Woher kommt der Ausdruck „Ei der Daus“?

„Ei der Daus!“ – ein alter deutscher Ausruf des Erstaunens oder der Verwunderung, der heute vor allem im süddeutschen und österreichischen Sprachraum bekannt ist und ähnlich wie „Oh mein Gott“ im modernen Sprachgebrauch verwendet wird. Wer diesen Ausdruck heute noch benutzt, bedient sich einer jahrhundertealten Redewendung. Aber was steckt eigentlich dahinter? Die Geschichte dieser merkwürdigen Wendung führt uns tief in die deutsche Sprachgeschichte und zeigt, wie Kartenspiele, mittelalterlicher Aberglaube und sprachliche Entwicklungen zusammenhängen.

Das Kartenspiel als Ursprung

Der Ausdruck „Ei der Daus“ hat seinen Ursprung im Kartenspiel. Das Wort „Daus“ leitet sich vom französischen Wort „deuce“ ab, das die Zwei in einem Karten- oder Würfelspiel bezeichnet. Im deutschen Sprachgebrauch wurde „Daus“ speziell für die Zwei verwendet, die oft als ungünstige oder unglückliche Karte angesehen wurde. Der Ausruf „Ei der Daus“ könnte daher ursprünglich eine Reaktion auf das Ziehen oder Spielen dieser Karte gewesen sein.

Die sprachliche Herkunft des Wortes Daus ist bemerkenswert. Das Wort Daus als Bezeichnung für die zwei Augen auf einem Spielwürfel ist seit dem 12. Jahrhundert belegt. Die spätalthochdeutsche/mittelhochdeutsche Form dûs wurde aus dem altfranzösischen Wort dou(e)s entlehnt, welches wiederum auf das lateinische duōs (Akk. Pl. zu duo „zwei“) zurückgeht. Mit der Einführung von Spielkarten in den deutschen Sprachraum gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde das Wort auch für die Karte mit dem Wert Zwei verwendet.

Die besondere Rolle des Daus im deutschen Kartenspiel

Was das Daus so besonders macht, ist seine ungewöhnliche Karriere im deutschen Kartenspiel. Die Zwei wurde zur höchsten Spielkarte des deutschen Kartenspiels, analog zum Ass (der Eins) im französischen Kartenspiel. Voraus ging die Kürzung des Kartendecks von 52 auf nur noch 48 Karten: In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts setzte sich im deutschsprachigen Raum durch, Kartenspiele zu produzieren, die nur 4×12 Karten (2–10 und drei Hofkarten) enthielten. Das Ass, also die Zahlenkarte für die Eins, wurde weggelassen.

Durch den Wegfall vom Ass/der Eins wurde das Daus/die Zwei zur niedrigsten Karte. Sie wurde dann – wie das Ass im französischen Blatt, das weiterhin alle 52 Karten umfasste – zur höchsten Karte erhoben. Das Daus hatte damit einerseits besondere Stichkraft und konnte sogar den König stechen. Eine wahre Erfolgsgeschichte für eine Karte, die ursprünglich nur die Zwei war!

Die Sau auf dem Daus – eine kuriose Bildtradition

Eine besonders eigentümliche Tradition ist die Abbildung eines Schweins auf vielen Daus-Karten. Auf der deutschen Spielkarte mit der Zwei, dem Daus, ist häufig ein Schwein oder eine Sau abgebildet. Frühe Belege für Abbildungen von einem Schwein auf der Karte finden sich bereits im 15. Jahrhundert. Erhalten sind aus dieser Zeit Schellen- und Eicheln-Daus, auf denen ein Schwein abgebildet ist.

Die Verbindung von Daus mit Sau belegt Johann Leonhard Frisch in seinem deutsch-lateinischen Wörterbuch aus dem Jahr 1741: „Sau im Charten-Spiel, von der Figur einer Sau, welche auf dem Eichel-Daus gemahlt, davon die anderen Däuser auch Säue heißen.“ Die Bezeichnung Sau stellt möglicherweise eine Verballhornung des Wortes Daus dar, und die Abbildung eines Schweines auf den Spielkarten bedeutet lediglich eine bildliche Darstellung dieser etymologischen Entwicklung.

Eine andere Erklärung liefert Marianne Rumpf, die die Verbindung von Sau und Daus aus einem badischen Dialekt herleitet, denn dort wird das „S“ wie ein „Sch“ ausgesprochen und das Wort „Dausch“ wird für ein Mutterschwein oder eine Sau verwendet. Die Brüder Grimm belegen in ihrem Wörterbuch, dass das Wort „Tausch“ für die vier Kartenblätter gebraucht wurde, die „man die sew und tausch nennet“. Möglicherweise wurden von dem Wort „Dausch“ Kartenmaler inspiriert und haben die freie Fläche unter dem Farbzeichen mit einer Sau illustriert.

Der Teufel im Detail – eine andere Deutung

Aber halt! Die Geschichte wird noch spannender und mysteriöser. Im deutschen Kartenspiel war „Daus“ eine dem französischen „As“ entsprechende hohe Karte, sodass „ei der Daus“ sowohl eine negative als auch eine positive Überraschung ausdrücken kann. Vielleicht handelt es sich auch um eine euphemistische Umschreibung des Teufels.

Diese Teufels-Theorie hat durchaus ihre Berechtigung. Ei der Daus! als Ausruf der Verblüffung ist seit dem 15. Jahrhundert belegt. Zunächst bedeutete es „Betrüger“, in der niederdeutschen Sprache auch „Teufel“, seit dem 18. Jahrhundert ist die Bedeutung „Teufelskerl“ bezeugt.

Möglicherweise findet sich in einem Teil dieser Bedeutungen ein für die galloromanischen Sprachen bezeugtes Wort für „Dämon“ wieder, das in mittellateinischer Sprache „dusius“ lautete. Der in der Wendung angerufene Daus wäre demnach eine euphemistische Entstellung des Wortes „Teufel“ wie man sie zum Beispiel auch vom Wort „Tausend“ kennt.

Das macht Sinn, wenn man bedenkt, dass im Mittelalter der direkte Name des Teufels oft vermieden wurde. So ruft man beispielsweise in Mecklenburg „Dus un Düwel!“ („Tausend und Teufel“) oder „Potz Dus!“ („Potz Tausend“) aus. Menschen scheuten sich, den Teufel beim Namen zu nennen – aus Angst, ihn damit herbeizurufen.

Vom Würfelspiel zum Kartenspiel – die lange Reise eines Wortes

Die etymologische Entwicklung des Wortes Daus zeigt eine bemerkenswerte Reise durch verschiedene Sprachen und Spiele. Das Wort stammt vom lateinischen duo (Akk. duos) „zwei“ und ist in der alten Redensart Ei der Daus! erhalten geblieben.

Der Weg führte vom lateinischen duos über das französische dous ins mittelhochdeutsche dûs. Dabei wanderte das Wort auch zwischen verschiedenen Spielarten: Erst bezeichnete es die zwei Augen beim Würfelspiel, dann die Zwei im Kartenspiel, und schließlich wurde es zur höchsten Karte im deutschen Blatt.

Die Blütezeit im 18. und 19. Jahrhundert

Im 18. und 19. Jahrhundert war „Ei der Daus“ ein weit verbreiteter Ausdruck in der deutschen Umgangssprache. Er taucht in literarischen Werken, Theaterstücken und Volksliedern auf und wurde von Menschen aller sozialen Schichten verwendet. Der Ausdruck ist ein Beispiel für die farbenfrohe und ausdrucksstarke Sprache dieser Zeit.

In dieser Zeit erlebten auch die Kartenspiele selbst eine Blütezeit. Ab dem 16. Jahrhundert wurden Kartenspiele in den Spielsalons höherer gesellschaftlicher Kreise gepflegt. Viele bekannte Kartenspiele entstanden in Frankreich und breiteten sich ab dem 17. und 18. Jahrhundert nach Deutschland und in andere Regionen aus, darunter Bassette und dessen Weiterentwicklung Pharo sowie Piquet und L’Hombre.

Die Gestaltung der Karten wurde immer aufwendiger. Ende des 17. Jahrhunderts, während der Türkenkriege, tauschen Gras- und Eichel-König ihre Kronen gegen Turbane. Die Daus-Karten zeigen auf der Gras-Daus eine Pyramide aus Einhorn, Hirsch und Adler, auf der Eichel-Daus Bacchus, auf Schellen-Daus ein Wildschwein mit Jagdhund und auf Herz-Daus meist einen Cupido.

Regionale Varianten und kulturelle Bedeutung

Die Redewendung „Ei der Daus“ ist besonders im süddeutschen Raum verwurzelt. Ei der Daus! könne sowohl eine negative als auch eine positive Überraschung ausdrücken, je nachdem, wem der oder auch das Daus gerade den Stich beschert.

Interessant ist auch, dass aus der Sprache der Kartenspieler auch der seit dem 19. Jahrhundert belegte Ausdruck „Däuser“ (auch „Deuser“) für Geldstücke stammt, denn in einem Spiel, in dem es um Geld geht, sind die höchsten Karten bares Geld wert.

Was bedeutet das „Ei“ in der Redewendung?

Aber was ist mit dem „Ei“ am Anfang des Ausrufs? „Ei“ als Ausruf der Verwunderung, der Freude und des Spottes geht auf einen indogermanischen Ausruf „ei“ zurück, der sich im Altindischen als Anruf und Anrede fand und im Griechischen bei Verwunderung, Staunen und Scherz erhalten hat. Auch im Französischen äußert man die Interjektion „aie!“ statt des deutschen „au/aua!“ bei Schmerzempfindungen.

Das „Ei“ ist also ein uralter Ausruf, der schon lange vor der Entstehung der Redewendung existierte. Der Ausruf ist seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts schriftlich belegt.

Die verschiedenen Theorien im Überblick

Nach all diesen Informationen bleiben drei Haupttheorien zur Entstehung der Redewendung:

1. Die Kartenspiel-Theorie: Der Ausdruck stammt direkt aus der Kartenspielersprache, wo das Daus die höchste Karte war. Spieler riefen „Ei der Daus!“ aus Freude über ein gutes Blatt oder aus Ärger über ein schlechtes.

2. Die Teufels-Theorie: „Daus“ ist eine verhüllende Bezeichnung für den Teufel. Menschen scheuten sich, den Teufel beim Namen zu nennen und benutzten stattdessen Euphemismen.

3. Die Mischtheorie: Daus ist auch ein Wort für den Teufel, so dass die Redewendung mit dem Kartenspiel gar nichts zu tun haben müsste. Mit Daus könnte ein ›Teufel‹, ein listiger, verschlagener Mensch gemeint sein – der dann natürlich auch beim Spiel betrügen könnte, so dass doch wieder ein Zusammenhang bestünde.

Der Niedergang und das heutige Überleben

Heutzutage ist „Ei der Daus“ weniger gebräuchlich und wird hauptsächlich in bestimmten Dialekten und regionalen Sprachvarianten verwendet. Die Redewendung ist zu einem sprachlichen Fossil geworden, das nur noch selten benutzt wird.

Trotzdem hat der Ausdruck seine Spuren hinterlassen. Auch wenn „Ei der Daus“ heute nicht mehr weit verbreitet ist, hat die Redewendung doch ihre Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen. Er ist ein Beispiel für die historische Entwicklung und den Reichtum der deutschen Sprache. Solche Redewendungen zeigen, wie sich die Sprache entwickelt und verändert, wobei bestimmte Elemente der Sprachkultur erhalten bleiben.

Der kulturelle Kontext des Mittelalters

Um die tiefere Bedeutung der Redewendung zu verstehen, muss man sich den kulturellen Kontext des Mittelalters vor Augen führen. Im Mittelalter wurde der Teufel als Erfinder des Spielens um Geld gesehen. Das erklärt, warum Kartenspiel und Teufel so eng miteinander verbunden waren.

Die Menschen des Mittelalters lebten in einer Welt voller übernatürlicher Gefahren. Die Bevölkerung des Mittelalters und der Frühen Neuzeit war vom Vorhandensein von Teufeln, Hexen und deren dämonischen Gehilfen überzeugt. Wetterdämonen brachten Unwetter, Missernten und Feuersbrünste, Krankheitsdämonen rafften die Bevölkerung hinweg, Dämonen quälten arme Seelen in der Hölle und verführten Menschen zur Sünde. Dass diese Widrigkeiten nicht nur auf Geheiß des Teufels, sondern noch dazu mit Duldung Gottes geschehen konnten, machte die dämonische Bedrohung allgegenwärtig.

Die Sprache als Spiegel der Geschichte

Die Redewendung „Ei der Daus“ ist mehr als nur ein alter Ausruf. Sie ist ein Fenster in die Vergangenheit, das uns zeigt, wie unsere Vorfahren lebten, spielten und sprachen. Der Ausdruck „Ei der Daus“ ist tief in der deutschen Sprachgeschichte verwurzelt. Er dient dazu, Erstaunen oder Verwunderung auszudrücken und hat seinen Ursprung im Kartenspiel. Das Wort „Daus“ bezeichnete dabei die höchste Karte, das As.

Die Geschichte dieser Redewendung zeigt auch, wie Sprache wandert und sich verändert. Von lateinischen Wurzeln über französische Einflüsse bis zur deutschen Volkssprache – das Wort Daus hat eine lange Reise hinter sich.

Moderne Verwendung und Popkultur

In der Populärkultur taucht das „Ei der Daus“ gelegentlich in Filmen, Fernsehsendungen oder literarischen Werken auf, die eine historische oder regionale Atmosphäre schaffen wollen. Oft wird der Ausdruck bewusst verwendet, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen oder eine Figur authentisch erscheinen zu lassen.

Wer heute „Ei der Daus!“ sagt, benutzt bewusst oder unbewusst eine archaische Sprache. Es ist wie eine sprachliche Zeitreise, die uns mit unseren Vorfahren verbindet. Der Ausdruck wirkt heute oft altmodisch oder humorvoll, kann aber auch gezielt eingesetzt werden, um einen bestimmten Effekt zu erzielen.

Die Bedeutung für die deutsche Sprachkultur

„Ei der Daus“ ist ein kulturelles Erbe, das es zu bewahren gilt. Heute wird „Ei der Daus“ seltener verwendet, doch seine kulturelle und sprachliche Bedeutung bleibt bestehen. Der Spruch ist ein Zeugnis dafür, wie historische Einflüsse unsere Sprache prägen.

Solche alten Redewendungen sind wie sprachliche Denkmäler. Sie erzählen Geschichten von vergangenen Zeiten, von Menschen, die vor Jahrhunderten lebten, spielten und fluchten. Sie zeigen uns, dass Sprache lebendig ist und sich ständig entwickelt, aber auch, dass manche Ausdrücke die Jahrhunderte überdauern können.

Was können wir daraus lernen?

Die Geschichte von „Ei der Daus“ lehrt uns mehrere wichtige Dinge über Sprache und Kultur:

Erstens: Sprache ist nie statisch. Wörter können ihre Bedeutung ändern, von einer Sprache in die andere wandern und dabei neue Bedeutungen annehmen.

Zweitens: Kulturelle Praktiken wie Kartenspiele hinterlassen tiefe Spuren in der Sprache. Viele Redewendungen, die wir heute benutzen, haben ihren Ursprung in längst vergessenen Spielen oder Bräuchen.

Drittens: Der Aberglaube und die religiösen Vorstellungen einer Zeit prägen die Sprache nachhaltig. Die Angst vor dem Teufel und die Verwendung von Euphemismen zeigen, wie tief verwurzelt diese Vorstellungen waren.

Viertens: Regionale Unterschiede in der Sprache bewahren oft alte Traditionen. Was in einer Region vergessen ist, kann in einer anderen noch lebendig sein.

Ein Ausruf mit vielen Gesichtern

„Ei der Daus“ ist also nicht nur eine einfache Redewendung. Es ist ein komplexes sprachliches Phänomen mit mehreren möglichen Ursprüngen und Bedeutungsebenen. Es verbindet Kartenspiel und Teufelsglaube, lateinische Etymologie und deutsche Volkssprache, mittelalterliche Ängste und barocke Spielfreude.

Ob man nun an die Kartenspiel-Theorie glaubt oder die Teufels-Deutung bevorzugt – eines ist sicher: „Ei der Daus“ ist ein faszinierender Teil der deutschen Sprachgeschichte. Es zeigt uns, wie reich und vielschichtig unsere Sprache ist und wie viele Geschichten in einem einzigen Ausruf stecken können.

Fazit: Ein sprachlicher Schatz

Wenn Sie das nächste Mal jemanden „Ei der Daus!“ ausrufen hören – oder es vielleicht selbst sagen –, denken Sie an die lange Geschichte dieses Ausdrucks. Denken Sie an mittelalterliche Kartenspieler, die beim Ziehen des Daus jubelten oder fluchten. Denken Sie an Menschen, die sich scheuten, den Teufel beim Namen zu nennen. Denken Sie an die Generationen von Deutschen, die diesen Ausdruck benutzten und weitergaben.

„Ei der Daus“ mag heute altmodisch klingen, aber es ist ein lebendiges Stück Sprachgeschichte. Es erinnert uns daran, dass jedes Wort, jede Redewendung eine Geschichte hat. Und manchmal ist diese Geschichte genauso spannend wie ein gutes Kartenspiel – oder so mysteriös wie der Teufel selbst.

Die Redewendung ist ein sprachliches Fossil, das uns viel über unsere Vergangenheit erzählt. Sie zeigt uns, wie Sprache funktioniert, wie sie sich entwickelt und wie sie Kulturen und Zeiten überdauert. „Ei der Daus“ – ein kleiner Ausruf mit einer großen Geschichte.


Quellen: