kategorie. Bis dahin hatte „Battlefield Earth“ mit sieben den Rekord gehalten.

Wer Filme nicht nur schlecht, sondern cringe findet, stößt bei den Razzie-Listen auf viel Material.

Der Redeemer Award: Wiedergutmachung

Seit der Verleihung 2015 vergibt die Stiftung den „Razzie Redeemer Award“ an frühere Nominierte oder Preisträger, die später eine beachtliche Leistung gezeigt haben. Erster Preisträger war Ben Affleck (für „Gone Girl“). Stallone erhielt ihn für „Creed“ – vom Rekord-Razzie-Sammler zum Oscar-Kandidaten –, Mel Gibson für „Hacksaw Ridge“. 2026 ging er an Kate Hudson für „Song Sung Blue“.

Kontroversen: Bruce Willis, Shelley Duvall, ein Kind

2022 schuf die Stiftung eine Sonderkategorie „Schlechteste Leistung von Bruce Willis in einem Film von 2021“, weil Willis in jenem Jahr in acht Filmen mitgespielt hatte; „gewonnen“ hatte er für „Cosmic Sin“. Die Gewinner standen am 26. März 2022 fest, am 30. März machte Willis' Familie seine Aphasie-Erkrankung öffentlich. Die Razzies zogen den Preis zurück mit der Begründung, es sei nicht angemessen, jemandem eine Himbeere zu geben, wenn eine Erkrankung seine Entscheidungen oder Leistungen beeinflusst habe. Im selben Zug nahmen sie Shelley Duvalls Nominierung für „Shining“ (1981) zurück – wegen Stanley Kubricks Umgang mit ihr am Set.

2023 nominierten die Razzies die zwölfjährige Ryan Kiera Armstrong („Firestarter“) als schlechteste Schauspielerin. Nach Protesten wurde die Nominierung zurückgenommen; seitdem gilt ein Mindestalter von 18 Jahren.

Beide Fälle zeigen die Grenze des Konzepts: Spott über Hollywood-Budgets funktioniert, Spott über Menschen ohne Einfluss auf das Ergebnis nicht. Wer sich für aktuelle Kinokritik interessiert, findet bei brald etwa die Besprechung zu „Afterburn“ (2025) oder zur Krimireihe „Tatort“.

Häufige Fragen

Wann wird die Goldene Himbeere verliehen?

In der Regel am Tag vor der Oscarverleihung. 2020 fiel die Gala wegen der Corona-Pandemie aus, die Gewinner wurden online bekannt gegeben. Die 46. Verleihung fand am 14. März 2026 in Los Angeles statt.

Wer wählt die Gewinner?

Zahlende Mitglieder der Golden Raspberry Award Foundation, rund 650 aus 19 Ländern. Eine Fachjury gibt es nicht.

Wer hat die meisten Goldenen Himbeeren?

Sylvester Stallone mit zwölf. Als Film hält „Jack und Jill“ mit zehn Himbeeren den Rekord.

Hat schon einmal jemand Himbeere und Oscar im selben Jahr bekommen?

Ja, Sandra Bullock 2010: Himbeere für „Verrückt nach Steve“ am Samstag, Oscar für „Blind Side“ am Sonntag.

Was ist der Razzie Redeemer Award?

Ein Preis für frühere Razzie-Kandidaten, die später überzeugt haben – zuerst 2015 für Ben Affleck, 2026 für Kate Hudson.

Quellen