Was bedeutet Cis?

Cis oder cisgeschlechtlich bezeichnet Menschen, bei denen die Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Das bedeutet: Wenn jemand bei der Geburt als Mädchen eingestuft wurde und sich auch als Frau identifiziert, ist diese Person cis. Genauso ist ein Mensch, der bei der Geburt als Junge kategorisiert wurde und sich als Mann fühlt, ebenfalls cis.

Der Begriff stammt aus dem Lateinischen – „cis“ bedeutet „auf dieser Seite, diesseits, binnen, innerhalb“. Als Gegenstück zu „trans“ (was „jenseits“ oder „darüber hinaus“ bedeutet) macht der Begriff deutlich, dass cis Personen in dem Geschlecht „bleiben“, das ihnen zugeschrieben wurde.

Warum brauchen wir den Begriff überhaupt?

Viele Menschen fragen sich, warum es einen speziellen Begriff für etwas gibt, was sie als „normal“ empfinden. Aber genau darum geht es. Die überwiegende Mehrheit aller Menschen identifiziert sich mit ihrem Geburtsgeschlecht – aber das macht andere Geschlechtsidentitäten nicht weniger gültig.

Das Wort „cis“ bietet die Möglichkeit, trans* Personen nicht als „Abweichung“ oder „Besonderheit“ darzustellen und cis Menschen als die Norm, sondern neutral zu beschreiben, dass jemand nicht trans* ist. Ohne diesen Begriff müssten wir von „normalen Menschen“ und „trans Menschen“ sprechen – und das wäre diskriminierend.

Der Begriff wurde 1994 von der Biologin Dana Leland Defosse eingeführt und in Usenet-Gruppen verwendet und 2007 von Julia Serano in ihrem Buch Whipping Girl populär gemacht. In Deutschland verwendete der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch den Begriff „Cissexuell“ im Jahr 1991.

Was cis sein wirklich bedeutet – und was nicht

Cis zu sein bedeutet nicht, dass man alle gesellschaftlichen Erwartungen an sein Geschlecht erfüllt. Ein Mann, der gern Nagellack trägt, kann genauso cis sein wie eine Frau, die in einem scheinbaren „Männerberuf“ arbeitet. Auch cis Personen können gendernonkonform sein, also nicht die gesellschaftlich erwarteten geschlechterspezifischen Merkmale performen, und sich dennoch als cisgeschlechtlich identifizieren.

Wichtig ist auch: Die Übereinstimmung von Geschlecht und Identität bezieht sich nicht auf die sexuelle Orientierung oder sexuelle Identität einer Person. Eine cis Frau kann lesbisch, bisexuell oder heterosexuell sein – ihre sexuelle Orientierung hat nichts damit zu tun, ob sie cis ist oder nicht.

Die unsichtbaren Vorteile: Was sind Cis-Privilegien?

Menschen, die cis sind, haben in unserer Gesellschaft bestimmte Privilegien – also Vorteile, die ihnen oft gar nicht bewusst sind. Diese Privilegien entstehen nicht, weil cis Menschen etwas Besonderes geleistet haben, sondern einfach, weil unsere Gesellschaft auf sie ausgerichtet ist.

Alltägliche Situationen ohne Stress

Stell dir vor, du gehst auf eine öffentliche Toilette. Für cis Menschen ist das meist kein Problem. Für trans Menschen kann das aber bedeuten: Angst haben zu müssen, wegen des Geschlechts beschimpft, körperlich bedroht oder gar verhaftet zu werden.

Weitere Beispiele für Cis-Privilegien im Alltag:

  • Beim Arzt: Wenn du medizinische Versorgung in Anspruch nimmst, musst du keine Angst haben, dafür diskriminiert zu werden, dass du cis bist
  • In der Umkleide: Du kannst Umkleideräume im Schwimmbad oder Fitnessstudio nutzen, ohne angestarrt zu werden oder nervös zu sein
  • Bei Formularen: Du findest immer eine passende Ankreuzoption für dein Geschlecht
  • Im Gespräch: Du wirst von Fremden, entfernten Bekannten oder Freunden nicht auf deine Genitalien reduziert. Niemand fragt dich, was du zwischen den Beinen hast oder wie du Sex hast
  • Identität: Niemand stellt deine Geschlechtsidentität infrage oder behauptet, du wärst kein „richtiger“ Mann oder keine „richtige“ Frau

Cisnormativität: Wenn „normal“ zum Problem wird

Die Vorstellung, dass alle Menschen cis sind, bis etwas Anderes gesagt wird, ist in unserer Gesellschaft tief verankert. Dies wird Cisnormativität genannt. Sie zeigt sich schon darin, dass mit einem Blick auf die Genitalien eines Kindes angenommen wird, zu wissen, in welchem Geschlecht dieses Kind leben wird.

Diese Cisnormativität führt dazu, dass trans und nicht-binäre Menschen ständig erklären müssen, wer sie sind. Sie müssen sich rechtfertigen, kämpfen und werden oft nicht ernst genommen. Das ist anstrengend und unfair.

Cissexismus: Strukturelle Diskriminierung verstehen

Cissexismus ist mehr als nur persönliche Vorurteile. Es beschreibt die Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung von trans-Menschen durch cisgeschlechtliche Menschen. Cissexismus resultiert in Abwertungsstrategien, der Aufrechterhaltung von zweigeschlechtlichen Überlegenheitssystemen und oft in Gewalt gegen trans-Personen. Im Unterschied zur individualisierten Transphobie betont Cissexismus die strukturelle Verankerung des Zweigeschlechtersystems.

Wie zeigt sich Cissexismus?

Cissexismus kommt aus der Cisnormativität, der festen Vorstellung, dass alle Menschen eigentlich cisgeschlechtlich wären und Transgeschlechtlichkeit nur eine Abweichung vom „Normalzustand“ sei.

Diese Diskriminierung kann verschiedene Formen annehmen:

  • Institutionelle Ebene: Behördengänge, die für trans Menschen kompliziert und demütigend sind
  • Medizinische Versorgung: Ärzte, die trans Menschen nicht ernst nehmen oder respektlos behandeln
  • Arbeitsplatz: Diskriminierung bei Bewerbungen oder im Job
  • Öffentlicher Raum: Von Belästigung bis zu körperlicher Gewalt
  • Sprache: Absichtliches Verwenden falscher Pronomen oder Namen

Die Grenzen sind fließend

Es ist wichtig zu verstehen: Die Grenzen zwischen cis und trans* sind fließend. Ein Gegensatzpaar wie cis und trans* kann der Lebenswirklichkeit von Menschen nicht immer gerecht werden. Es gibt keine klare Grenze, bis wann eine Person cis ist und ab wann trans*.

Manche nicht binären Menschen, also Personen, die weder „Mann“ noch „Frau“ für sich dauerhaft passend finden, sagen, dass sie weder trans* noch cis sind. Die Geschlechtsidentität ist komplex und individuell.

Intersektionalität: Mehrfache Diskriminierung

Nicht alle cis Menschen haben die gleichen Privilegien. Eine schwarze cis Frau erfährt Rassismus und Sexismus. Ein schwuler cis Mann erlebt Homophobie. Ein cis Mensch mit Behinderung stößt auf Barrieren, die andere nicht kennen.

Diese Überschneidungen von verschiedenen Diskriminierungsformen nennt man Intersektionalität. Jemand kann gleichzeitig privilegiert und marginalisiert sein – je nachdem, welchen Aspekt der Identität man betrachtet.

Was bedeutet das für inter* Menschen?

Die Gegenüberstellung von „cis“ und „trans“ lässt intergeschlechtliche Personen außen vor. Sie erleben Diskriminierung und Gewalt auch, wenn sie sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren – egal ob dies inter oder ein anderes Geschlecht ist.

Inter* Menschen werden oft bei der Geburt einem binären Geschlecht zugewiesen, obwohl ihre Körper nicht den medizinischen Normen entsprechen. Manche inter* Menschen verwenden den Begriff cis für sich, andere nicht.

Ist „cis“ eine Beleidigung?

Nein. Einige Menschen lehnen die Bezeichnung cis(gender) für sich ab oder sehen sie als Beleidigung, aber das ist nicht so! Cis ist keine Abwertung, sondern soll ausdrücken, dass Cis und Trans* zwei Kategorien geschlechtlicher Vielfalt sind.

Der Begriff ist vergleichbar mit anderen beschreibenden Wörtern wie „heterosexuell“ – er benennt einfach eine Eigenschaft, ohne sie zu bewerten.

Was können cis Menschen tun?

Bewusstsein entwickeln

Der erste Schritt ist, sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden. Das bedeutet nicht, dass dein Leben automatisch einfach ist. Es bedeutet nur, dass du bestimmte Probleme nie haben wirst, mit denen trans Menschen täglich kämpfen.

Aktiv werden

Du kannst deine Privilegien nutzen und dich dafür einsetzen, dass trans* inklusivere Räume geschaffen werden. Zum Beispiel deine Hochschule oder Arbeit darauf aufmerksam machen, wie wichtig Unisex-Toiletten sein können. Oder in deinem Fitness Studio die Bitte äußern, die Duschen etwas privater zu gestalten.

Sprache bewusst nutzen

  • Verwende die richtigen Pronomen für Menschen
  • Frag nach, wenn du unsicher bist
  • Korrigiere andere respektvoll, wenn sie falsche Pronomen verwenden
  • Stelle dich mit deinen eigenen Pronomen vor – das normalisiert es für alle

Zuhören und lernen

  • Höre trans Menschen zu, ohne ihre Erfahrungen anzuzweifeln
  • Informiere dich selbstständig, statt trans Menschen als wandelnde Lexika zu behandeln
  • Akzeptiere, dass du nicht alles verstehen musst, um respektvoll zu sein

Geschlechtsidentität ist vielfältig

Gender und Sex sind nicht binär: Es gibt nicht nur Mann oder Frau und daher auch nicht nur cis oder trans. Vielmehr verlaufen beide Eigenschaften ähnlich wie ein Farbspektrum, in dem jede Schattierung möglich ist.

Diese Vielfalt zu akzeptieren macht unsere Gesellschaft nicht komplizierter – sie macht sie ehrlicher und gerechter. Jeder Mensch hat das Recht, so zu leben, wie es der eigenen Identität entspricht.

Fazit

Cis ist keine Beleidigung, sondern ein neutraler Begriff, der Menschen beschreibt, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Die meisten Menschen sind cis – und das ist okay. Genauso okay ist es, trans, nicht-binär oder etwas anderes zu sein.

Die Begriffe helfen uns, über Geschlecht zu sprechen, ohne bestimmte Identitäten als „normal“ und andere als „abweichend“ zu markieren. Sie machen sichtbar, dass Cisnormativität und Cissexismus reale Probleme sind, die trans Menschen das Leben schwer machen.

Cis Menschen haben Privilegien, die sie oft nicht wahrnehmen. Diese zu erkennen ist der erste Schritt. Der zweite ist, diese Privilegien zu nutzen, um für eine gerechtere Gesellschaft zu kämpfen – eine Gesellschaft, in der alle Menschen unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität sicher und frei leben können.

Geschlecht ist komplex, individuell und vielfältig. Und das ist gut so.


Quellen:

  1. Bundeszentrale für politische Bildung – LSBTIQ-Lexikon
  2. LIEBESLEBEN – Informationsportal der BZgA
  3. FUMA Fachstelle Gender & Diversität NRW