Die kleine Mischlingshündin Laika war das erste Lebewesen, das am 3. November 1957 an Bord der sowjetischen Raumkapsel Sputnik 2 die Erde umkreiste. Doch ihre Geschichte ist nur ein kleiner Teil eines viel größeren Dramas. Hinter den glänzenden Erfolgen der frühen Raumfahrt stehen vergessene Wissenschaftler, namenlose Techniker und unzählige Versuchstiere, die den Weg zu den Sternen ebneten. Ihre Opfer und Leistungen blieben oft im Schatten politischer Propaganda und militärischer Geheimhaltung verborgen.
Die tragische Mission der Straßenhündin
Laika wurde als streunender Hund auf den Straßen Moskaus gefunden. Sowjetische Wissenschaftler wählten gezielt Straßenhunde aus, weil sie annahmen, dass diese Tiere bereits gelernt hatten, extreme Kälte und Hunger zu ertragen. Sie wog etwa fünf Kilogramm und war ungefähr drei Jahre alt. Die Techniker gaben ihr verschiedene Namen wie Kudryavka (Kleiner Lockenkopf), Zhuchka (Kleiner Käfer) und Limonchik (Kleine Zitrone). Der Name Laika, was auf Russisch „Kläffer“ bedeutet, setzte sich schließlich durch – angeblich wegen ihres lauten Bellens.
Die Mission wurde hastig geplant. Nikita Chruschtschow, der sowjetische Staatschef, wollte zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution am 7. November 1957 ein „Weltraumspektakel“ präsentieren, das den Triumph von Sputnik 1 wiederholen sollte. Die Ingenieure hatten nur vier Wochen Zeit, um die Kapsel vorzubereiten.
Was wirklich an Bord geschah
Die Technologie für eine sichere Rückkehr zur Erde existierte noch nicht. Laikas Überleben war von Anfang an nicht vorgesehen. Sie starb bereits wenige Stunden nach dem Start an Überhitzung. Laika starb bereits einige Stunden nach dem Start an Überhitzung und Stress. Während der ersten Minuten war Laikas Puls drei Mal so hoch wie ihr Ruhepuls! Vermutlich wegen eines Defekts betrug die Innentemperatur der Kapsel 40 Grad.
Die wahre Todesursache wurde erst 2002 öffentlich gemacht. Dimitri Malashenkov, einer der Wissenschaftler hinter der Mission, enthüllte auf einem Weltraumkongress in Houston, dass es praktisch unmöglich gewesen war, in der kurzen Zeit ein zuverlässiges Temperaturkontrollsystem zu entwickeln. Die Kapsel umkreiste noch über fünf Monate lang die Erde und verglühte schließlich am 14. April 1958 beim Wiedereintritt in die Atmosphäre.
Sergei Koroljow: Das geniale Phantom der sowjetischen Raumfahrt
Während Laika weltberühmt wurde, blieb der Mann hinter dem sowjetischen Raumfahrtprogramm ein Staatsgeheimnis. Sergei Pawlowitsch Koroljow wurde zu seinen Lebzeiten in der Öffentlichkeit nur als „Chefkonstrukteur“ bezeichnet. Geboren am 12. Januar 1907 in Schytomyr (heute Ukraine), spielte er eine zentrale Rolle in der Geschichte der Raumfahrt.
Vom Gulag zum Weltraum
Koroljow wurde während Stalins Säuberungen von 1938 bis 1945 im Gulag und in der Scharaschka inhaftiert. Er wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt und musste an der berüchtigten Kolyma-Trasse am Polarkreis Erdarbeiten verrichten. In diesem Gulag kam er beinahe ums Leben.
Nach seiner Freilassung wurde er ironischerweise zum Architekten des sowjetischen Weltraumprogramms. Stalin empfing den ehemaligen Häftling kurz nach Kriegsende persönlich, um ihm die Leitung des sowjetischen Raketenprogramms zu übertragen.
Zu Koroljows größten Erfolgen gehörten die Konstruktion der R-7 – der ersten Interkontinentalrakete der Welt – und der Start von Sputnik 1 im Jahr 1957, aber vor allem der erste Weltraumflug eines Menschen, Juri Gagarin, am 12. April 1961.
Ein Leben im Schatten
Während sein amerikanischer Kontrahent Wernher von Braun sich öffentlich in Presse und Fernsehen präsentierte, war Koroljow selbst im eigenen Land unbekannt. Als das Nobelpreiskomitee nach dem Sputnik-Erfolg nach seinem Namen fragte, antwortete Chruschtschow, es sei die Arbeit des gesamten sowjetischen Volkes gewesen. Erst bei seinem Staatsbegräbnis in Moskau wurde das Geheimnis gelüftet.
Koroljow starb am 14. Januar 1966, nur zwei Tage nach seinem 59. Geburtstag. Der Wissenschaftler Klimentow ist überzeugt: „Wäre Koroljow nicht so früh gestorben, dann hätten wir es als erste Nation zum Mond geschafft.“ Seine Nachfolger scheiterten an der Raketentechnik.
Deutsche Raketentechniker als unfreiwillige Helfer
Ein weiteres dunkles Kapitel der frühen Raumfahrt ist die Zwangsverpflichtung deutscher Wissenschaftler durch die Sowjetunion. Die deutsche A4-Rakete (V2) kam nach 1945 als Kriegsbeute in die Sowjetunion. Diese erste Großrakete wurde analysiert, nachgebaut und schrittweise verbessert.
Hunderte Spezialisten aus Nazi-Deutschland wurden 1946 von der Sowjetunion zwangsverpflichtet – darunter auch etliche Österreicher. Anders als die USA, die deutsche Wissenschaftler mit der Operation Paperclip freiwillig anwarben, nutzte die Sowjetunion Zwang.
Die Sowjets gründeten im Juli 1945 das Institut Rabe in Bleicherode und ab September 1945 das Institut Gröttrup unter Leitung deutscher Spezialisten. Die Sowjetunion schöpfte bis 1952 das Wissen der deutschen Wissenschaftler ab und nutzte deren Vorschläge für entscheidende Verbesserungen der Raketentechnik.
Belka und Strelka: Die glücklicheren Nachfolger
Nicht alle Weltraumhunde teilten Laikas tragisches Schicksal. Die Hündinnen Belka („Eichhörnchen“) und Strelka („Pfeilchen“) starteten am 19. August 1960 mit Sputnik 5 für einen Tag ins All. Im Gegensatz zu Laika kehrten sie wohlbehalten zur Erde zurück. Zusammen mit Mäusen, Ratten und Fliegen waren sie die ersten Lebewesen, die einen Raumflug in der Erdumlaufbahn überlebten.
Das Leben nach dem Weltraum
Die beiden Hündinnen wurden zu Berühmtheiten in der Sowjetunion. Nach ihrem Flug traten sie eine ehrenvolle Pension an und lebten bis ins hohe Alter im Institut für biomedizinische Probleme. In den 60er Jahren schmückten ihre Porträts Poster, Postkarten und Kalender.
Strelka brachte einige Monate nach dem Flug sechs gesunde Welpen zur Welt. Nikita Chruschtschow schenkte 1961 eine Hündin dieses Wurfs namens Puschinka Caroline Kennedy, der Tochter des US-Präsidenten. Diese sowjetische Hündin paarte sich mit dem Kennedy-Hund Charlie und bekam vier Welpen.
Die unbekannten Opfer des Weltraumprogramms
Weitere Tiere im Dienst der Wissenschaft
Bis zum Frühjahr 1961 hatte die Sowjetunion 29 Raketen mit insgesamt 48 Hunden an Bord gestartet – nur neun reisten bis ins All, von 48 Hunden starben zwölf. Allein zwischen 1951 und 1962 schickte die Sowjetunion 29 Hunde bis an die Grenzen des Weltraums auf eine Höhe von rund 100 Kilometern über der Erde.
Die Hunde Desik und Tsygan waren 1951 die ersten Pioniere. Sie starteten von der Abschussvorrichtung Kapustin Jar an Bord der Rakete R-1B, erreichten eine Höhe von 88 Kilometern und landeten mit einem Fallschirm in der Nähe des Abschussortes. Beide waren lebendig und wohlauf. Eine Woche später startete Desik erneut mit seiner neuen Partnerin Lisa. Dieses Mal öffnete sich der Fallschirm jedoch nicht und beide Hunde kamen ums Leben.
Die menschlichen Kosten
Viele Wissenschaftler und Ingenieure, die an diesen Projekten arbeiteten, blieben namenlos. Neben Laika spielten unzählige Wissenschaftler, Ingenieure und Experimentatoren eine entscheidende Rolle, deren Beiträge und Opfer oft im Schatten der großen Errungenschaften stehen.
Stalins Große Säuberung hemmte den Fortschritt der sowjetischen Raketentechnik erheblich. Viele führende Ingenieure wurden getötet. Die überlebenden Wissenschaftler arbeiteten unter extremem politischen Druck und oft unter unmenschlichen Bedingungen.
Die Propaganda-Maschine und ihre Lügen
Die sowjetische Regierung nutzte diese frühen Weltraummissionen als mächtiges Propagandawerkzeug. Der sowjetische Rundfunk informierte täglich über Laikas Befinden, als wäre sie noch am Leben. Über Jahrzehnte hielt sich die offizielle Version, nach der Laika ihre Mission wie geplant nach über einer Woche beendete und friedlich nach einer vergifteten letzten Mahlzeit starb.
Viele Details über Laikas Mission und die damit verbundenen Opfer wurden erst Jahrzehnte später bekannt. Die Sowjetunion hielt viele Informationen geheim, um das Bild des technologischen Fortschritts aufrechtzuerhalten. Erst in den 2000er Jahren wurden detailliertere Berichte über die wahre Todesursache Laikas veröffentlicht.
Das Erbe der frühen Weltraumpioniere
Wissenschaftlicher Fortschritt
Trotz aller ethischen Bedenken lieferten diese frühen Missionen wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Tierversuche wurden als notwendige Vorstufe zu bemannten Missionen angesehen. Das Experiment überwachte Laikas Vitalzeichen und sollte beweisen, dass ein lebender Organismus den Start überleben und unter Schwerelosigkeit funktionieren konnte.
Bei Belka und Strelka wurde beobachtet, dass Belka während der vierten Erdumrundung unruhig wurde und sich erbrach, obwohl ihre Vitalzeichen normal waren. Diese Beobachtung führte dazu, dass Juri Gagarins historischer Flug auf nur eine Erdumrundung begrenzt wurde.
Ethische Diskussionen
Menschen aus aller Welt, vor allem aus den USA und Europa, protestierten gegen die sowjetische Praxis, Tiere in den Weltraum zu schicken. Es gab sogar den Vorschlag, stattdessen Nikita Chruschtschow mit einer Rakete ins All zu schießen.
Einer der Techniker, der die Kapsel vorbereitete, erinnerte sich: „Nach dem Platzieren von Laika im Container und vor dem Schließen der Luke küssten wir ihre Nase und wünschten ihr gute Reise, wissend, dass sie den Flug nicht überleben würde.“
Denkmäler und späte Anerkennung
2008 wurde in der Nähe der militärischen Forschungseinrichtung in Moskau, die Laikas Flug vorbereitete, ein kleines Denkmal enthüllt, das sie auf einer Rakete stehend zeigt. Sie erscheint auch auf dem Monument für die Eroberer des Weltraums in Moskau.
Die Künstlerin Angelina Zikanowa arbeitete jahrelang an einem Relief für Laika, das jedoch nie realisiert wurde. Nach dem Sturz Chruschtschows 1964 wollte niemand mehr davon sprechen. 1982 verstarb Zikanowa verbittert.
Die deutsche Raumfahrt heute
Deutschland spielt heute eine wichtige Rolle in der friedlichen Nutzung des Weltraums. Das Land ist Gründungsmitglied der Europäischen Weltraumorganisation ESA und nach Frankreich der zweitgrößte Beitragszahler.
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit Hauptsitz in Köln beschäftigt über 11.000 Mitarbeiter an 30 Standorten. Die Deutsche Raumfahrtagentur im DLR setzt das deutsche Raumfahrtprogramm um. Rund 1,3 Milliarden Euro werden jährlich vor allem in Spitzenforschung und -technologie investiert.
Die moderne deutsche Raumfahrt konzentriert sich auf zivile und wissenschaftliche Zwecke: Erdbeobachtung für den Klimaschutz, Satellitennavigation und internationale Kooperationen wie die ISS.
Quellen:






