Der Münzenberg ist ein historischer Stadtteil von Quedlinburg in Sachsen-Anhalt. Er besteht aus etwa 65 meist zweistöckigen Fachwerkhäusern, die auf dem gleichnamigen Berg westlich der Quedlinburger Altstadt errichtet wurden und einen weiten Ausblick über Quedlinburg und das Harzer Vorland bieten. Am 17. Dezember 1994 wurde Quedlinburg, über 80 Hektar historische Innenstadt mit Stiftsberg, Münzenberg und Wiperti, zum universellen Erbe der Menschheit erklärt. Der Münzenberg gehört somit zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist Teil eines der größten Flächendenkmale in Deutschland. Der Münzenberg in Quedlinburg steht exemplarisch für die deutsche Geschichte – in guten und in schlechten Zeiten.
Woher kommt der Name „Münzenberg“?
Die Herkunft des Namens ist nicht vollständig geklärt. Bisher konnte eine Bedeutung des Namens nicht eindeutig begründet werden, denn es gab keine Aufzeichnungen über eine ehemalige Münzstätte auf diesem Berg. Der Name ist eine spätere Verballhornung der im Hochmittelalter üblichen Bezeichnung „Mons Sion“-Berg. Um das Jahr 1000 wurde die Erhebung auch als mons occidentalis (dt.: westlicher Berg) bezeichnet. Im 13. Jahrhundert erfolgte eine Erwähnung als Montsingeberg und Muntzingeberg, 1314 dann als Unzingeberg.
Erste Menschen auf dem Berg: Archäologische Spuren
Der Bereich um den Münzenberg war nach den festgestellten archäologischen Funden bereits seit dem 5. Jahrtausend vor Beginn unserer Zeitrechnung besiedelt. So wurde der Hang zum Mühlgraben in der Jungsteinzeit von Menschen der Linienbandkeramik-Kultur bewohnt.
Im Jahre 1968 wurden durch umfangreiche Erdarbeiten bedeutende Funde gemacht, die auf eine Nutzung des Münzenbergs im 10. Jahrhundert hinweisen. In den 1950er Jahren war bei Verlegung erster Wasserleitungen ein aus Stein gearbeiteter Kopfnischensarg gefunden worden. Spätere Arbeiten führten auf dem Grundstück Münzenberg Nr. 4 zum Fund einer in den Felsen eingetieften Grabgrube. Weitere ebenfalls mittelalterliche Körperbestattungen wurden vor den Häusern 17 und 18 gefunden.
Zahlreiche Funde von Halbsäulen, Kapitellen und Reliefs sowie alte Gräber vermitteln ein anschauliches Bild der Kirchennutzung.
Die Gründung des Benediktinerinnenklosters im Jahr 986
Im Jahre 986 stiftete Mathilde, die Schwester des verstorbenen Kaisers Otto II. und Äbtissin des auf dem Quedlinburger Schloßberges befindlichen Reichsstiftes, ein Kloster für Benediktinerinnen auf dem Münzenberg. Das Kloster hatte Äbtissin Mathilde des Quedlinburger Reichsstifts, eine Tochter Kaiser Ottos des Großen und seiner Gemahlin Adelheid, für ihren in Italien verstorbenen Bruder Kaiser Otto II. gestiftet. Eine Unterstützung der Stiftung durch ihre Schwägerin Kaiserin Theophanu kann angenommen werden.
Das Kloster war im Jahr 995 fertiggestellt. Durch einen Blitzschlag 1015 teilzerstört, wurde der Wiederaufbau bereits 1017 abgeschlossen.
Die Klosterkirche St. Marien
Der Bau der Klosterkirche St. Marien erfolgte als dem byzantinischen Stil ähnliche dreischiffige Pfeilerbasilika. Sie gehört damit zu den drei großen romanischen Kirchenbauwerken in Quedlinburg. Trotz ihrer kleineren Dimensionen gehört die Klosterkirche mit der Stiftskirche St. Servatii auf dem Schlossberg und St. Wiperti zu den wichtigsten ottonischen Gebäuden der Stadt.
An den beeindruckenden Resten der Kirche St. Marien auf dem Münzenberg in Quedlinburg lassen sich noch heute alle Elemente einer ottonischen Basilika mit Apsis, Querhaus, dreischiffigem Langhaus und Westbau ablesen.
Bauernkrieg und Reformation: Das Ende des Klosters
Das Kloster bestand mehr als vier Jahrhunderte, verlor aber in seiner Spätphase zunehmend an Bedeutung. Mit Bauernkrieg und Reformation kam auch das Ende für das Benediktinerinnenkloster auf dem Münzenberg.
Bestand hatte dieses Kloster bis zum Bauernkrieg beziehungsweise zur Reformation, die in Quedlinburg im Jahr 1539 unter der Herrschaft der Äbtissin Anna II. eingeführt wurde. Die Klosterkirche wurde in den Wirren des Bauernkrieges 1525 teilweise zerstört und verfiel danach. Das Kloster selbst bestand bis 1536.
Das Kloster wurde aufgegeben, der Kirchenschatz in die Stiftskirche überführt. Einige Schwestern lebten noch bis zu ihrem Tode in den Gebäuden. Im Übrigen stand dieses Kloster einige Jahrzehnte leer und verfiel.
Handwerker, Musikanten und Arme: Die neue Siedlung ab 1580
Etwa ab 1580 wurde der Münzenberg von Handwerkern, fahrenden Leuten und Musikern besiedelt. Elisabeth II. von Reinstein, eine der letzten Angehörigen des Geschlechts derer von Reinstein und Äbtissin des freiweltlichen Frauenstifts, erlaubte Armen die Besiedlung des Münzenberges.
Ab Ende des 16. Jahrhunderts siedelten sich Scherenschleifer, Kesselflicker und Fahrensleute auf dem Bergplateau an. Sie bauten wild durcheinander und auf engstem Raum. Denn auf dem Münzenberg lebten damals vor allem die Ärmsten der Armen von Quedlinburg.
„Münzenberger“ als Schimpfwort
Weil es sich meist um Leute handelte, die nicht den gängigen bürgerlichen Gewerken angehörten, waren die Quedlinburger nicht sehr erbaut über die neue Nachbarschaft und lange Zeit war „Münzenberger“ in Quedlinburg fast ein Schimpfwort.
Angeblich sollen die Münzenberger frisch gebackenen Väter ihre Neugeborenen zum Fenster hinausgehalten und gesagt haben: „Alles was de siehst is denne, derfst dich nur net fade lasse!“ Es soll auch der Brauch bestanden haben, Neugeborenen eine Trompete und eine Münze über die Wiege zu halten.
Bauen in den Klosterruinen
Die neuen Bewohner des Münzenbergs errichteten inmitten der Ruinen der Klosteranlage planlos ihre kleinen Fachwerkhäuser auf dem Bergplateau. Dabei wurde das ehemalige Klostergelände fast bis zur Unkenntlichkeit zersiedelt. Für die Bauten wurde Baumaterial der eingestürzten Gebäude genutzt und erhalten gebliebene Mauern in die neuen Häuser einbezogen.
Die damaligen Hausbewohner bauten ihre Eigenheime allerdings nicht aus dem Baumaterial des Klosters, sondern über den noch bestehenden Klostermauern. Aus diesem Grund dienten die, unter den Häusern befindlichen, Klosterräume zunächst als Keller.
Wasser holen mit Eimern: Das schwere Leben auf dem Berg
Schwierig war die Wasserversorgung. Über lange Zeit wurde das Wasser mit Eimern vom am Fuße des Berges verlaufenden Mühlgraben geholt. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts erfolgte die Wasserversorgung dann mit Schuckepumpen.
Die dichte Bauweise und eine mangelhafte Wasserversorgung führten zwischen 1600 und 1699 zu einigen Großbränden auf dem Münzenberg. Im 19. Jahrhundert wurde an das Münzenberger Rathaus ein Feuerwehrhaus angebaut.
Erst in den Jahren 1993 bis 1995 wurde die Siedlung an die zentrale Wasserver- und Abwasserentsorgung angeschlossen.
Eingemeindung, Schule und gesellschaftliche Einrichtungen
Der Münzenberg unterstand bis 1810 dem Frauenstift auf dem Schlossberg und wurde dann nach Quedlinburg eingemeindet.
Im Jahre 1760 gründete Pfarrer Goeze im heutigen Haus 2 eine Schule.
Ein unter sozialen Aspekten durch die Äbtissin Marie Elisabeth von Holstein-Gottorp eingerichtetes Witwen- und Waisenhaus, in dem Wolle und Textilien hergestellt wurden, bestand nicht lange.
Wege hinauf: Schultreppe und Wassertreppe
Während unten herrschaftliche Fachwerkhäuser mit üppigen Verzierungen stehen, drängen sich auf diesem Hügel 65 meist zweistöckige Fachwerkhäuser.
Um auf den Münzenberg zu gelangen, gibt es vier Möglichkeiten. Erstens kann man die Schultreppe über 107 Stufen von der Stadt aus besteigen – es ist die bekannteste und der am meisten beschriebene Aufgang. Eine weitere Möglichkeit den Münzenberg zu erobern ist die Wassertreppe mit 88 Stufen.
Der 153 Meter hohe Münzenberg war früher eines der ärmsten Wohnviertel der Stadt.
Sanierung nach der Wende 1989
Nach der politischen Wende des Jahres 1989 wurde die historische Bausubstanz weitgehend saniert.
Am 8. Dezember 2011 kam es zu einem Brand, bei dem das historische Fachwerkhaus Münzenberg 30 zerstört und die benachbarten Gebäude 29 und 31 beschädigt wurden.
Professor Behrens und die Wiederentdeckung der Klosterkirche
1994 kaufte der Chirurgie-Professor Siegfried Behrens mit seiner Frau eines der Häuser und ergänzte es in den Folgejahren durch weitere Zukäufe, um den Komplex als Museum zugänglich zu machen.
Als der Mediziner hier eine Ferienwohnung mit Blick über die Stadt renovieren wollte, entdeckte er die Reste des Klosters aus ottonischer Zeit. Seitdem hat er einen guten Teil seines Lebens dem Münzenberg und seiner Erschließung gewidmet.
Stück für Stück führten sie durch weitere Ankäufe, Tausch und geduldige Verhandlungen die noch vorhandenen Bereiche der Kirche wieder zusammen. 2006 brachte das Ehepaar Behrens drei ihrer Häuser mit den wesentlichen Resten der Klosterkirche in die von ihnen gegründete Stiftung „Klosterkirche St. Marien auf dem Münzenberg“ ein.
Im Jahr 2009 wurde das Engagement der Eheleute Behrens mit dem „Romanik Preis“ des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet.
Das Münzenbergmuseum heute
2015 erfolgte, nach zwanzigjähriger Erschließung der Anlage, die offizielle Eröffnung des Museums und 2017 die Aufnahme in die Tourismusroute „Straße der Romanik“.
2015 wurde das neu gestaltete Museum wiedereröffnet und zählt zu den meist besuchten Museen der Stadt. Der Eintritt ist für alle Besucher kostenlos.
Die Wiedereröffnung des Museums, das aus der Apsis, der Krypta und Teilen des Kirchenschiffs der ehemaligen St. Marienkirche besteht, fand 2015 statt. Im August 2023 konnte das Münzenbergmuseum sich über eine Erweiterung freuen: Der gewölbte Keller des Hauses Münzenberg 5, der noch aus der Zeit der Klosterkirche stammt, ist in das Museum integriert worden.
Im Jahr 2014 besuchten 16.853 Gäste die Baureste der Klosterkirche, davon 2.722 im Rahmen organisierter Touren der Stadtführer.
Denkmale und geschützte Gebäude
Der Münzenberg ist im Quedlinburger Denkmalverzeichnis eingetragen. Darüber hinaus sind mehrere Häuser als Einzeldenkmale ausgewiesen, so die Gebäude Münzenberg 8, 31, 50, 54 und 60.
Darüber hinaus ist die die St.-Marien-Kirche überbauende Häusergruppe Münzenberg 2–8, 10–13, 15, 16, 65 ebenfalls gesondert denkmalgeschützt.
Der Münzenberg als Teil des UNESCO-Welterbes
Die UNESCO erkannte am 17. Dezember 1994 mit der Aufnahme Quedlinburgs in die Liste des Weltkulturerbes sowohl den heute noch ablesbaren mittelalterlichen Stadtgrundriss mit dem vielfältigen Bestand an Fachwerkhäusern als auch die herausragende Bedeutung Quedlinburgs für die deutsche Geschichte an. Zum universellen Erbe der Menschheit gehörten seitdem der Stiftsberg mit der Stiftskirche St. Servatii und Schloss, das Westendorf, die Altstadt und die Neustadt, der Münzenberg sowie St. Wiperti.
Neben der Stiftskirche erinnern die tausendjährige Wipertikirche und die Reste des Marienklosters auf dem Münzenberg an die Bedeutung, die Quedlinburg einst für die ottonischen Herrscher des 10. Jahrhunderts besaß.
Ein Spaziergang könnte vom Markt mit seinem prächtigen Renaissance-Rathaus und der Roland-Statue zum Münzenberg mit der romanischen Klosterkirche St. Marien führen – Sehenswürdigkeiten ersten Ranges, die alle zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.
Ausblick und Tourismus
Der Münzenberg Quedlinburg ist ein sehenswertes Ausflugsziel für alle Gäste der Stadt, denn von hier aus hat man einen hervorragenden Blick über die schöne UNESCO-Welterbestadt. Bei schönem Wetter können Gäste der Harzstadt vom Münzenberg aus weit in das Harzer Vorland blicken.
Der Münzenberg, gegenüber des Schlossberges, ist durch seine zahlreichen kleinen Handwerks- und Künstlerhäuser geprägt, die nach dem Verfall des dortigen Marienklosters in dessen ehemalige Mauern integriert wurden. Heute macht es einfach Spaß, hier entlang zu schlendern. Zudem bietet sich ein spektakulärer Ausblick über die Stadt mit ihren Spitzgiebeln und Türmchen.
Literatur
- Winfried Korf: Der Münzenberg in Quedlinburg (edition metropolis 1). Quedlinburg 1998, ISBN 3-932906-01-2
- Christa Rienäcker: Münzenberg. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2001, ISBN 3-89870-032-1
- Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt. Band 7. Fliegenkopf, Halle 1998, ISBN 3-910147-67-4
Weblinks






