Der Klimawandel macht die Erde runder
Schmelzendes Polareis verändert die Form unseres Planeten: Die feste Erde wird immer schneller runder. Was Satellitendaten zeigen und warum das wichtig ist.

Die Erde ist keine perfekte Kugel. Weil sie sich dreht, ist sie am Äquator etwas dicker als von Pol zu Pol. Genau diese Form verändert sich gerade – und zwar immer schneller. Eine neue Auswertung von Satellitendaten zeigt: Der feste Erdkörper wird runder, weil das Eis an den Polen schmilzt. Die Veränderungen bewegen sich im Millimeterbereich, sind aber messbar und haben Folgen für die Erdrotation.
Eine abgeplattete Kugel
Durch die Fliehkraft der täglichen Drehung wölbt sich die Erde am Äquator nach außen. Der Äquatorradius ist mit rund 6.378 Kilometern etwa 21 Kilometer größer als der Polradius mit rund 6.357 Kilometern. Fachleute sprechen von einem abgeplatteten Rotationsellipsoid. Wie stark diese Abplattung ist, hängt auch davon ab, wo auf der Erde wie viel Masse liegt – und genau das verschiebt der Klimawandel.

Was die neue Studie zeigt
Der Geodät Christoforos Kotsakis von der Aristoteles-Universität Thessaloniki hat für seine Studie Daten globaler Satellitennavigationssysteme (GNSS) ausgewertet – also die genauen Positionen Tausender Messstationen auf der Erdoberfläche. Er entwickelte dafür ein neues Verfahren. Die Arbeit erschien am 9. September 2026 im „Journal of Geophysical Research: Solid Earth“, Live Science berichtete am 22. Oktober.
- Von 1997 bis 2000 wurde die feste Erde um etwa 0,5 Millimeter pro Jahr runder.
- Von 2011 bis 2015 hoben sich die Polregionen und der Äquatorwulst sank – jeweils um etwa 1 Millimeter pro Jahr.
- Die Rundung hat sich also beschleunigt.
- Rechnet man die Ozeane mit ein, wird die Erde dagegen leicht flacher, um etwa 0,8 Millimeter pro Jahr.
Warum schmelzendes Eis die Form verändert
Die Eisschilde Grönlands und der Antarktis drücken mit enormem Gewicht auf die Erdkruste. Schmilzt das Eis, wird die Last leichter, und die Kruste hebt sich langsam wieder – ähnlich wie Teig, der nach dem Eindrücken zurückfedert. Das Schmelzwasser fließt ins Meer und verteilt sich Richtung Äquator. Dort drückt die zusätzliche Wassermasse auf den Meeresboden und lässt den festen Äquatorwulst etwas schrumpfen. Gleichzeitig wölbt sich die Wasseroberfläche selbst am Äquator stärker – deshalb wird die Erde mitsamt Ozeanen insgesamt leicht flacher, obwohl der Gesteinskörper runder wird.
Interessant ist auch ein Nebenbefund: GNSS-Messungen und Messungen des Schwerefelds passen nicht perfekt zusammen. Form und Schwerkraft der Erde ändern sich also nicht ganz im Gleichschritt. Zusammen lassen sich mit beiden Methoden aber große Effekte wie das Abschmelzen in Grönland und der Antarktis und Verschiebungen der Wassermassen in den Ozeanen verfolgen.
Folgen für die Erdrotation – und die Uhrzeit
Wenn sich Masse auf der Erde verlagert, verändert sich auch ihre Drehung – so wie eine Eiskunstläuferin langsamer wird, wenn sie die Arme ausstreckt. Andere Studien haben gezeigt, dass das Schmelzwasser die Erddrehung leicht bremst. Das hat sogar die Zeitmessung beeinflusst: Ohne diesen Effekt wäre nach Berechnungen des Geophysikers Duncan Agnew schon 2026 eine „negative Schaltsekunde“ nötig gewesen. Mehr dazu in unserem Beitrag zur Abschaffung der Schaltsekunde.
Warum Millimeter wichtig sind
Für den Alltag spielen ein paar Millimeter keine Rolle. Für die Geodäsie, die Wissenschaft von der Vermessung der Erde, sind sie aber entscheidend: Satellitennavigation, Meeresspiegelmessungen und globale Koordinatensysteme beruhen auf einem genauen Modell der Erdform. Dass sich die Form messbar und immer schneller verändert, ist zugleich ein weiteres Zeichen dafür, wie stark der Mensch über den Klimawandel inzwischen in grundlegende Eigenschaften des Planeten eingreift.
Quellen
Recherchiert und geschrieben von der brald-Redaktion, zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2026. Wie wir arbeiten, steht in unseren Redaktionsleitlinien. Fehler gefunden? Schreiben Sie uns – wir korrigieren transparent.


