Die Frage, wer das erste Motorflugzeug erfunden hat, beschäftigt Historiker und Luftfahrtfans seit über einem Jahrhundert. Dieser Prioritätsanspruch ist jedoch stark umstritten. Die Gebrüder Wright aus Ohio gelten offiziell als erste Motorflieger der Welt – aber war das wirklich so? Neue Forschungen zeigen, dass die Geschichte komplizierter ist, als viele denken.
Der legendäre Tag am Strand von North Carolina
Am 17. Dezember 1903 machten sie am Strand von Kill Devil Hills nahe Kitty Hawk in North Carolina die ersten Kurzflüge mit ihrem „Flyer“. An diesem kalten Wintertag schrieben Orville und Wilbur Wright angeblich Geschichte. Um 10.35 Uhr schrieb Orville 12 Sekunden lang Geschichte: Er flog 37 Meter weit.
Die Brüder machten an diesem Tag vier Flüge. Zweiter Flug durch Wilbur, 13 Sekunden, 175 Fuß (53 Meter) dritter Flug durch Orville, 15 Sekunden, 200 Fuß (61 Meter) vierter Flug durch Wilbur, 49 Sekunden, 852 Fuß (260 Meter). Nach dem letzten Flug wurde die Maschine durch Wind so stark beschädigt, dass sie nie wieder flog.
Aber hier beginnen schon die ersten Zweifel. Sämtliche Versuche der Gebrüder Wright vor 1904 fanden, aus Angst vor neugieriger Konkurrenz, ohne Zeugen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Kein Journalist war dabei. Keine unabhängigen Beobachter. Neben Tagesbuchaufzeichnungen von Orville Wright ist der einzige Beleg für die sog. Erstflüge ein Telegramm von Orville an seinen Vater, in dem er über vier erfolgreiche Testflüge berichtete.
Gustav Weißkopf – der vergessene Pionier aus Franken
Zwei Jahre vor den Wright-Brüdern soll ein deutscher Einwanderer namens Gustav Weißkopf (in Amerika Gustave Whitehead genannt) bereits geflogen sein. In den frühen Morgenstunden des 14. August 1901 hat Gustav Weisskopf, geboren im mittelfränkischen Leutershausen bei Ansbach, Luftfahrtgeschichte geschrieben. Auf einem Feld außerhalb von Fairfield im US-Bundesstaat Connecticut startete er mit seiner selbstgebauten Flugmaschine „Nr. 21“, der er den Namen ‚Condor‘ gegeben hatte, zum ersten erfolgreichen motorbetriebenen Flug der Geschichte. Bis auf eine Höhe von etwa 15 Meter trug ihn seine Flugmaschine, angetrieben durch von ihm selbst gebaute Motoren. Nach einer halben Meile (800 m) landete er sein Luftfahrzeug sanft und unbeschädigt.
An diesem Tag unternahm er vier Flüge, der weiteste reichte über eine Strecke von anderthalb Meilen (2,4 km). Das war deutlich weiter als die Flüge der Wright-Brüder zwei Jahre später.
Was Weißkopfs Flug besonders glaubwürdig macht: Sie berief sich dabei zunächst auf einen Artikel des renommierten Redakteurs und späteren Herausgebers Richard Howell in der Zeitung Bridgeport Herald vom 18. August 1901, der darin ausführlich beschrieb, den Flug zusammen mit zwei Assistenten Weißkopfs selbst beobachtet zu haben. Im Gegensatz zu den Wrights hatte Weißkopf also Augenzeugen und sogar einen Journalisten dabei.
Die Beweislage wird immer deutlicher
Der australische Luftfahrthistoriker John Brown hat jahrelang geforscht und erstaunliche Beweise gefunden. Brown machte u. a. geltend, dass – im Gegensatz zu früheren Mutmaßungen – im Jahr 1901 insgesamt mindestens 274 Zeitungsartikel über Weißkopfs Erstflug verfasst wurden. Das sind hunderte von Zeitungsberichten – nicht nur einer oder zwei.
Noch wichtiger: Durch die mit dem Nachbau in 1996 erzielten bemannten Schleppflüge und vor allem mit den erfolgreichen, gesteuerten motorisierten Flügen in 1997 wurde der Beweis erbracht, dass die von Weisskopf 1901 verwendete Technik für Flüge geeignet war. Ferner wurde bewiesen, dass die Maschine die Voraussetzungen besaß, kontrollierte Flüge durchzuführen. Die Aussagen der Zeitzeugen über Weisskopfs Pionierleistungen wurden somit bestätigt.
Die Flughistorische Forschungsgemeinschaft Gustav Weisskopf in Leutershausen hat einen Nachbau seiner Maschine Nr. 21 gebaut. Mit einem Testpiloten am Steuer flog er in etwa zwei Meter Höhe eine Strecke von rund 1000 Meter, landete, drehte um und flog die gleiche Strecke zurück. Die Technik funktionierte also nachweislich.
Der umstrittene Vertrag mit dem Smithsonian Museum
Hier wird die Geschichte richtig spannend – und auch ein bisschen skandalös. Im Gegenzug verpflichtete sich das Smithsonian, niemals zu behaupten, dass es einen Motorflug anderer Pioniere vor den Gebrüdern Wright im Dezember 1903 gegeben habe.
Das Buch befasst sich mit einer Vereinbarung aus dem Jahr 1948 zwischen der Smithsonian Institution und dem Nachlass von Orville Wright, in der festgelegt ist, dass die Smithsonian Institution als Bedingung für den Besitz und die Ausstellung des Wright Flyer von 1903 diesen als das erste Fluggerät anerkennen und kennzeichnen muss, das schwerer als Luft ist und einen bemannten, motorisierten, gesteuerten und anhaltenden Flug durchgeführt hat.
Das ist unglaublich: Das wichtigste Luftfahrtmuseum der Welt hat sich vertraglich verpflichtet, nur die Wrights als Erste anzuerkennen – egal was die Beweise sagen. „Der Vertrag ist bis heute in Kraft und erinnert auf gesunde Weise an einen nicht gerade vorbildlichen Moment in der Geschichte des Smithsonian., gibt sogar das Museum selbst zu.
Wer sonst noch vor den Wrights flog
Die Geschichte der frühen Luftfahrt ist voller mutiger Pioniere, die ihr Leben riskierten. Nicht nur Weißkopf war vor den Wrights in der Luft:
Alberto Santos-Dumont aus Brasilien
Am 12. November flog er vor einer Menschenmenge 220 Meter in einer Höhe von sechs Metern. Dies waren die ersten vom französischen Aeroclub zertifizierten Flüge mit Fluggeräten, die schwerer als Luft waren, die ersten derartigen Flüge, die offiziell von einer Organisation zur Erfassung von Luftfahrtrekorden bezeugt wurden, und die ersten ihrer Art, die von der Fédération Aéronautique Internationale anerkannt wurden.
Santos-Dumont flog 1906 in Paris vor tausenden Zuschauern. Sein Flugzeug 14-bis startete ohne Hilfe von außen – im Gegensatz zu den Wrights, die eine Startschiene brauchten. Santos-Dumont ist ein Nationalheld in Brasilien, wo allgemein angenommen wird, dass er den Gebrüdern Wright bei der Demonstration eines praxistauglichen Flugzeugs voraus war.
Andere frühe Flugversuche
Auch anderen schreibt man mehr oder weniger erfolgreiche Versuche mit Motorgleitern zu, etwa Clément Ader (Frankreich 1890), Augustus M. Herring (USA 1898) Wilhelm Kress (Wien 1901), Richard Pearse (Neuseeland 1903), Karl Jatho (Hannover 1903) oder Samuel Langley (USA 1903).
Aber: Im Vergleich zu diesen anderen Pionieren ist die Indizienlage für einen erfolgreichen Flug bei Weißkopf ungleich besser.
Die technischen Details der Wright Flyer
Die Wright-Brüder waren ohne Zweifel brillante Ingenieure. Ihr Flugzeug war aus heutiger Sicht aber ziemlich seltsam konstruiert. Der motorisierte „Flyer“, der 1903 entstand, war aus heutiger Sicht verkehrt herum aufgebaut: das Höhenleitwerk befand sich am Bug statt am Heck; die zwei Propeller schoben das Flugzeug, statt es zu ziehen. Der Pilot lag auf der unteren Tragfläche des Doppeldeckers direkt neben dem Motor und bediente von dort die Ruder. Statt Räder gab es Kufen.
Das Flugzeug brauchte eine 60 Meter lange Startschiene, um überhaupt abheben zu können. Es konnte nicht aus eigener Kraft starten wie moderne Flugzeuge. Das ist einer der Gründe, warum manche Experten bezweifeln, ob es wirklich als „erstes Flugzeug“ gelten kann.
Die Bedeutung der Drei-Achsen-Steuerung
Was die Wrights wirklich revolutionär machten, war ihre Steuerungstechnik. Um nicht wie Lilienthal manövrierunfähig den Winden ausgesetzt zu sein, konstruierten die Wrights aerodynamische Ruder zur Steuerung des Gleiters. Das Fluggerät sollte sich um seine drei Achsen bewegen können. Ein Höhenruder erlaubte das Heben oder Senken der Nase des Gleiters, mit dem Seitenruder ließ sich das Fluggerät nach links und rechts drehen und durch ein Querruder konnte es sogar um seine Längsachse gerollt werden. Diese Steuerung ist die eigentliche Meisterleistung der Wright.
Diese Drei-Achsen-Steuerung wird heute noch in jedem Flugzeug verwendet. Das war wirklich genial.
Die wirtschaftlichen Interessen dahinter
Warum wird Weißkopf nicht anerkannt? Es geht um viel Geld und Prestige. Dank Orvilles großem Renommee, der gerade erst erfolgten Anerkennung durch das Smithsonian Institute und wohl auch dem ausklingenden 2. Weltkrieg, zu dem ein deutschstämmiger Luftfahrtheld nicht recht passen wollte, genügte dies, um Randolphs Recherchen zu diskreditieren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es politisch nicht gewollt, dass ein Deutscher der erste Motorflieger war. Amerika brauchte seine eigenen Helden. Die Wright-Brüder passten perfekt ins Bild.
Außerdem: Millionen von Touristen besuchen jedes Jahr das Wright Brothers National Memorial in North Carolina. Das Smithsonian Museum zeigt stolz den Wright Flyer als Hauptattraktion. Würde man jetzt zugeben, dass Weißkopf zuerst flog, wäre das ein riesiger Imageschaden.
Die späteren Erfolge und Probleme der Wrights
Nach 1903 hatten die Wright-Brüder weitere Erfolge, aber auch viele Probleme. 1905 gelangen ihnen mit dem „Flyer III“ bereits Flüge über vierzig Kilometer Strecke und 38 Minuten Dauer. Ende 1908 schaffte der Flyer bereits Flüge von fast zweieinhalb Stunden.
Aber: Patentstreitigkeiten in mehreren Ländern überschatteten bald die Arbeit der Wrights. Sie waren mit ihren Geschäften und Rechtsstreitigkeiten so beschäftigt, dass sie ihre Flugzeuge kaum mehr weiterentwickelten. Bereits um 1911 hatte die europäische Konkurrenz sie technisch überholt; ihre Maschinen galten bald als veraltet.
Besonders Wilbur, der entwicklerische Kopf der Brüder, war praktisch nur noch mit Patentstreitigkeiten beschäftigt, als er 1912 plötzlich an Typhus starb. Mit Wilburs Tod ging die Ära der Wrights als Innovatoren endgültig vorbei.
Warum diese Geschichte wichtig ist
Die Frage, wer wirklich zuerst flog, ist mehr als nur eine historische Kuriosität. Es geht um Gerechtigkeit und Wahrheit. Gustav Weißkopf, ein einfacher Mechaniker aus Franken, hat möglicherweise eine der größten Erfindungen der Menschheit gemacht – und wurde dafür nie richtig anerkannt.
Ruhm und Anerkennung waren dem begabten Konstrukteur und findigen Tüftler bei weitem nicht so wichtig wie der Drang, seine Vision vom Fliegen verwirklicht zu sehen. Und so konnte es geschehen, dass die Brüder Orville und Wilbur Wright jahrzehntelang als die ersten Motorflieger galten, obwohl sie erst 855 Tage nach dem Pionierflug von Gustav Weisskopf mit ihrem ‚Flyer‘ genannten Flugapparat Entfernungen zwischen 37 und 260 Meter zurück gelegt hatten.
Der Stand der Dinge heute
Die moderne Forschung zeigt immer deutlicher, dass Weißkopf tatsächlich vor den Wrights flog. Brown ist davon überzeugt, dass Weißkopf der erste war. „Bis zum Jahresende 1901 sind weltweit 274 Zeitungsberichte über Gustav Weißkopfs ersten Motorflug verfasst worden“, sagte er. Dokumente belegten auch, dass Weißkopf ein erfahrener Flugzeugmotorbauer gewesen sei.
2013 hat sogar das renommierte Luftfahrt-Jahrbuch „Jane’s All the World’s Aircraft“ Weißkopf als ersten Motorflieger anerkannt. Das ist eine der wichtigsten Publikationen der Luftfahrtbranche weltweit.
In Deutschland gibt es das Deutsche Flugpionier-Museum Gustav Weißkopf in Leutershausen, seiner Geburtsstadt. Dort kann man Nachbauten seiner Flugmaschinen sehen und mehr über sein Leben erfahren.
Was wir daraus lernen können
Die Geschichte zeigt uns mehrere wichtige Dinge:
- Offizielle Geschichte ist nicht immer die wahre Geschichte
- Wirtschaftliche und politische Interessen beeinflussen, was wir als „Fakten“ lernen
- Kleine Leute können große Dinge erreichen – auch wenn sie nicht die Anerkennung bekommen
- Wissenschaft und Technik entwickeln sich oft parallel an verschiedenen Orten
- Verträge und Abmachungen können die Wahrheit für Jahrzehnte verbergen
Wer war nun wirklich der Erste?
Nach allem, was wir heute wissen, gibt es starke Beweise dafür, dass Gustav Weißkopf am 14. August 1901 den ersten kontrollierten Motorflug der Geschichte machte. Er flog 800 Meter weit, hatte Augenzeugen und wurde von Zeitungen dokumentiert.
Die Wright-Brüder machten ihren ersten (sehr kurzen) Flug erst am 17. Dezember 1903 – ohne unabhängige Zeugen und nur 37 Meter weit. Ihre späteren, längeren Flüge waren technisch besser, aber sie waren nicht die Ersten.
Alberto Santos-Dumont machte 1906 den ersten öffentlich bezeugten Flug in Europa und gilt in Brasilien als wahrer Erfinder des Flugzeugs.
Die Wahrheit ist: Viele mutige Pioniere arbeiteten gleichzeitig am Traum vom Fliegen. Die Wright-Brüder hatten das beste Marketing und die stärkste politische Unterstützung. Aber der erste Motorflieger war wahrscheinlich ein bescheidener deutscher Einwanderer namens Gustav Weißkopf.
Quellen:
Deutsches Flugpionier-Museum Gustav Weißkopf in Leutershausen






