Indogermanische nominale Morphologie

Die indogermanische nominale Morphologie bildet das Herzstück der vergleichenden Sprachwissenschaft. Innerhalb der Vergleichenden Indogermanischen Sprachwissenschaft nimmt das Nomen, nämlich Substantiv und Adjektiv, den größten Raum unter den Wörtern ein. Dieser Forschungsbereich untersucht, wie Substantive und Adjektive in der rekonstruierten indogermanischen Grundsprache und ihren Tochtersprachen gebildet und verändert wurden.

Was macht die nominale Morphologie so besonders?

Die nominale Morphologie ist mehr als nur Grammatik. Sie ist der Schlüssel zum Verständnis, wie unsere sprachlichen Vorfahren ihre Welt strukturierten. Substantive wurden nach Numerus und Kasus flektiert und nach Genus klassifiziert. Es gab drei Numeri: Singular, Dual und Plural.

Stellen Sie sich vor: Ein einziges Wort konnte je nach seiner Form verschiedene grammatische Funktionen übernehmen. Das Kasussystem war dabei zentral. Das rekonstruierte Indogermanische wird in der Regel zu den Akkusativ-Sprachen gezählt. Das heißt, im Normalfall steht der Agens eines transitiven Satzes im Nominativ, das direkte Objekt im Akkusativ. Aber es geht noch weiter. Allerdings finden sich in den indogermanischen Sprachen Objekte transitiver Verben nicht nur im Akkusativ, sondern auch im Genitiv, wenn auch bei weitem nicht in derselben Quantität.

Die drei Säulen: Genus, Numerus und Kasus

Das Genus-System: Mehr als nur Grammatik

Im Indogermanischen gab es drei Genera, Maskulinum, Femininum und Neutrum. Aufgrund des hethitischen Befundes nimmt man an, dass in der Frühphase die Einteilung in Maskulina und Feminina nicht existierte. Das ist faszinierend. Am Anfang gab es nur zwei Kategorien: belebt und unbelebt.

Besonders viel diskutierte Themen sind die nominalen Akzenttypen und das Caland-System samt i-Stämmen, devī- und vkī-Klasse, der Komparativ und die thematischen Stämme. Weitere Schwerpunkte sind das Kollektivum und die Kongruenz. Das Kollektivum spielte eine besondere Rolle. Von dem Paar ‚Singular vs. Plural‘ ist die Opposition ‚Singulativ vs. Kollektiv‘ zu unterscheiden. Ein Kollektivum (Kollektivsubstantiv) bezeichnet eine Menge von Gegenständen, die als nicht differenziertes Ganzes genommen werden.

Der Ablaut: Das verborgene Muster

Der Ablaut ist wie die DNA der indogermanischen Sprachen. Er zeigt sich als regelmäßiger Vokalwechsel innerhalb verwandter Wörter. Ist das */e/ unverändert erhalten, spricht man von der -e-Vollstufe. Wenn ein ursprünglich erwartetes */e/ in der indogermanischen Grundsprache nicht akzentuiert war, schwand es; der entsprechende Wortbestandteil stand dann in der Nullstufe (3.Sg. *h₁és -ti ‚er ist‘, 3.Pl. *h₁ s- énti ’sie sind‘; es entstehen die so genannten „starken“ und „schwachen“ Teilstämme). Neben der Nullstufe gab es die Dehnstufe */ē/. Die Ablautreihe Nullstufe – Vollstufe – Dehnstufe bezeichnet man auch als quantitativen Ablaut.

Nehmen wir das deutsche Beispiel „singen – sang – gesungen“. Hier sehen Sie den Ablaut in Aktion. sang: o-Abtönung (das */-ó-/ aus altem Perfekt (das im Germanischen als Präteritum umgedeutet wurde) wurde zum */a/; vergleiche acht versus lat. octō aus grundsprachlich *ok̑tṓ), gesungen: Nullstufe (/un/ aus silbischem */ņ/).

Der Ablaut ist ein aus der idg. Grundsprache ererbter, ursprünglich wenigstens teil- weise durch den Wortakzent bedingter Vokalwechsel, der besonders prominent in der Verbstammbildung der germ. Sprachen zu finden ist. Aber der Ablaut beschränkt sich nicht auf Verben. Im Germanischen spielt der Ablaut in erster Linie beim Verb eine Rolle. Und zwar zum einen in der Verbflexion, zum anderen in der Lexembildung bei der Bildung deverbaler Nomen und Adjektive.

Stammklassen und ihre Geheimnisse

Die indogermanischen Substantive wurden in verschiedene Stammklassen eingeteilt. Die *-i- und *-u-Stämme verhalten sich wie andere athematische Substantive auch und bilden noch keine eigentlichen eigenen Deklinationsklassen. In vielen Folgesprachen haben sie allerdings durch Lautverschmelzungen und Analogiebildungen ein Eigenleben entwickelt.

Athematische vs. thematische Stämme

Die Unterscheidung zwischen athematischen und thematischen Stämmen ist fundamental. Bei der thematischen (*-o-)Deklination haben sich die Endungssätze über die Zeit hin mehr und mehr von den athematischen Endungen entfernt. Auffällig ist das Genitiv-ī im Lateinischen und Keltischen, das zu der (heute verworfenen) Annahme einer italo-keltischen Untergruppe der Indogermanischen Sprachen geführt hat.

Das Caland-System

Das Caland-System war lange Zeit ein Rätsel. Unter diesen Themen sind insofern zahlreiche neue, als beispielsweise das Caland-System und das Kollektivum noch im größten Teil des zwanzigsten Jahrhunderts kaum indogermanistische Forschungsgegenstände waren. Insgesamt zeigt sich auf diese Weise gegenüber den letzten Tagungsbänden zu diesem Thema eine konsequente Weiterentwicklung und teilweise neue Schwerpunktsetzung.

Wortbildung: Die Kunst, neue Wörter zu erschaffen

Die „Nominale Wortbildung des Indogermanischen in Grundzügen“ ist eines der Ergebnisse der Forschergruppe „Sprachtheoretische Grundlagen der Kognitionswissenschaft“ (Leipzig, 2000-2006).

Die Wortbildung funktionierte nach bestimmten Mustern. Die umfangreichen Materialsammlungen machen deutlich, dass Polysemie und Unterspezifiziertheit auch in der Wortbildung von Bedeutung sind. Darauf aufbauend darf vermutet werden, dass das mentale Lexikon nur zu einem geringen Teil aus fertigen Lexemen besteht. Den Hauptteil machen morphologisch maximal unterspezifizierte „Wurzeln“ mit rein semantischen Inhalten aus, die durch ein produktives Regelwerk von Wortbildungsmustern in Wörter überführt und damit für sprachliche Äußerungen verwendbar gemacht werden.

Derivation und Komposition

Die Derivation war ein produktives Mittel der Wortbildung. Durch Suffixe konnten aus einfachen Wurzeln komplexe Bedeutungen entwickelt werden. Die Überprüfung von Substantiven mit Mehrfachgenus an allen Belegstellen in der gesamten althochdeutschen Textüberlieferung, ausgehend von der semantischen Motiviertheit der Genuszuweisung (Maskulinum: Singulativum – Femininum: Kollektivum – Neutrum: Kontinuativum), erwies einen in Spuren noch lebendigen Zusammenhang von Genuswechsel und Bedeutungswechsel bei ein und demselben Substantiv. Gestützt wird der Befund durch den Sekundärwortschatz im Bereich der Derivation, wobei das Genus als Einteilungsprinzip für die Derivation des Althochdeutschen geltend gemacht werden kann.

Die Rekonstruktion: Detektivarbeit der Sprachwissenschaft

Der Vergleich einander entsprechender Wörter, Formen und Syntagmen indogermanischer Einzelsprachen, die sprachhistorische Interpretation der festgestellten Entsprechungen und die abschließende Rekonstruktion der urindogermanischen Vorform, die jeweils allen einzelsprachlichen Fortsetzern zugrundeliegt – dieses Verfahren eröffnet bis jetzt den einzigen sicheren Zugang zu einer Sprache und Kultur des 4. Jahrtausends v. Chr., die in direkter Traditionslinie mit unserer eigenen Sprache und Kultur zusammenhängt. Die Rekonstruktion des urindogermanischen Wortschatzes ist daher vielfach von kulturhistorischem Interesse begleitet. Aufgrund des eben beschriebenen Verfahrens wissen wir z.B. – unabhängig davon, ob archäologische Funde hinzukommen -, daß die urindogermanische Sprechergemeinschaft einen Terminus technicus für das um die Nabe bewegliche Rad besaß und den vollständigen Satz Räder, der zu ein und demselben Wagen gehörte, mit dem hiervon abgeleiteten Kollektivum bezeichnete.

Die Methode der vergleichenden Sprachwissenschaft

Franz Bopp (1791–1867) gilt als Begründer der historisch-vergleichenden indogermanischen Sprachwissenschaft. Gewissermaßen die Krönung des Ganzen war die Rekonstruktion der Deklination und Konjugation in der Ursprache. Schon der deutsche Sprachwissenschaftler Franz Bopp hatte mit seinem 1816 publizierten Werk „Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache“ auf die besondere Bedeutung der Formenlehre beim Sprachvergleich hingewiesen. Damit wurde er zum eigentlichen Stammvater der Indogermanistik.

Die Rekonstruktion basiert auf systematischem Vergleich. Oben wurde die Wortgleichung für „Vater“ mit lateinisch pater, gotisch fadar, griechisch patḗr und altindisch pitár angeführt. Der Anfangslaut ist in allen Sprachen ein p-, nur im Gotischen ein f-. Also macht es Sinn, für die Ursprache ein anlautendes *p- anzunehmen, einfach weil in der Mehrzahl der Tochtersprachen ein p- zu finden ist.

Bedeutung für die Einzelsprachen

Die phonologischen, morphologischen und syntaktischen Untersuchungen in diesem Buch betreffen neben der zu rekonstruierenden indogermanischen Grundsprache selbst vor allem das Indoiranische, Griechische und Baltoslavische sowie die erst später entzifferten Sprachgruppen Anatolisch und Tocharisch.

Entwicklungen in den Tochtersprachen

Jede Tochtersprache hat die ererbten Strukturen auf ihre eigene Weise weiterentwickelt. Allgemein lässt sich feststellen, dass die indogermanischen Sprachen im Laufe ihrer Entwicklung das morphologisch hochdifferenzierte Kasussystem der rekonstruierten Grundsprache in unterschiedlichem Maße vereinfacht haben.

Im Deutschen zum Beispiel ist das alte Kasussystem stark reduziert. Von den ursprünglich acht Kasus sind nur vier übrig geblieben. Aber die Spuren der alten Strukturen sind noch erkennbar. Bei den (älteren) starken Verben dagegen tritt ein weitgehend regelmäßiger Ablaut auf, das heißt, dort ändern sich die Hauptvokale bei der Konjugation. Noch heute sind die Ablautverhältnisse im Deutschen gut erkennbar.

Die anatolischen Sprachen als Fenster in die Vergangenheit

Die anatolischen Sprachen, besonders das Hethitische, haben uns wichtige Einblicke gegeben. Sie zeigen archaische Züge, die in anderen Sprachen verloren gegangen sind. Das dritte Kapitel untersucht die Verwendung des Akkusativs und Genitivs in verschiedenen indogermanischen Einzelsprachen, wie Hethitisch, Altindisch, Avestisch, Griechisch und Lateinisch.

Aktuelle Forschung und neue Perspektiven

Seine Forschungsschwerpunkte sind die nominale Morphologie der indogermanischen Sprachen sowie die Bereiche Phonologie und Etymologie. Die Forschung steht nicht still. Neue Erkenntnisse erweitern ständig unser Verständnis.

Die Rolle des Akzents

Der Akzent spielte eine zentrale Rolle bei der Entstehung morphologischer Varianten. Wortakzent angenommen (Hirt 1900). Nullstufe ergibt sich durch Vokalverlust (Synkope) in unbetonter Position. Das System war dynamisch. Der Akzent konnte wandern und dadurch verschiedene Formen erzeugen.

Neue Theorien zur Typologie

Seit Beginn der Erforschung der indogermanischen Sprachen war die eigentümliche Verteilung der Morpheme des Nominativs und Akkusativs auf die einzelnen Stammklassen und Genera Gegenstand vielzähliger Untersuchungen, Spekulationen und Theorien. Bereits 1901 rekonstruierte C. C. Uhlenbeck ein System mit „Agens“- und „Patiens“-Funktion, worauf die spätere (und mittlerweile überholte) „Ergativ-Hypothese“ aufbaute. Mit Erforschung der sogenannten „Aktiv“-Sprachen Kaukasiens und Nordamerikas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden naturgemäß Versuche angestellt, die indogermanische Kasusgrammatik auf ein solches System zurückzuführen.

Praktische Bedeutung

Die Kenntnis der indogermanischen nominalen Morphologie ist nicht nur akademisch interessant. Sie hilft uns:

  • Sprachverwandtschaften zu erkennen
  • Etymologien zu verstehen
  • Sprachwandel nachzuvollziehen
  • Grammatische Strukturen zu durchschauen

Für das Sprachenlernen

Wer die Grundmuster kennt, versteht leichter, warum bestimmte Formen in verschiedenen Sprachen ähnlich sind. Das lateinische „pater“, das griechische „patḗr“ und das deutsche „Vater“ sind nicht zufällig verwandt.

Für die Kulturgeschichte

Die beiden Bände stellen eine Basis für zukünftige Forschungen zum indogermanischen Wortschatz, zur Struktur des Lexikons und zum Status der indogermanischen Wurzel bereit und liefern Bausteine zu einer Typologie des Wortbildungswandels sowie des semantischen Wandels.

Die morphologischen Strukturen spiegeln oft kulturelle Konzepte wider. Das Genus-System zum Beispiel zeigt, wie unsere Vorfahren die Welt kategorisierten.

Zusammenfassung

Die indogermanische nominale Morphologie ist ein komplexes, aber faszinierendes System. Es zeigt uns, wie aus einer gemeinsamen Grundsprache die Vielfalt der heutigen indogermanischen Sprachen entstanden ist. Die Forschung auf diesem Gebiet verbindet Detektivarbeit mit systematischer Wissenschaft und öffnet Fenster in eine Vergangenheit, die sonst für immer verschlossen bliebe.

Das System war nie statisch. Es entwickelte sich ständig weiter, und diese Entwicklung setzt sich in den modernen Sprachen fort. Jede neue Entdeckung, jede neue Analyse bringt uns dem Verständnis unserer sprachlichen Wurzeln näher.

Die nominale Morphologie des Indogermanischen bleibt ein aktives Forschungsfeld. Mit modernen Methoden und neuen Textfunden erweitert sich unser Wissen kontinuierlich. Was heute als gesichert gilt, kann morgen durch neue Erkenntnisse ergänzt oder korrigiert werden. Aber genau das macht diese Wissenschaft so lebendig und spannend.


Quellen:

  1. Reichert Verlag: Das Nomen im Indogermanischen
  2. Verlag Dr. Kovač: Nominale Wortbildung des Indogermanischen
  3. GRIN: Objektkasus im Indogermanischen
  4. IDS Mannheim: Ablaut und verwandte Phänomene