Schaltsekunde abgeschafft: Was sich an der Weltzeit ab 2027 ändert

Die Schaltsekunde fällt weg: Ab Mai 2027 darf die Weltzeit UTC bis zu einer Stunde von der Erddrehung abweichen. Warum das so ist und was sich für Sie ändert.

Titelgrafik: Schaltsekunde abgeschafft – Weltzeit ab 2027
Grafik: brald.com

Seit 1972 haben Zeitexperten 27-mal eine zusätzliche Sekunde in die Weltzeit eingefügt, damit die Uhren nicht von der Drehung der Erde davonlaufen. Damit ist bald Schluss: Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) hat am 15. Oktober 2026 in Versailles beschlossen, die Schaltsekunde abzuschaffen. Ab dem 20. Mai 2027 läuft die Koordinierte Weltzeit UTC ohne Unterbrechung weiter. Für den Alltag ändert sich praktisch nichts – für Rechenzentren, Netze und Navigationssysteme dagegen eine Menge.

Der Beschluss von Versailles

Die CGPM ist das oberste Gremium des internationalen Einheitensystems, ihre Beschlüsse setzt das Internationale Büro für Maß und Gewicht (BIPM) um. Auf ihrer 28. Sitzung entschied sie laut Euronews und Südtirol News:

  • Ab dem 20. Mai 2027 werden keine Schaltsekunden mehr eingefügt.
  • UTC darf künftig bis zu 3.600 Sekunden, also eine Stunde, von der astronomischen Zeit UT1 abweichen. Bisher lag die Grenze bei 0,9 Sekunden.
  • Wie und wann der Abstand später einmal ausgeglichen wird, ist offen. Fachleute rechnen damit, dass das erst in mehreren Jahrhunderten nötig wird.

Grundsätzlich hatte die CGPM das Aus schon im November 2022 beschlossen, damals mit dem Zieljahr 2035. Nun kommt es rund acht Jahre früher. Der 20. Mai ist übrigens kein Zufall: An diesem Tag wurde 1875 die Meterkonvention unterzeichnet, er ist heute Weltmetrologietag.

Was ist eine Schaltsekunde?

Seit 1967 ist die Sekunde über Atome definiert: Sie dauert exakt 9.192.631.770 Schwingungen einer bestimmten Strahlung des Cäsium-133-Atoms. Atomuhren zählen diese Sekunden extrem gleichmäßig. Die Erde dreht sich dagegen nicht ganz gleichmäßig. Gezeiten bremsen sie über lange Zeiträume ab, Vorgänge im Erdkern, in den Ozeanen und in der Atmosphäre lassen die Tageslänge um Sekundenbruchteile schwanken.

Deshalb gibt es mehrere Zeitskalen:

  • TAI (Internationale Atomzeit) zählt nur die Atomsekunden.
  • UT1 folgt der tatsächlichen Drehung der Erde.
  • UTC (Koordinierte Weltzeit) läuft im Takt der Atomuhren, wurde aber bisher per Schaltsekunde an UT1 angeglichen. Auf UTC beruhen alle bürgerlichen Uhrzeiten, in Deutschland die MEZ (UTC+1) und die MESZ (UTC+2).

Drohte der Abstand zwischen UTC und UT1 größer als 0,9 Sekunden zu werden, kündigte der Internationale Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme (IERS) etwa ein halbes Jahr im Voraus eine Schaltsekunde an. Die Uhren zeigten dann am 30. Juni oder 31. Dezember um Mitternacht einmal „23:59:60“. Das geschah 27-mal, zuletzt in der Silvesternacht 2016/17. Weil UTC 1972 schon mit 10 Sekunden Abstand startete, liegt sie heute 37 Sekunden hinter der Atomzeit TAI.

Infografik: Die Schaltsekunde in Zahlen – seit 1972 27-mal eingefügt, ab 20. Mai 2027 abgeschafft
Grafik: brald.com
Grafik auf der eigenen Website einbetten →

Sie dürfen diese Grafik mit Quellenangabe kostenlos auf Ihrer Website verwenden. Kopieren Sie dazu diesen Code:

Warum die Schaltsekunde Probleme macht

Was für Menschen eine Kleinigkeit ist, bringt Computer durcheinander. Viele Programme rechnen nicht damit, dass eine Minute 61 Sekunden hat. Beim Schaltsprung am 30. Juni 2012 legte ein Fehler im Linux-Kernel zahlreiche Server lahm: Betroffen waren unter anderem Reddit und Mozilla, und das Buchungssystem Amadeus fiel aus, sodass die Fluggesellschaft Qantas Passagiere von Hand einchecken musste. In der Silvesternacht 2016/17 löste die Schaltsekunde beim Internetdienstleister Cloudflare einen Fehler im DNS-System aus.

Große Konzerne wie Google verschmieren die Schaltsekunde deshalb seit Jahren über viele Stunden („Leap Smear“), statt sie auf einen Schlag einzufügen. Satellitennavigation geht eigene Wege: Die GPS-Zeit kennt keine Schaltsekunden und liegt heute 18 Sekunden vor UTC. Das russische System GLONASS dagegen verarbeitet die Schaltsekunden direkt – ein Grund, warum Russland 2022 gegen einen Ausstieg vor 2035 gestimmt und einen späteren Termin gefordert hatte, wie Scientific American berichtete.

Die Erde dreht sich schneller: Angst vor der negativen Schaltsekunde

Den letzten Anstoß gab eine Entwicklung, mit der lange niemand gerechnet hatte: Die Erde drehte sich in den vergangenen Jahren zeitweise etwas schneller. Statt eine Sekunde einzufügen, hätte man dann erstmals eine abziehen müssen – die Uhren wären von 23:59:58 direkt auf Mitternacht gesprungen. Das wurde noch nie ausprobiert, und kaum ein System ist darauf getestet.

Nach Angaben der Berliner Zeitung schätzten Zeitexperten das Risiko einer negativen Schaltsekunde bis 2035 auf rund 30 Prozent. Patrizia Tavella vom BIPM sagte, für die Industrie seien schon 10 Prozent zu viel gewesen. Dass es nicht längst so weit ist, liegt ausgerechnet am Klimawandel: Der Geophysiker Duncan Agnew zeigte 2024 in einer Studie im Fachjournal „Nature“, dass Schmelzwasser aus Grönland und der Antarktis die Erde leicht abbremst. Ohne diesen Effekt wäre eine negative Schaltsekunde schon 2026 fällig gewesen.

Was sich für Sie ändert

  • Uhren und Handys: nichts. Smartphones und Computer stellen sich weiter automatisch, Funkuhren empfangen weiter das Zeitsignal DCF77 der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig. Nur die Vorankündigung einer Schaltsekunde entfällt.
  • Sonnenstand: Die Uhrzeit entfernt sich langsam vom Sonnenstand – aber so langsam, dass es niemand merkt. Zum Vergleich: In Berlin steht die Sonne im Mittel schon heute erst gegen 12:06 Uhr MEZ am höchsten, weil die MEZ auf den 15. Längengrad bei Görlitz ausgerichtet ist.
  • Fachleute: Astronomen, Geodäten und Satellitenbetreiber müssen den wachsenden Abstand zwischen UTC und UT1 künftig selbst berücksichtigen.
  • Technik: Rechenzentren, Börsen, Strom- und Telekommunikationsnetze bekommen eine Zeit ohne Sprünge – genau das hatten sie seit Jahren gefordert.

Wer mehr darüber wissen will, warum Atomuhren in Flugzeugen und Satelliten überhaupt anders gehen als am Boden, findet die Erklärung in unserem Beitrag über die Frage, ob man eine Zeitmaschine bauen kann.

Nicht verwechseln: Schaltsekunde und Zeitumstellung

Mit der Zeitumstellung hat der Beschluss nichts zu tun. Am Sonntag, 25. Oktober 2026, werden die Uhren in Deutschland wie gewohnt um 3 Uhr auf 2 Uhr zurückgestellt – so früh im Jahr wie überhaupt möglich, weil die EU-Richtlinie 2000/84/EG den letzten Sonntag im Oktober vorschreibt. Die von der EU-Kommission 2018 vorgeschlagene Abschaffung der Zeitumstellung kommt dagegen nicht voran: Die Mitgliedstaaten konnten sich bis heute nicht einigen.

Quellen

Über diesen Beitrag
Recherchiert und geschrieben von der brald-Redaktion, zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2026. Wie wir arbeiten, steht in unseren Redaktionsleitlinien. Fehler gefunden? Schreiben Sie uns – wir korrigieren transparent.

Mehr aus Technik

Alle Beiträge →
Technik

Die Saljut 7

Saljut 7 (russisch Салют-7) war die letzte Raumstation des Saljut-Programms der Sowjetunion, die in eine niedrige Erdumlaufbahn gebracht wurde. Sie wurde am