Fernseher im abgedunkelten Wohnzimmer am Sonntagabend
Foto: „WDR-Dreharbeiten zu Tatort Münster „Lakritz““ von Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons (Größe angepasst)

Tatort: Warum der Krimi-Klassiker seit 1970 funktioniert – und wie viele Leichen er zählt

Der „Tatort“ ist eine Krimireihe von ARD, ORF und SRF, die seit dem 29. November 1970 läuft und bis September 2026 auf 1.340 Folgen kam. Im Durchschnitt gibt es pro Film gut zwei Tote – das ergab eine Auswertung der ersten 1.000 Folgen.

Der Erfolg beruht auf einem ungewöhnlichen Bauprinzip: Der „Tatort“ ist keine Serie, sondern eine Reihe aus vielen Serien, die sich einen Sendeplatz, einen Vorspann und eine Titelmusik teilen.

Die Anfänge: ein Konzept aus Köln, ein Film aus Hamburg

Die Idee stammt von Gunther Witte. Er entwickelte sie im Auftrag des WDR-Fernsehspielchefs Günter Rohrbach als Nachfolger der ARD-Reihe „Stahlnetz“ und als Antwort auf die ZDF-Konkurrenz „Der Kommissar“. Die ARD-Fernsehspielchefs lehnten das Konzept zunächst ab, genehmigten es im zweiten Anlauf 1970 – so kurzfristig, dass keine Zeit für eigens produzierte Filme blieb.

Deshalb ist die erste Folge ein Umwidmungsfall: „Taxi nach Leipzig“ vom NDR war bereits fertig, als die Reihe beschlossen wurde, und lief am 29. November 1970 als Auftakt. Walter Richter spielte Kommissar Trimmel. Den Vorspann drehte man 1970 in München: Die Augen im Fadenkreuz und die flüchtenden Beine gehören dem Schauspieler Horst Lettenmayer, gefilmt auf dem damaligen Flughafen München-Riem. Er bekam dafür einmalig 400 D-Mark. Die Titelmusik komponierte Klaus Doldinger.

Das Prinzip: viele Teams, ein Sendeplatz

Jede ARD-Anstalt schickt eigene Ermittler ins Rennen, die in „ihrem“ Sendegebiet arbeiten. Seit 1971 ist der ORF beteiligt, das Schweizer Fernsehen von 1990 bis 2001 und wieder seit 2011. Insgesamt sind mehr als 80 Ermittler oder Teams aufgetreten. Neue Folgen laufen sonntags um 20:15 Uhr im Ersten, in ORF 2 und SRF 1.

KennzahlWert
Erste Folge„Taxi nach Leipzig“, 29.11.1970 (NDR)
Folgen gesamt1.340 (Stand: 20. September 2026), dazu 13 ORF-Exklusivfolgen
Neue Folgen pro Jahretwa 35, Rekord 2015 mit 40
Folge 1.000„Taxi nach Leipzig“, 13.11.2016, mit Lindholm und Borowski
Folge 1.300„Messer“, 13.04.2025
Meistgesehene Folge„Rot – rot – tot“, 01.01.1978: 26,57 Mio.
Höchste Reichweite seit Anfang der 1990er„Fangschuss“ (Münster), 02.04.2017: 14,56 Mio., 39,6 % Marktanteil

Rekord-Ermittler: Batic und Leitmayr, Thiel und Boerne

München. Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) ermittelten ab dem 1. Januar 1991 („Animals“) und sind das Team mit den meisten Einzelfolgen der Reihe. Nach 35 Jahren und 100 Fällen – so zählt der Bayerische Rundfunk – verabschiedeten sie sich an Ostern 2026 mit der Doppelfolge „Unvergänglich“ (5. und 6. April). Der letzte Fall griff Motive ihres ersten auf, bis hin zu Leitmayrs rotem Porsche. Das neue Münchner Team bilden Ferdinand Hofer und Carlo Ljubek.

Münster. Frank Thiel (Axel Prahl) und Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ermitteln seit dem 20. Oktober 2002 („Der dunkle Fleck“); im Dezember 2025 lief ihr 48. Fall. Von 2010 bis 2013 war das Münsteraner Duo im Schnitt das quotenstärkste Team; jede Erstausstrahlung sahen in dieser Zeit mehr als zehn Millionen Menschen. „Fangschuss“ erreichte 2017 14,56 Millionen, „Rhythm and Love“ im Mai 2021 noch 14,22 Millionen bei ebenfalls 39,6 Prozent Marktanteil.

Ludwigshafen. Ulrike Folkerts ermittelt als Lena Odenthal seit Oktober 1989, also länger als Batic und Leitmayr; ihr 84. Fall ist für den 4. Oktober 2026 angekündigt.

Quoten: Warum der Sonntag funktioniert

In den 1970er-Jahren, ohne Privatfernsehen, erreichten einzelne Folgen mehr als 25 Millionen Zuschauer und über 70 Prozent Marktanteil. Solche Werte sind heute unmöglich, zweistellige Millionenzahlen gibt es trotzdem regelmäßig. Der „Tagesspiegel“ erklärte den Rekord von „Fangschuss“ mit einer schlichten Beobachtung: Das breite Publikum wolle im „Tatort“ keine Experimente, sondern das bekannte Muster – Leiche am Anfang, Ermittlung, Täter am Ende. Formexperimente wie der in der Zukunft spielende Stuttgarter Fall „HAL“ (2016) oder die Horror-Anleihen in „Fürchte dich“ (2017) bleiben deshalb Ausnahmen.

Dazu kommt das Ritual: Neue Folgen laufen seit Jahrzehnten sonntags zur Hauptsendezeit, und immer mehr Zuschauer kommentieren sie parallel im Netz. Der Bayerische Rundfunk zählte 2013 durchschnittlich rund 6.000 Tweets pro Erstausstrahlung, Anfang 2016 schon über 9.000.

Die Leichen-Bilanz: 2,3 Tote pro Folge

Zur 1.000. Folge wertete die Fanseite Tatort-Fundus Ende 2016 alle bis dahin gesendeten Filme aus. Das Ergebnis:

  • 2.280 Tote in 1.000 Folgen, im Schnitt 2,3 pro Film
  • rund 80 Prozent davon Mordopfer, der Rest Unfälle, Suizide oder natürliche Todesfälle
  • häufigste Todesart: Erschießen, gefolgt von stumpfer Gewalt und Vergiftung
  • 21 Folgen ganz ohne Leiche – 18 davon liefen vor 1987, danach nur noch drei
  • 47 Folgen mit fünf oder mehr Toten
FolgeJahrTote
Im Schmerz geboren (Wiesbaden, Ulrich Tukur)201451
Im gelobten Land201626
Der hundertste Affe201621
Kopfgeld201419
Kein Entkommen201215

Auch die Ermittler selbst töten: An der Spitze lag 2016 Nick Tschiller (Til Schweiger) mit elf Toten, vor Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) mit sieben und Horst Schimanski (Götz George) mit fünf. Die Zahlen zeigen auch einen Wandel: Folgen ganz ohne Tote gab es fast nur in den ersten 17 Jahren der Reihe, seit 1987 nur noch drei.

Jubiläen: 25, 50 und Folge 1.000

Zum 25. Geburtstag 1995 drehte Dominik Graf „Frau Bu lacht“ mit Batic und Leitmayr. Zum 50. Jubiläum lief genau am 29. November 2020 der erste Teil der Doppelfolge „In der Familie“: Dortmund (Peter Faber, gespielt von Jörg Hartmann) und München ermittelten gemeinsam gegen die kalabrische ’Ndrangheta. Teil 1 inszenierte wieder Dominik Graf, Teil 2 am 6. Dezember 2020 Pia Strietmann. Folge 1.000 hieß 2016 wie der erste Film „Taxi nach Leipzig“ und brachte Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg) zusammen.

Wer nach dem Sonntagskrimi noch Filmstoff sucht, findet bei uns eine Besprechung zu „Afterburn“ (2025) – und für die andere Seite der Qualitätsskala die Geschichte der Goldenen Himbeere.

Häufige Fragen

Wann lief der erste Tatort?

Am 29. November 1970: „Taxi nach Leipzig“ vom NDR mit Walter Richter als Kommissar Trimmel.

Wie viele Tatort-Folgen gibt es?

1.340 Gemeinschaftsproduktionen (Stand: 20. September 2026) plus 13 Folgen, die nur für den ORF produziert wurden. Pro Jahr kommen etwa 35 neue hinzu.

Welches Team hat die meisten Fälle gelöst?

Batic und Leitmayr aus München mit 100 Fällen zwischen 1991 und 2026.

Welche Tatort-Folge hatte die meisten Zuschauer?

„Rot – rot – tot“ am 1. Januar 1978 mit 26,57 Millionen. Seit Anfang der 1990er-Jahre hält „Fangschuss“ aus Münster (2017) mit 14,56 Millionen den Bestwert.

Wie viele Tote gibt es im Tatort?

In den ersten 1.000 Folgen 2.280, also rund 2,3 pro Folge. Die tödlichste Folge ist „Im Schmerz geboren“ (2014) mit 51 Toten.

Quellen