Tutzinger Diskurs: Das Dialogformat der Akademie für Politische Bildung

Der Tutzinger Diskurs der Akademie für Politische Bildung: fünf Durchgänge von „Gute Wissenschaft“ bis „Miteinander vor Ort“, Methode und Publikationen.

Tutzinger Diskurs – Dialogformat der Akademie für Politische Bildung Tutzing
Grafik: brald.com

Der „Tutzinger Diskurs“ ist ein Dialogformat der Akademie für Politische Bildung in Tutzing am Starnberger See. Zwischen 2012 und 2021 hat die Akademie fünf solcher Diskurse veranstaltet – zu guter Wissenschaft, Pränataldiagnostik, Big Data im Gesundheitswesen, Integration und Jugendbeteiligung auf dem Land. Jeder Durchgang lief über viele Monate und endete mit einer öffentlichen Publikation.

Hinweis: Dieser Artikel ist ein unabhängiger Überblick von brald.com. brald ist weder die Akademie noch Betreiber oder Nachfolger der früheren Projektwebsite tutzinger-diskurs.de. Die Originalpublikationen und alle Auskünfte zum Format erhalten Sie bei der Akademie für Politische Bildung. Verwechslungsgefahr besteht übrigens mit der Evangelischen Akademie Tutzing, einer anderen Einrichtung im selben Ort.

Diskurs statt Vortrag: So funktioniert das Format

Eine übliche Tagung dauert zwei oder drei Tage. Ein Tutzinger Diskurs bearbeitet ein Thema dagegen über ein ganzes Jahr oder länger. Die Akademie beschreibt das Ziel so: kontroverse aktuelle Themen erörtern, aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten und Handlungsempfehlungen für die Politik erarbeiten. Die Teilnehmenden treten dabei „als gemeinsame Forschungsgruppe“ auf und nicht als Vertreter fester Standpunkte.

Nach der Darstellung in der Publikation zum vierten Diskurs läuft das so ab:

  • Die Akademie gibt das Thema vor und wählt die Teilnehmenden in einem Bewerbungsverfahren aus – nach fachlicher Expertise und Eignung für den Dialog über Fächergrenzen hinweg.
  • Die Gruppe legt Verlauf und Schwerpunkte selbst fest, organisiert und moderiert die Diskussion und lädt bei Bedarf eigene Fachleute ein.
  • Gearbeitet wird in mehreren mehrtägigen Workshops, zwischen denen die Arbeitsgruppen weiterschreiben.
  • Das Ergebnis wird öffentlich gemacht – meist mit einer Abschlussveranstaltung und einer Publikation.

Konsens ist dabei nicht das Ziel. Beim Pränataldiagnostik-Diskurs bezeichnete Akademiedirektorin Ursula Münch das Fehlen eines Konsensergebnisses ausdrücklich nicht als Defizit: Es gehe um Perspektivwechsel als Kern der Urteilsbildung.

Wer teilnimmt und wer das Format fördert

Zusammengesetzt waren die Gruppen jeweils aus Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft. Im ersten Diskurs kamen vor allem Nachwuchsforschende und junge Journalisten zusammen. Später kamen Fachleute aus Medizin, Beratung, Sozialer Arbeit, Kommunalverwaltung und Bildung hinzu. Die Gruppen waren klein: Laut den Berichten der Akademie hatten sie zwischen 13 und 22 Mitglieder. Für „Wege der Integration“ gingen mehr als 220 Bewerbungen ein.

Die Förderung hat gewechselt. Laut der Kurzchronik der Akademie hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die ersten drei Diskurse finanziert. „Wege der Integration“ förderte ein bayerisches Staatsministerium. „Miteinander vor Ort“ wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt.

Die fünf Durchgänge im Überblick

DurchgangZeitraumThemaErgebnis
1.2012–2013Gute WissenschaftMemorandum (März 2013), Sammelband bei Nomos (2017)
2.2015–2016Reproduktionsmedizin und Pränataldiagnostik„Pränataldiagnostik im Diskurs“ mit 23 Thesen (deutsch und englisch)
3.2017–2019Big Data im GesundheitswesenKompetenzpapier, Lehrmaterialien für die Jahrgangsstufen 10 bis 13
4.2017–2018Wege der IntegrationIdeensammlung (2018), Begleitmagazin
5.2019–2021Miteinander vor OrtPublikation mit elf Thesen zur Jugendbeteiligung (2021)

Gute Wissenschaft (2012–2013)

Der erste Diskurs fragte, was „gute“ Wissenschaft unter den heutigen Bedingungen der Wissensproduktion ausmacht – vor allem in den Lebenswissenschaften. Nach einem Bericht des Laborjournals trafen sich 22 junge Forschende und Nachwuchsjournalisten dreimal für je drei Tage. Sie diskutierten über Synthetische Biologie, Hirnforschung und die Grenzen der Wissenschaft. Im März 2013 stellte die Gruppe ein Memorandum vor. Es fordert unter anderem, den Wissenschaftsbetrieb zu entschleunigen: Es sollen nicht möglichst viele Ergebnisse veröffentlicht werden, sondern möglichst sichere. Außerdem verlangt es mehr Ethik in der Ausbildung und eine Wissenschaftskommunikation, die auf Dialog mit der Öffentlichkeit setzt statt auf Belehrung. 2017 erschien der Band „Gute Wissenschaft. Theorie, Ethik und Politik“ (Hrsg. Michael Spieker und Arne Manzeschke) als Band 5 der Reihe „Tutzinger Studien zur Politik“.

Pränataldiagnostik und Big Data im Gesundheitswesen

Der zweite Diskurs lief von 2015 bis 2016. Er befasste sich mit Chancen und Risiken der genetischen Pränataldiagnostik, etwa nichtinvasiver Bluttests. 14 Fachleute aus Medizin, Schwangerschaftsberatung, Recht, Philosophie, Heilpädagogik, Pflege- und Sozialwissenschaft sowie Journalismus trafen sich zu vier mehrtägigen Workshops. Im Frühjahr 2016 stellten sie 23 Thesen öffentlich vor. Darin geht es unter anderem um einen gerechten Zugang zu Untersuchungen, bessere Aufklärung der Schwangeren, die Qualität des Ultraschallscreenings und eine früher ansetzende psychosoziale Beratung.

Der dritte Diskurs untersuchte zwei Jahre lang, was Big Data im Gesundheitswesen für Autonomie, Privatheit und informierte Zustimmung bedeutet – von Self-Tracking-Apps bis zur elektronischen Gesundheitskarte. Er hatte zwei Phasen: Zuerst erarbeitete die Gruppe in Workshops ein gemeinsames Papier. Laut Projektbeschreibung fanden vier davon in Tutzing statt, einer in Kroatien. Danach gab sie ihr Wissen in Bildungsveranstaltungen an junge Menschen weiter, begleitet von didaktischer Forschung. Daraus entstanden zwei Ergebnisse: ein Kompetenzpapier zum kompetenten Umgang mit Gesundheitsanwendungen und Lehrmaterialien, die gemeinsam mit Lehrkräften und Fachdidaktikern entwickelt wurden. Die Materialien sind für die Jahrgangsstufen 10 bis 13 gedacht, etwa für den Ethik- und Sozialkundeunterricht.

Integration und Teilhabe vor Ort

Der vierte Diskurs, „Wege der Integration“, lief 2017 und 2018 über 15 Monate. Er brachte Forschende aus der Migrations- und Integrationsforschung mit Praktikern aus Flüchtlingshilfe, Verwaltung und Bildung zusammen. Leitgedanke war, Integration als Inklusion zu verstehen, also als Chance auf Teilhabe für alle Mitglieder der Gesellschaft. Die Gruppe tagte fünfmal, davon einmal in Brüssel. Im November 2018 stellte sie ihre Ergebnisse in München vor. Daraus entstand eine Ideensammlung mit Vorschlägen zu Recht, Verwaltung, Bildung, Arbeit und Zusammenleben. Hinzu kam das Magazin „Migration und Integration – Materialien und Impulse zum 4. Tutzinger Diskurs“. Einen allgemeinen Hintergrund bietet unser Überblick zu Migration und Integration in Deutschland.

Der fünfte Diskurs, „Miteinander vor Ort“, lief von Herbst 2019 bis Sommer 2021. Er befasste sich mit Integration und Teilhabe junger Menschen in ländlichen Räumen. Beteiligt waren Wissenschaft, Kommunalverwaltung, Jugendarbeit und Zivilgesellschaft. In zwei ländlichen Kommunen wurden Maßnahmen geplant, mit denen sich vor allem Jugendliche an der Kommunalpolitik beteiligen sollten. Die Corona-Pandemie prägte das Projekt stark. Die gleichnamige Publikation von 2021 formuliert elf Thesen zur Jugendbeteiligung. Hinzu kommt ein Thesenpapier zur krisenfesten Beteiligung Jugendlicher.

Wo die Publikationen heute zu finden sind

Die frühere Projektwebsite tutzinger-diskurs.de ist in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr erreichbar. Einige dort verlinkte PDF-Dateien sind nicht mehr abrufbar (Stand Oktober 2026). Bei der Akademie finden Sie Folgendes:

  • Die Übersichtsseite zum Tutzinger Diskurs auf apb-tutzing.de mit Beschreibungen aller fünf Durchgänge
  • „Wege der Integration“, das Begleitmagazin und „Miteinander vor Ort“ als PDF bei den Eigen- und Kooperationsveröffentlichungen
  • „Pränataldiagnostik im Diskurs“ im Publikationsverzeichnis der Akademie
  • Den Band „Gute Wissenschaft“ in der Reihe „Tutzinger Studien zur Politik“ beim Nomos-Verlag

Das Memorandum von 2013, das Kompetenzpapier und die Lehrmaterialien zu Big Data haben wir auf apb-tutzing.de nicht als eigenen Download gefunden. Wenn Sie diese Texte suchen, fragen Sie am besten direkt bei der Akademie an. Ein sechster Durchgang ist auf der Übersichtsseite derzeit nicht aufgeführt (Stand Oktober 2026).

Quellen und weiterführende Informationen

Über diesen Beitrag
Recherchiert und geschrieben von der brald-Redaktion, zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2026. Wie wir arbeiten, steht in unseren Redaktionsleitlinien. Fehler gefunden? Schreiben Sie uns – wir korrigieren transparent.

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