Grammatik des mykenischen Griechisch

Das mykenische Griechisch ist die älteste dokumentierte Form der griechischen Sprache. Es wurde zwischen dem 16. und 11. Jahrhundert v. Chr. auf dem griechischen Festland und – nach dessen Eroberung im 15. Jahrhundert v. Chr. – auf Kreta gesprochen. Die Sprache ist uns durch Inschriften in der Silbenschrift Linear B überliefert, hauptsächlich auf Tontafeln aus den Palastarchiven von Knossos, Pylos und anderen mykenischen Palastzentren.

Die Schrift und ihre Eigenschaften

Linear B als Schriftträger

Die Grammatik des mykenischen Griechisch ist untrennbar mit der Linear-B-Schrift verbunden. Diese Schrift kennt etwa 90 Silbenzeichen, 160 Zeichen mit Wortbedeutung sowie diverse Zahlzeichen. Geschrieben wurde von links nach rechts.

Das Schriftsystem bringt erhebliche Einschränkungen mit sich. Der griechische Lautstand lässt sich nur ungenau wiedergeben, da die Zeichen entweder bloße Vokale oder Silben mit dem Lautwert Konsonant + Vokal repräsentieren. Nur in wenigen Fällen kommt der Lautwert Konsonant + Konsonant + Vokal vor. Das führt zu besonderen Problemen:

  • Konsonantenhäufungen können schlecht, Konsonanten im Silbenauslaut gar nicht wiedergegeben werden: Das Wort für „Stall“, *stathmos, wurde ta-to-mo geschrieben
  • Es wird weder zwischen r und l noch zwischen stimmhaften (z. B. b), stimmlosen (z. B. p) und aspirierten (z. B. ph) Verschlusslauten unterschieden

Textcharakter und Überlieferung

Die Kenntnis des mykenischen Griechisch ist aufgrund des Charakters der überlieferten Texte beschränkt. Bei den Tontäfelchen handelt es sich hauptsächlich um Inventarlisten und andere Notizen zu wirtschaftlichen und Verwaltungszwecken. Literarische oder sonstige Prosatexte sind nicht überliefert.

Das mykenische Textkorpus ist überwiegend auf Tontafeln überliefert (ca. 5730); die übrigen Inschriften sind auf Tonvasenscherben (ca. 170), auf Elfenbein (1) und auf Kieselstein (1). Die Texte wurden an sechzehn verschiedenen Örtlichkeiten Griechenlands gefunden: auf der Insel Kreta in Knossos, Mallia, Armeni, Chania und Mamelouko · auf der Peloponnes in Pylos, Mykene, Tiryns, Midea, Agios Vasilios (südlich von Sparta) und Olympia · in Mittelgriechenland in mehreren Orten.

Lautlehre und phonologische Besonderheiten

Konsonantensystem

Das mykenische Griechisch bewahrt mehrere archaische Merkmale, die es vom klassischen Griechisch unterscheiden. Das mykenische Griechisch ist wesentlich altertümlicher als das klassische Griechisch und steht der indogermanischen Ursprache näher.

Ein besonders wichtiges Merkmal sind die Labiovelare. Die Labiovelare sind noch erhalten und werden in der Linear-B-Schrift mit dem Zeichen für q wiedergegeben. Beispiele:

  • -qe /-ku̯e/ ‚und‘ (später griechisch τε)
  • qa-si-re-u für später griechisch βασιλεύς (‚König‘)
  • a-pi-qo-ro /ampiku̯oloi/ ‚Dienerin‘ (später griechisch ἀμφίπολος)

Weitere wichtige konsonantische Merkmale:

  • Der w-Laut (Digamma) ist noch erhalten. Im Altgriechischen ist er in den meisten Dialekten geschwunden
  • wa-na-ka /wanaks/ ‚Herrscher‘ (später ἄναξ)
  • ko-wo /korwos/ ‚Jüngling‘ (später κόρος)

Vokalsystem

Das Vokalsystem zeigt ebenfalls altertümliche Züge:

  • Urgriechisches *ā ist erhalten geblieben (myk. da-mo /dāmos/ ‚Gemeinde‘: gr. δῆμος)
  • Vokalkontraktionen sind noch nicht eingetreten (myk. do-e-ro /do(h)elos/ ‚Diener‘: gr. δοῦλος)

Nominalflexion

Das Kasussystem

Das mykenische Griechisch kennt die gleichen vier Kasus wie das klassische Griechisch: Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Der Vokativ ist ebenfalls belegt. Aber die Linear-B-Schrift macht es oft schwierig, die genauen Endungen zu erkennen.

Deklinationsmuster

Die o-Deklination zeigt besondere Eigenschaften. Der Genitiv der o-Deklination endet auf -o-jo bzw. -οιο, was auch bei Homer noch vorkommt. Das unterscheidet sich vom klassischen -ου.

Beispiele der o-Deklination:

  • do-e-ro (Nominativ): ‚Diener‘
  • do-e-ro-jo (Genitiv): ‚des Dieners‘

Die a-Deklination und weitere Deklinationsklassen folgen ähnlichen Mustern wie im klassischen Griechisch, aber mit charakteristischen mykenischen Eigenheiten in der Schreibung.

Numerus

Das mykenische Griechisch unterscheidet drei Numeri:

  • Singular
  • Dual (für zwei Objekte)
  • Plural

Der Dual ist in Linear B gut belegt, besonders bei paarigen Objekten wie Rädern oder Ochsen.

Verbalflexion

Tempus und Aspekt

Das mykenische Verbalsystem kennt verschiedene Tempora, aber ihre Darstellung in Linear B ist oft unklar. Sicher belegt sind:

  • Präsens: für gegenwärtige und andauernde Handlungen
  • Perfekt: mit resultativer Bedeutung
  • Vermutlich auch Aorist und Futur

Das Aspektsystem, das für das Griechische charakteristisch ist, war wahrscheinlich schon entwickelt, aber die Schrift macht genaue Unterscheidungen schwierig.

Modi

Neben dem Indikativ sind wahrscheinlich auch andere Modi vorhanden, aber ihre Identifikation in Linear B bleibt unsicher. Die Verwaltungstexte verwenden hauptsächlich indikativische Formen.

Personalendungen

Die Personalendungen ähneln denen des klassischen Griechisch, zeigen aber archaische Züge:

Aktiv (Präsens):

  • 1. Sg.: -mi (athematisch) oder -o (thematisch)
  • 2. Sg.: -si
  • 3. Sg.: -ti/-si

Medium-Passiv:

  • Die medialen Formen sind belegt und zeigen die erwarteten Endungen wie -to, -nto

Infinite Formen

Partizipien sind in Linear B belegt, besonders das Partizip Präsens Aktiv. Sie werden in den Verwaltungstexten verwendet, um Personen nach ihrer Tätigkeit zu bezeichnen.

Infinitive sind schwerer zu identifizieren, da die Schrift keine eindeutigen Endungen wiedergibt.

Wortbildung

Komposition

Das mykenische Griechisch nutzt Komposita produktiv. Viele Personennamen und Berufsbezeichnungen sind Komposita:

  • i-qo-e-qe /hiku̯o-heku̯ēs/ ‚Pferdefolger, Wagenlenker‘
  • a-re-ku-tu-ru-wo /Alektruōn/ (Eigenname, ‚Hahn‘)

Derivation

Verschiedene Suffixe dienen der Wortbildung:

  • -eus für Berufsbezeichnungen (ka-ke-u ‚Schmied‘)
  • -ter für Nomina agentis
  • -tos für Verbaladjektive

Syntax und Wortstellung

Grundlegende Satzstruktur

Die Wortstellung im mykenischen Griechisch ist relativ frei, aber es gibt Tendenzen:

  • Das Verb steht oft am Ende (SOV-Tendenz)
  • Attribute stehen meist vor dem Bezugswort
  • Die enklitische Partikel -qe ‚und‘ verbindet Wörter und Sätze

Besonderheiten der Verwaltungssprache

Die Texte zeigen eine formelhafte Sprache mit festen Wendungen:

  • Auflistungen von Personen und Gütern
  • Standardformeln für Lieferungen und Abgaben
  • Kurze, oft elliptische Sätze ohne Verb

Die Entzifferung und ihre Bedeutung

Das mykenische Griechisch ist erst seit 1952 bekannt. Erst als Michael Ventris und John Chadwick die Linearschrift B entzifferten, zeigte sich, dass es sich um eine frühe Form des Griechischen handelte. Die Grundlagen der Entzifferung wurden von der Altphilologin Alice Kober zwischen 1940 und ihrem frühen Tod 1950 gelegt. Aufbauend auf ihrer systematischen Vorarbeit gelang 1952 dem britischen Architekten und Sprachforscher Michael Ventris zusammen mit John Chadwick die Entzifferung.

Diese Entdeckung war revolutionär. Man hatte bis dahin angenommen, es handele sich um die nicht-indogermanische Sprache der Minoer. Überdies hatte man vorher angenommen, die Mykener hätten noch nicht Griechisch gesprochen und dass Träger dieser Sprache erst in der Eisenzeit in Hellas eingewandert wären.

Dialektale Stellung

Das mykenische Griechisch zeigt Verbindungen zu späteren Dialekten. Seit der Dorischen Wanderung wurde in den meisten früher mykenischen Gebieten der dorische Dialekt gesprochen. Nur in Arkadien und auf Zypern hielt sich der arkadisch-kyprische Dialekt, der dem mykenischen Griechisch nahesteht.

Die Sprache Homers steht dem mykenischen Griechisch in mancher Hinsicht näher, was sich besonders in archaischen Formen wie dem Genitiv auf -οιο zeigt.

Bedeutung für die Sprachgeschichte

Das mykenische Griechisch liefert einzigartige Einblicke in die frühe griechische Sprachgeschichte. Es zeigt uns:

  • Den Zustand des Griechischen vor vielen lautlichen Veränderungen
  • Die Kontinuität der griechischen Sprache über mehr als 3500 Jahre
  • Wichtige Verbindungen zwischen dem Griechischen und anderen indogermanischen Sprachen

Die begrenzte Textbasis und die Ungenauigkeit der Schrift erschweren zwar viele grammatische Analysen. Trotzdem bleibt das mykenische Griechisch ein faszinierendes Fenster in die Bronzezeit und die Anfänge der europäischen Schriftlichkeit.


Weiterführende Literatur: