Was bedeutet „woke“ bzw. „wokeness“?

Woke ist ein Begriff, der in den letzten Jahren zu einem der umstrittensten Wörter in Deutschland und weltweit geworden ist. Der Begriff wurde vor allem durch Social Media geprägt und mit Hashtags wie #woke oder #staywoke soll auf soziale, strukturelle und/oder politische Missstände aufmerksam gemacht werden. Was als Aufruf zur Wachsamkeit in der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung begann, ist heute zum politischen Kampfbegriff geworden. Aber was bedeutet „woke“ eigentlich genau? Und warum löst dieses kleine Wort so heftige Debatten aus?

Die ursprüngliche Bedeutung: Wachsam gegen Ungerechtigkeit

„Woke“ kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt „aufgewacht“ bzw. „wachsam“. Verwendet wird der Begriff heute umgangssprachlich vor allem für die Aufmerksamkeit (Wachsamkeit) bzw. die Feinfühligkeit gegenüber Menschen von Minderheiten und Momenten von Diskriminierungen.

Das Wort hat seine tiefen Wurzeln in der afroamerikanischen Geschichte. Woke ist ein Adjektiv, das aus dem afroamerikanischen Englisch stammt und seit den 1930er Jahren oder früher verwendet wird, um das Bewusstsein für rassistische Vorurteile und Diskriminierung zu bezeichnen, oft in der Konstruktion „stay woke“.

Der schwarze amerikanische Folk-Sänger Lead Belly verwendete den Ausdruck „stay woke“ als Teil eines gesprochenen Nachwortes zu einer Aufnahme seines Liedes „Scottsboro Boys“ von 1938, das die Geschichte von neun schwarzen Teenagern und jungen Männern erzählt, die fälschlicherweise der Vergewaltigung zweier weißer Frauen in Alabama im Jahr 1931 beschuldigt wurden. In der Aufnahme sagt Lead Belly, dass er den Anwalt der Angeklagten und die jungen Männer selbst getroffen habe, und „Ich rate jedem, ein wenig vorsichtig zu sein, wenn sie dort durchgehen (Scottsboro) – am besten wachsam bleiben, die Augen offen halten.“

Wie der Begriff politisch wurde

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts hatte „woke“ die Bedeutung von „gut informiert“ oder „bewusst“ angenommen, besonders in einem politischen oder kulturellen Sinne. Das Oxford English Dictionary führt die früheste solche Verwendung auf einen Artikel im New York Times Magazine von 1962 mit dem Titel „If You’re Woke You Dig It“ des afroamerikanischen Schriftstellers William Melvin Kelley zurück, der die Aneignung des schwarzen Slangs durch weiße Beatniks beschreibt.

Der entscheidende Moment für die moderne Verbreitung kam mit der Black Lives Matter-Bewegung. Während der Ferguson-Proteste 2014 wurde der Ausdruck „stay woke“ von Black Lives Matter (BLM)-Aktivisten popularisiert, die das Bewusstsein für Polizeischießereien auf Afroamerikaner schärfen wollten. Nach dem Tod von Michael Brown und anderen Fällen von Polizeigewalt wurde „woke“ zum Schlachtruf einer neuen Generation von Aktivisten.

Der Begriff weitet sich aus: Von Rassismus zu allen Diskriminierungsformen

Im Laufe der Zeit wurde „woke“ verwendet, um sich auf ein breiteres Bewusstsein für soziale Ungleichheiten wie Sexismus und die Verweigerung von LGBTQ-Rechten zu beziehen. Im Fokus der Wokeness-Bewegung stehen vor allem Themen wie Rassismus, Sexismus und ähnliche Diskriminierungen.

Heute bedeutet „woke sein“ für viele Menschen:

  • Sensibilität für verschiedene Formen von Diskriminierung entwickeln
  • Privilegien erkennen und hinterfragen
  • Strukturelle Ungerechtigkeiten aufdecken
  • Für Minderheiten und deren Rechte eintreten
  • Sprache bewusst verwenden und diskriminierende Begriffe vermeiden

Seit Juni 2017 ist das Wort im Oxford English Dictionary zu finden. Der Duden definiert „woke“ als „in hohem Maß politisch wach und engagiert gegen (insbesondere rassistische, sexistische, soziale) Diskriminierung“.

Warum „woke“ zum Streitthema wurde

Was einst als positive Selbstbezeichnung begann, ist heute zum umkämpften Begriff geworden. Bis 2019 wurde der Begriff weit verbreitet sarkastisch als abwertendes Wort von der politischen Rechten und einigen Zentristen verwendet, um linke und progressive Bewegungen als oberflächlichen und unaufrichtigen performativen Aktivismus zu verunglimpfen.

Die Kritik kommt aus verschiedenen Richtungen:

Konservative Kritik: „Woke“ als Bedrohung

Der Begriff findet vor allem im konservativen Raum auch eine abwertende Verwendung, bei der Kritik an der Woke-Bewegung selbst zum Ausdruck gebracht wird. Kritiker werfen der Bewegung vor:

  • Übertriebene Empfindlichkeit: Menschen seien zu sensibel geworden
  • Moralische Überheblichkeit: Ständiges Belehren und Verurteilen anderer
  • Meinungsfreiheit in Gefahr: Angst vor öffentlicher Ächtung bei abweichenden Meinungen
  • Spaltung der Gesellschaft: Einteilung in „Gut“ und „Böse“ ohne Zwischentöne

Die akademische Debatte

Ein Großteil der deutschen Bevölkerung mag Wokeness nicht. Viele hassen sie sogar. Diese Abneigung hegen nicht nur reiche weiße Männer. Komisch, eigentlich. Obwohl woke Kulturkämpfer für die Rechte von Frauen und Migranten kämpfen, lehnt die große Mehrheit der Frauen geschlechtergerechte Formulierungen ab.

Die Debatte hat sich besonders in akademischen Kreisen zugespitzt. Sachlicher ist der Begriff „emanzipatorische Kulturpolitik“: Eine bestimmte Form des politischen Aktivismus, der – inspiriert von postkolonialen und feministischen Theorien – einen Fokus auf kulturelle und sprachliche Fragen legt. Dieser Aktivismus ist prinzipiell sinnvoll und seit den 1960er Jahren in den westlichen Ländern extrem erfolgreich.

Cancel Culture: Die dunkle Seite der Wokeness?

Ein besonders umstrittener Aspekt der Woke-Bewegung ist die sogenannte „Cancel Culture“. In Verbindung steht die Wokeness mit der Cancel Culture, dem behaupteten verbreiteten Phänomen, dass missliebigen, mehr oder weniger bekannten Personen (etwa aus Wissenschaft, Kunst und Politik) die Unterstützung entzogen oder der Kampf angesagt wird, mit dem Ziel, ihre Reputation zu beschädigen, ihre Berufsausübung zu verhindern oder ihre Präsenz in den Medien bzw. zu vermindern.

Beispiele aus Deutschland

Die Cancel-Culture-Debatte erreichte Deutschland besonders im Sommer 2020. In Deutschland füllte die Debatte zur Cancel Culture das Sommerloch 2020. In den Hauptrollen: Lisa Eckhart und Dieter Nuhr. Wochenlang wurde in einer aufgeregten Diskussion suggeriert, dass in Deutschland Kunst- und Meinungsfreiheit bedroht seien.

Aber es gibt auch andere Beispiele. Etwa der Fall des Ravensburger Verlags, der 2022 das Kinderbuch „Der junge Häuptling Winnetou“ nach Rassismusvorwürfen vom Markt nahm. Oder Unternehmen, die ihre Werbekampagnen nach Shitstorms zurückzogen.

Zum Teil steht deswegen die Vermutung im Raum, dass die angebliche Cancel Culture in Deutschland der Karriere eher einen Schub verpasst anstatt diese zu canceln. Viele der angeblich „gecancelten“ Personen sind weiterhin erfolgreich in den Medien präsent.

„Woke Washing“: Wenn Unternehmen nur so tun als ob

Ein weiteres Problem ist das sogenannte „Woke Washing“. Die Kritik hier ist, dass gerade bei Unternehmen ein progressives Selbstbild entstehe, das sich hinter der woken Fassade dennoch einer unnachsichtigen Gewinnmaximierung unterordnet. Das Bild einer nachhaltigen und gleichberechtigten Unternehmenskultur wird so zur Marketingstrategie, statt zu einer eigenen authentischen Identität.

Unternehmen nutzen progressive Botschaften für ihre Werbung, ohne tatsächlich etwas zu verändern:

  • Regenbogenflaggen nur während des Pride Month
  • Weltfrauentag feiern bei minimaler Frauenquote in Führungspositionen
  • Nachhaltigkeitsversprechen ohne echte Maßnahmen

Die politische Instrumentalisierung

Der Begriff „woke“ ist zum politischen Kampfbegriff geworden. „Woke wurde quasi zu einem allgemeinen Code für alles, von dem diese Rechten meinen, das falsch läuft in der Gesellschaft“, sagt der Politikwissenschaftler Floris Biskamp.

Rechte Cancel Culture

Interessanterweise nutzen auch rechte Gruppen ähnliche Taktiken. Das zeigt sich auch daran, dass von der extremen Rechten zuletzt noch stärker Cancel Culture betrieben wurde. Wir haben einige aktuelle Beispiele gesammelt – auch als Mahnung, mit welchen Mitteln Rechtsextreme versuchen, die demokratische Zivilgesellschaft zu unterdrücken.

Beispiele rechter Cancel Culture:

  • Drohungen gegen Theater und Kultureinrichtungen
  • Klagen gegen kritische Politiker und Journalisten
  • Shitstorms gegen Unternehmen mit progressiven Positionen
  • Einschüchterungsversuche bei Demonstrationen

Aktuelle Studien: Wie verbreitet ist „Wokeness“ wirklich?

Eine finnische Studie von 2024 untersuchte erstmals systematisch die Verbreitung von Woke-Einstellungen. Der finnische Psychologe Dr. Oskari Lahtinen publizierte dieses Jahr (2024) eine Studie, in der er den ersten Wokeness-Fragebogen („critical social justice attitude scales“; CSJAS) anhand einer finnischen Stichprobe von knapp 6.000 Personen (mehrheitlich Akademiker; ca. 51 Prozent männlich, 44 Prozent weiblich und 5 Prozent sonstige oder keine Angabe) entwickelte und validierte. Der Fragebogen besteht aus sieben Aussagen (Items), die verschiedene Kernüberzeugungen von Wokeness erfassen.

Die Ergebnisse zeigen: „Über ‚Wokeness‘ wird viel und kontrovers diskutiert, dabei war bisher überhaupt nicht klar wie verbreitet das Phänomen ist. Drei aktuelle Studien geben dazu nun erste Eindrücke. Die Resultate: Es ist weniger verbreitet, als man denkt, aber verbreiteter, als es gut wäre.“

Die gesellschaftlichen Folgen

Die Woke-Debatte spaltet Deutschland. Auf der einen Seite stehen Menschen, die mehr Sensibilität für Diskriminierung fordern. Auf der anderen jene, die sich bevormundet fühlen.

Positive Auswirkungen:

  • Mehr Bewusstsein für strukturelle Probleme
  • Sichtbarkeit für Minderheiten
  • Sprachliche Sensibilisierung
  • Gesellschaftlicher Wandel wird angestoßen

Negative Folgen:

  • Polarisierung der Gesellschaft
  • Kommunikationsbarrieren zwischen verschiedenen Gruppen
  • Angst vor öffentlicher Äußerung
  • Ablenkung von materiellen Problemen

Ein Blick auf andere Länder

In den USA, wo der Begriff seinen Ursprung hat, ist die Debatte noch schärfer. Linke Perspektive: Progressive und linke Gruppen sehen „Woke“ weiterhin als Werkzeug, um auf Rassismus, Sexismus und soziale Ungleichheiten aufmerksam zu machen. Es wird als unverzichtbar für gesellschaftliche Veränderungen betrachtet. Rechte Kritik: Konservative Gruppen verwenden „Woke“ hingegen häufig abwertend. Für sie steht der Begriff für übermäßige politische Korrektheit, Cancel Culture und eine vermeintliche Bedrohung traditioneller Werte.

In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Muster, wenn auch weniger extrem. Die Debatte ist hier oft mit Diskussionen über Gendern, politische Korrektheit und Identitätspolitik verknüpft.

Was bleibt vom Begriff „woke“?

Der Begriff hat eine bemerkenswerte Wandlung durchgemacht: Von einem Aufruf zur Wachsamkeit in der afroamerikanischen Community zu einem globalen Streitthema. Was als Ermächtigung begann, wird heute oft als Bevormundung empfunden.

Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Ja, es gibt echte Diskriminierung, die Aufmerksamkeit verdient. Und ja, manchmal schießt der Aktivismus über das Ziel hinaus. Die Frage ist nicht, ob wir „woke“ sein sollten oder nicht. Sondern wie wir einen konstruktiven Dialog führen können über die Probleme in unserer Gesellschaft.

Warum die Debatte so emotional geführt wird

Die Heftigkeit der Auseinandersetzung hat mehrere Gründe:

  1. Identität: Es geht um fundamentale Fragen von Zugehörigkeit und Anerkennung
  2. Macht: Wer bestimmt, was sagbar ist und was nicht?
  3. Generation: Unterschiedliche Altersgruppen haben verschiedene Perspektiven
  4. Medien: Soziale Netzwerke verstärken extreme Positionen
  5. Politik: Der Begriff wird für Wahlkämpfe instrumentalisiert

Ein Ausblick: Wohin entwickelt sich die Debatte?

Die Woke-Debatte wird uns noch lange begleiten. Zurzeit ist die Wokeness-Bewegung unter anderem durch das kürzlich erschiene Buch „After Woke“ von Jens Balzer wieder ein aktuelleres Thema. Hier kritisiert Balzer unter anderem ein Ausbleiben angemessener Reaktionen der woken Szene auf die Anschläge der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und sieht dabei einen Prozess der Radikalisierung der Wokeness-Bewegung.

Aber es gibt auch Hoffnung auf Versöhnung. Trotz seiner Kritik ist Wokness für Balzer im Kern „zutiefst demokratisch“, sie ziele „auf Teilhabe und Gerechtigkeit und auf eine gelingende Verständigung zwischen Menschen“ ab. Es geht um Gleichheit, Respekt, Anerkennung.

Praktische Tipps für den Alltag

Wie können wir konstruktiv mit dem Thema umgehen?

Für alle:

  • Zuhören statt verurteilen
  • Nachfragen bei Unklarheiten
  • Respekt für andere Perspektiven zeigen
  • Gemeinsames suchen statt trennendes betonen

Im Beruf:

  • Klare Kommunikation über Erwartungen
  • Schulungen zu Diskriminierung anbieten
  • Fehlerkultur etablieren
  • Dialog statt Sanktionen bevorzugen

In sozialen Medien:

  • Quellen prüfen vor dem Teilen
  • Pausieren vor emotionalen Reaktionen
  • Konstruktive Kritik statt Angriffe
  • Blockieren bei Belästigung

Fazit: Zwischen berechtigtem Anliegen und Übertreibung

„Woke“ – ein kleines Wort mit großer Wirkung. Was in den 1930er Jahren als Warnung vor rassistischer Gewalt begann, ist heute zu einem der umstrittensten Begriffe unserer Zeit geworden. Die ursprüngliche Bedeutung – wachsam sein gegenüber Ungerechtigkeit – ist eigentlich etwas, dem die meisten Menschen zustimmen würden.

Das Problem entsteht, wenn aus Wachsamkeit Wachsamkeits-Zwang wird. Wenn aus dem Hinweis auf Probleme eine ständige Suche nach Problemen wird. Wenn Menschen Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Aber auch, wenn echte Diskriminierung als „Woke-Wahnsinn“ abgetan wird.

Vielleicht brauchen wir eine neue Sprache für diese Debatte. Eine, die nicht so aufgeladen ist. Eine, die Raum lässt für Nuancen. Denn am Ende wollen die meisten Menschen dasselbe: In einer gerechten Gesellschaft leben, in der alle Menschen respektiert werden. Wie wir dahin kommen – darüber lässt sich streiten. Aber das Ziel sollten wir nicht aus den Augen verlieren.

Die Geschichte von „woke“ zeigt: Sprache ist mächtig. Begriffe können vereinen oder spalten. Sie können Bewegungen schaffen oder zerstören. „Woke“ hat beides getan. Jetzt liegt es an uns, zu entscheiden, wie wir mit diesem Erbe umgehen. Ob wir weiter über Begriffe streiten – oder anfangen, über Lösungen zu reden.


Quellen: