Das Pygmalion Theater Wien ist eine kleine, aber bedeutende Kulturinstitution im Herzen Wiens. Das Theater ist ein österreichisches Privat- und Sprechtheater, welches im November 1995 von Geirun Tino gegründet wurde. Mit nur 40 Plätzen zählt es zu den intimsten Theaterbühnen der Stadt. Das Haus versteht sich als Laboratorium moderner Theaterideen und verfolgt einen kompromisslosen künstlerischen Ansatz, der sich bewusst vom Mainstream abhebt.
Der Name und seine Bedeutung
Die Geschichte von Pygmalion, dem König von Zypern, der sich eine Marmorstatue anfertigen ließ und sich so sehr in sie verliebte, dass sogar die Götter gerührt waren und die kalte Steinfigur in ein lebendiges Wesen verwandelten, ist die Parabel, hinter der das künstlerische Credo des Hauses steht. Diese mythologische Geschichte spiegelt die Grundidee des Theaters wider. Den Weg der Galatea, vom rohen Marmorblock zum Brennpunkt der Emotionen, schließlich zum eigentlichen Leben selbst, diesen will der Prinzipal des Theaters, Geirun Tino, als Künstler auf der Bühne nachvollziehen und nachvollziehbar machen.
Das Theater sieht Kunst nicht als Imitation, sondern als das Leben selbst. Die Kunst ist nach seiner Auffassung nicht ein Imitat des Lebens, sondern das Leben selbst in seiner vollen Einheit und Komplexität: der einzige Lebensraum, der nicht virtuell, fragmentarisch oder stochastisch – wie der Alltag – erlebt wird.
Lage und Räumlichkeiten
Das Pygmalion Theater liegt sehr zentral in der Alser Straße 43 im Bezirk Josefstadt, unweit der Inneren Stadt und in unmittelbarer Nähe des Campus der Universität Wien. Die Lage im 8. Wiener Gemeindebezirk macht es gut erreichbar. Trotz seiner zentralen Position ist es eine versteckte Perle – wer nicht gezielt danach sucht, würde es kaum finden.
Der Theatersaal ist bewusst klein gehalten. Die Bühne ist eine Black Box, wodurch scharf konturierte Darstellungen ermöglicht werden. Diese intime Atmosphäre schafft eine besondere Nähe zwischen Publikum und Darstellern. Der Bühnenraum des Pygmalion Theaters ist in Schwarz gehalten.
Geirun Tino – Der Gründer und seine Vision
Geirun Tino ist die treibende Kraft hinter dem Pygmalion Theater. Geirun Tino (* 19. November 1950 in Brăila, Rumänien) ist ein österreichischer Theaterintendant, Regisseur, Schauspieler, Dramaturg und Übersetzer. Seine Lebensgeschichte ist geprägt von politischer Verfolgung und künstlerischem Widerstand.
Geirun Tino studierte an der Akademie für Theater und Film in Bukarest, Rumänien, und diplomierte 1974 zum Theaterregisseur. In Rumänien inszenierte er über 30 Produktionen, hauptsächlich klassische Werke. Sechs Inszenierungen wurden politisch verboten. Von 1982 bis 1984 hatte er die künstlerische Leitung des Stadttheaters Bacau inne. 1985 erhielt er Arbeitsverbot in Rumänien und flüchtete nach Österreich.
Nach seiner Flucht gründete Tino 1989 die Schauspielschule Pygmalion in Wien und schließlich 1995 das Theater. 2012 erhielt GEIRUN TINO das „Goldene Ehrenzeichen des Landes Wien“ für Kunst und Kultur – eine wichtige Anerkennung seiner jahrzehntelangen Arbeit.
Das künstlerische Konzept – Theater pur
Das Pygmalion Theater verfolgt einen radikalen Ansatz. Dadurch separiert sich der Theaterweg des Pygmalion Theaters vom heutigen Trend des multimedialen oder interaktiven Theaters und hat den Anspruch, nur und ausschließlich mit seinen eigenen Mitteln die szenische Spannung zu erzeugen.
Der Schauspieler im Zentrum
Am Pygmalion Theater ist das einzige autarke Element auf der Bühne der Schauspieler selbst. Das Theater verzichtet bewusst auf technische Spielereien. Unmöglich sind in diesem Zusammenhang moderne Moden wie etwa Videoprojektionen auf der Bühne, die, im engeren Sinn betrachtet, eine technisch komplexere Variante des gemalten Bühnenhintergrundes darstellen.
Souffliert wird am Pygmalion Theater nicht. Die Schauspieler müssen ihre Texte perfekt beherrschen. Das verlangt absolute Professionalität und Hingabe.
Die Schauspielkunst
Die Art der Schauspielkunst am Pygmalion hat tiefe Wurzeln. Diese Art der Schauspielkunst hat ihre Wurzeln in der Commedia dell’arte, wurde unter Meyerhold weiterentwickelt und in der jüngeren Geschichte durch Living Theatre und Größen wie Grotowski oder Mnouchkine perfektioniert.
Hier wird hingegen die Entstehung eines metaphysischen Zeichens aus der Gestik des Alltags erforscht. Jede Geste wird mit Emotionen angereichert, bis sie gleichsam als metaphysisches Zeichen explodiert. Diese Arbeitsweise macht jede Aufführung zu einem intensiven Erlebnis.
Minimalistische Bühnenästhetik
Das Bühnenbild ist stets minimalistisch, reduktionalistisch gehalten. Die Beschränkung auf die Essenz – den Schauspieler/die Schauspielerin – ist der Grundgedanke. Der Ort des Theatergeschehens ist der Raum an sich, leer, rein, ohne Attribute.
Die wenigen Objekte auf der Bühne haben eine besondere Funktion. Sie werden mit Bedeutung und Emotion vom Spiel der Schauspieler neu eingekleidet und werden dadurch die Eigenschaften der gespielten Situation übernehmen. Sie sind vielmehr die Materialisierung der gestörten Relationen, die das Spannungsfeld des Bühnengeschehens aufbauen.
Das Repertoire – Literatur auf der Bühne
Das Pygmalion Theater hat sich auf die Dramatisierung bühnenfremder Stoffe spezialisiert. Verstärkt findet die Dramatisierung bühnenfremder Stoffe Zuwendung. Das Haus ist besonders bekannt für seine Kafka-Adaptionen.
Kafka als Schwerpunkt
Franz Kafka nimmt eine zentrale Stellung im Repertoire ein. Werke wie Kafkas Romane (Amerika, Die Verwandlung, Das Schloss, Der Prozess und Ein Bericht für eine Akademie) wurden erfolgreich auf die Bühne gebracht. Diese Inszenierungen gehören zu den Markenzeichen des Hauses.
Weitere literarische Adaptionen
Neben Kafka stehen auch andere große Werke der Weltliteratur auf dem Programm:
- Die Schachnovelle von Stefan Zweig
- Der Spieler von Fjodor Dostojewski
- Werke von Joseph Roth, wie „Die Legende vom heiligen Trinker“
- Arthur Schnitzlers „Reigen“ und „Das süße Mädel“
- Georg Büchners „Woyzeck“
Das Theater scheut sich nicht vor experimentellen Ansätzen. So wurden auch die Märchen der Gebrüder Grimm, vermischt mit den Schriften Sigmund Freuds auf die Bühne gebracht.
Die Schauspielschule Pygmalion
Parallel zum Theater betreibt Geirun Tino eine Schauspielschule. Die Schauspielschule bildet ca. 50 Schüler aus, ihr Schwerpunkt liegt in der Methode des Unterrichts nach Bertolt Brecht. Die Ausbildung folgt einem klaren künstlerischen Konzept und bereitet die Studierenden auf die spezielle Arbeitsweise des Theaters vor.
Die Schule dient auch als Talentschmiede für das Theater selbst. Viele Absolventen finden hier ihre erste professionelle Bühne. Viele talentierte und heute erfolgreiche Schauspieler wurden bei Geirun Tino ausgebildet.
Opera Prima – Plattform für junge Künstler
Ein besonderes Konzept des Theaters ist „Opera Prima“ – das Erstlingswerk. „Opera Prima“ – das Erstlingswerk – ist ein Konzept, das den Enthusiasmus, die Energie und die Ambitionen junger TheaterprofessionistInnen mit den Kenntnissen und der Erfahrung geübter TheatermacherInnen verbindet.
Sozial gesehen ermöglicht das Pygmalion Theater Wien jungen KünstlerInnen, ihr erstes bedeutendes Werk einer Theateröffentlichkeit vorzustellen. Das Theater bietet damit eine wichtige Startrampe für Nachwuchstalente. Hier können sie erste Bühnenerfahrungen sammeln und sich einem Publikum präsentieren.
Das Ensemble heute
Das Theater arbeitet mit einem festen Ensemble und Gästen. Zu den wichtigen Mitarbeitern gehören:
- Geirun Tino als künstlerischer Leiter, Regisseur und Schauspieler
- Philipp Kaplan als kaufmännischer Leiter, Schauspieler und Sprecherzieher
- Camelia Tino als Regisseurin und Dramatiklehrerin
- Verschiedene Schauspieler wie Peter Austin-Brentnall und Martin Ploderer
Philipp Kaplan spielt eine besondere Rolle im Theater. Er ist nicht nur kaufmännischer Leiter, sondern auch aktiver Schauspieler. Seine Ein-Mann-Inszenierung von Kafkas „Die Verwandlung“ läuft seit 2015 und ist ein Publikumsmagnet.
Bedeutung für die Wiener Theaterszene
Das Pygmalion Theater hat sich als wichtige Alternative zu den großen Häusern etabliert. Für Wien etablierte er mit seiner Schauspielschule und dem Theater Pygmalion eine wichtige Theater-Adresse neben den Bühnen der Hochkultur.
Mit seinem kompromisslosen Ansatz bietet es eine Gegenstimme zum kommerziellen Theater. Es zeigt, dass Theater auch mit minimalen Mitteln große Kunst schaffen kann. Die Konzentration auf das Wesentliche – den Menschen und seine Geschichte – macht jede Aufführung zu einem besonderen Erlebnis.
Aktuelle Situation und Ausblick
Das Theater feierte kürzlich sein 30-jähriges Jubiläum. Das Privat- und Sprechtheater wurde im November 1995 von Geirun Tino gegründet. Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die kleine Theater haben, hält das Pygmalion an seinem künstlerischen Kurs fest.
Das Theater spielt regelmäßig mit acht bis zehn Premieren pro Jahr. Es bietet auch Schulvorstellungen an und macht damit Theater für junge Menschen zugänglich. Die Ticketpreise sind moderat gehalten, um Kultur für alle möglich zu machen.
Ein Theater mit Seele
Das Pygmalion Theater ist mehr als nur eine Bühne. Es ist ein Ort der Begegnung, wo Kunst in ihrer reinsten Form erlebt werden kann. Die kleine Größe ist dabei kein Mangel, sondern Programm. Hier entsteht eine Intimität zwischen Darstellern und Publikum, die in großen Häusern unmöglich wäre.
Geirun Tino hat mit dem Pygmalion Theater einen Raum geschaffen, wo Theater als Kunstform ernst genommen wird. Ohne Kompromisse, ohne Zugeständnisse an den Zeitgeist. Das macht es zu einem unverzichtbaren Teil der Wiener Kulturlandschaft.
Wer das Pygmalion Theater besucht, erlebt Theater in seiner ursprünglichsten Form – als direkte Kommunikation zwischen Menschen, als Verwandlung des Alltäglichen ins Poetische, als lebendige Kunst. Genau wie in der Pygmalion-Geschichte wird hier tote Materie zum Leben erweckt. Und das macht dieses kleine Theater zu etwas ganz Großem.
Kontaktinformationen:
- Adresse: Alser Straße 43, 1080 Wien
- Telefon: +43 681 20 75 44 96
- E-Mail: info@pygmaliontheater.at
- Website: www.pygmalion-theater.at
- Facebook: facebook.com/Pygmaliontheater
