Robert Enke (1977–2009) war Torwart von Hannover 96 und der deutschen Nationalmannschaft, für die er acht Länderspiele bestritt. Er war seit 2003 wegen Depressionen in Behandlung, hielt die Krankheit aber aus Angst um seine Karriere geheim; sein Tod im November 2009 hat den Umgang mit psychischen Erkrankungen im deutschen Profisport nachhaltig verändert.
Dieser Text zeichnet die sportliche Laufbahn nach, ordnet die Erkrankung ein und beschreibt, welche Strukturen seitdem entstanden sind. Auf Details zu den Todesumständen verzichtet er bewusst, entsprechend Richtlinie 8.7 des Pressekodex.
Die Karriere: Stationen von Jena bis Hannover
Enke wurde am 24. August 1977 in Jena geboren. Ab 1985 spielte er für den FC Carl Zeiss Jena, im November 1995 gab er dort als Ersatztorwart des Zweitligisten sein Profidebüt – ausgerechnet gegen Hannover 96, seinen späteren Klub. Nach zwei Jahren auf der Bank in Mönchengladbach wurde er 1998/99 Stammtorhüter, weil Uwe Kamps sich die Achillessehne gerissen hatte. Den Abstieg der Borussia verhinderte er nicht.
| Zeitraum | Verein | Liga-Einsätze | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| 1985–1996 | FC Carl Zeiss Jena | 3 (2. Bundesliga) | Profidebüt November 1995 |
| 1996–1999 | Borussia Mönchengladbach | 32 | Stammtorhüter 1998/99, Abstieg 1999 |
| 1999–2002 | Benfica Lissabon | 77 | Kapitän unter Jupp Heynckes |
| 2002–2004 | FC Barcelona | kaum Einsätze | Pokal-Aus gegen Drittligist Novelda |
| 2003 (Leihe) | Fenerbahçe Istanbul | 1 | nach einer Niederlage Vertrag aufgelöst |
| 2004 (Leihe) | CD Teneriffa | 9 | zweite spanische Liga |
| 2004–2009 | Hannover 96 | 164 | Kapitän ab 2007 |
In Lissabon machte Heynckes den Deutschen zum Kapitän, das Interesse großer Klubs wuchs. 2002 wechselte Enke ablösefrei zum FC Barcelona. Unter Louis van Gaal kam er jedoch kaum zum Einsatz; sein Debüt fiel mit einer Pokalniederlage gegen den Drittligisten Novelda zusammen, für die er öffentlich kritisiert wurde. Die Leihe zu Fenerbahçe im Sommer 2003 endete nach einem einzigen Spiel: Nach der Niederlage bewarfen ihn die eigenen Fans mit Gegenständen, Enke löste den Vertrag auf. Im Januar 2004 ließ er sich zum CD Teneriffa in die zweite spanische Liga ausleihen und fand dort sportlich zurück.
Im Sommer 2004 kam er zu Hannover 96. Dort wurde er Leistungsträger, ab 2007 Kapitän, und die Bundesligaprofis wählten ihn 2006 und 2009 in der Umfrage des „Kicker“ zum Torhüter des Jahres. Zusammen mit den Gladbacher Jahren kam er auf 196 Bundesligaspiele.
Nationalmannschaft: acht Länderspiele
Enke spielte 15-mal für die U21 und fuhr 1999 zum Konföderationen-Pokal nach Mexiko, ohne eingesetzt zu werden. Sein A-Länderspieldebüt gab er erst im März 2007 unter Joachim Löw beim 0:1 gegen Dänemark. Bei der EM 2008 war er offizielle Nummer zwei hinter Jens Lehmann; Deutschland wurde Vize-Europameister.
Nach Lehmanns Rücktritt konkurrierte Enke mit René Adler, Tim Wiese und Manuel Neuer um den Platz im Tor. Sein letztes von insgesamt acht Länderspielen bestritt er am 12. August 2009 beim 2:0 in Baku gegen Aserbaidschan. Für die WM-Qualifikationsspiele im Herbst 2009 sagte er ab; offiziell wurde eine bakterielle Infektion genannt. Später machte sein Vater öffentlich, dass die Depression der eigentliche Grund war.
Depression: eine Erkrankung, kein Charakterzug
Die Deutung, Enke sei an seinem „Ehrgeiz“ gescheitert, greift zu kurz. Depression ist eine ernsthafte Erkrankung, die Denken, Fühlen und Handeln verändert. Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 5,3 Millionen Erwachsene an einer Depression – unabhängig von Beruf oder Leistungsniveau. Enkes Biograf Ronald Reng sagte 2024, es gebe keine Studie, die belege, dass Profifußballer wegen des Drucks anfälliger für Depressionen seien; er geht davon aus, dass Enke auch in einem anderen Beruf erkrankt wäre.
Enkes Biografie zeigt eher, was Verheimlichung anrichtet. Eine erste schwere depressive Phase fiel in die Zeit um den Wechsel nach Istanbul 2003, seitdem war er zeitweise in psychiatrischer Behandlung. 2006 starb die Tochter Lara im Alter von zwei Jahren an einem angeborenen Herzfehler; im Mai 2009 adoptierte das Ehepaar ein Mädchen. Einen Tag nach seinem Tod sagte Teresa Enke vor der Presse: „Wir dachten, mit Liebe geht das.“ Sie schilderte, ihr Mann habe gefürchtet, ein öffentliches Bekenntnis zur Krankheit koste ihn seine sportliche Position. Seinen Zustand beschrieb er ihr mit dem Satz, wenn sie nur eine Minute in seinem Kopf wäre, würde sie sehen, wie furchtbar es sei.
Die wichtigste Botschaft von Fachleuten lautet: Depression ist gut behandelbar, mit Psychotherapie, Medikamenten oder beidem. Die Robert-Enke-Stiftung weist darauf hin, dass moderne Antidepressiva nicht abhängig machen.
Die Robert-Enke-Stiftung
Im Januar 2010 gründeten der DFB, die DFL und Hannover 96 die Robert-Enke-Stiftung, ausgestattet mit 150.000 Euro Kapital. Vorsitzende ist Teresa Enke. Die Stiftung hat zwei Schwerpunkte: Aufklärung über Depression und Hilfe für Kinder mit Herzerkrankungen – Letzteres im Andenken an Lara.
Was die Stiftung konkret anbietet:
- Beratungshotline in Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie der Uniklinik RWTH Aachen: 0241 80 36 777, montags bis freitags 9–12 und 13–16 Uhr (Stand: September 2026, laut Website der Stiftung). Sie richtet sich an Leistungssportler ebenso wie an Nicht-Sportler.
- „Kopfgesundheit“: Seit 2016 halten der frühere Profi Martin Amedick und Enke-Biograf Ronald Reng Vorträge in Nachwuchsleistungszentren, laut Stiftung bei gut 30 Klubs von Bayern München bis Kickers Offenbach.
- „Impression Depression“: eine Virtual-Reality-Erfahrung, die Schulklassen vermittelt, wie sich eine Depression anfühlen kann.
- Infostände vor Bundesligaspielen und ein Förderpreis für seelische Gesundheit im Nachwuchsleistungssport.
Was sich im Fußball verändert hat
Vor 2009 hatte in Deutschland vor allem Sebastian Deisler öffentlich über seine Depression gesprochen. Danach folgten weitere Profis, etwa Martin Amedick, der sich 2012 in Behandlung begab und ein halbes Jahr später ins Mannschaftstraining zurückkehrte, oder international Andrés Iniesta. Ronald Reng stellte 2024 fest, die Berichterstattung über Depression im Leistungssport sei „spürbar sensibler und auch fundierter geworden“.
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie richtete bereits 2010 ein Referat für Sportpsychiatrie ein, mit dem Ziel, Trainer und Vereinsverantwortliche für frühe Symptome zu schulen. Die Stadt Hannover benannte 2011 einen Teil des Arthur-Menge-Ufers am Stadion in Robert-Enke-Straße um.
Abgeschlossen ist die Arbeit nicht. Teresa Enke forderte zum 15. Todestag, die Bemühungen in der Prävention gemeinsam zu verstärken. Nationalspieler Robin Gosens sagte in einer ZDF-Dokumentation, viele Spieler seien weiterhin überzeugt, das Eingeständnis psychischer Probleme habe negative Folgen für die Karriere.
Ronald Rengs Biografie „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“
Der Journalist Ronald Reng, mit Enke befreundet, veröffentlichte 2010 bei Piper die Biografie „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“. Grundlage waren unter anderem Enkes eigene Aufzeichnungen aus seinen depressiven Phasen. Das Buch verbindet Sportbiografie und Krankheitsgeschichte, ohne zu vereinfachen. Die englische Ausgabe „A Life Too Short“ erhielt 2011 den William Hill Sports Book of the Year Award, in Deutschland landete das Buch beim Preis „Fußballbuch des Jahres“ 2011 auf Platz drei.
Häufige Fragen
Für welche Vereine spielte Robert Enke?
Für den FC Carl Zeiss Jena, Borussia Mönchengladbach, Benfica Lissabon, den FC Barcelona, leihweise für Fenerbahçe Istanbul und den CD Teneriffa sowie zuletzt für Hannover 96.
Wie viele Länderspiele hat Robert Enke gemacht?
Acht, zwischen März 2007 (gegen Dänemark) und August 2009 (gegen Aserbaidschan). Bei der EM 2008 war er Ersatztorwart.
War Ehrgeiz die Ursache seiner Erkrankung?
Nein. Depression hat laut Robert-Enke-Stiftung komplexe, individuelle Auslöser. Leistungsdruck kann belasten, erklärt die Erkrankung aber nicht allein – eine Studie, nach der Profifußballer deshalb häufiger erkranken, gibt es laut Ronald Reng nicht.
Was macht die Robert-Enke-Stiftung?
Sie klärt über Depression auf, vermittelt über eine Hotline mit der Uniklinik Aachen Beratung, schult Nachwuchsleistungszentren und fördert Projekte zu Herzerkrankungen bei Kindern.
Wer hat die Biografie über Robert Enke geschrieben?
Ronald Reng; sie erschien 2010 bei Piper unter dem Titel „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“.
Hilfe bei Suizidgedanken und Depression
Wenn Sie selbst betroffen sind oder sich um jemanden sorgen: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 und 116 123, außerdem per Chat und Mail auf telefonseelsorge.de.
Informationen zur Erkrankung und Behandlung bietet die Stiftung Deutsche Depressionshilfe (Info-Telefon 0800 33 44 533). Die Robert-Enke-Stiftung berät unter 0241 80 36 777 (Mo–Fr). In akuten Notfällen: 112.
Quellen
- Robert Enke – Wikipedia
- Robert-Enke-Stiftung: Depression und Hilfsangebote
- Robert-Enke-Stiftung: Projekt Kopfgesundheit
- WEB.DE/dpa: Wie Robert Enkes Tod den Umgang mit Depressionen verändert hat (2024)
- Blick: „Wir dachten, mit Liebe geht das“
- DOSB: Todestag von Robert Enke – das Thema Depression ist öffentlich
- Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Was ist eine Depression?
- Deutscher Presserat: Pressekodex



