Yoga als Christin oder Christ?

Yoga ist eine jahrtausendealte Praxis mit Wurzeln im Hinduismus, die Körper, Geist und Seele in Einklang bringen will. Das Wort bedeutet übersetzt „Vereinigung“ oder „Harmonie“. In Deutschland praktizieren Millionen Menschen regelmäßig Yoga – es ist ein jahrtausendaltes Übungssystem aus Indien, das man mit Einheit oder Harmonie übersetzen könnte und das Körper, Geist und Seele in Einklang bringt. Aber passt das mit dem christlichen Glauben zusammen? Diese Frage beschäftigt viele Gläubige und wird kontrovers diskutiert. Manche sehen darin einen Widerspruch zum Christentum, andere finden Wege, beides zu verbinden.

Die spirituellen Wurzeln verstehen

Yoga ist mehr als nur Körperübungen. Bei uns im Westen praktizieren wir überwiegend den körperlichen Yoga, den „Hatha Yoga“, mit Körperstellungen, Atemtechniken, Tiefenentspannung, eventuell auch etwas Meditation und positivem Denken. Das klassische System nach Patanjali umfasst acht Stufen – von ethischen Regeln über Körperhaltungen bis zur spirituellen Vereinigung.

Historisch ist Yoga fest im Hinduismus verwurzelt. Die Übungen waren ursprünglich Teil religiöser Praktiken. Historisch gesehen stammt Yoga aus der indischen Kultur und hat enge Verbindungen zum Hinduismus. Es handelt sich um eine ganze Philosophie und Lebensweise, welche die Vereinigung von Leib und Geist bewirken soll.

Was viele nicht wissen: Im traditionellen Verständnis geht es beim Yoga um Selbsterlösung – der Mensch befreit sich durch eigene Anstrengung vom Kreislauf der Wiedergeburten. Das steht im Gegensatz zur christlichen Lehre, die Erlösung als Geschenk Gottes durch Jesus Christus versteht.

Warum manche Christen Yoga ablehnen

Die Position der orthodoxen Kirchen

Besonders deutlich positionieren sich die orthodoxen Kirchen. „Yoga ist mit dem Glauben orthodoxer Christen absolut unvereinbar und hat im Leben von Christen nichts zu suchen“, beschied die Synode der orthodoxen Kirchen Griechenlands Anfang Juni. Ähnlich äußerte sich die Synode im griechischen Teil Zyperns.

Der orthodoxe Priester Stefanos Athanasiou erklärt die Bedenken: „Die Synoden betrachten Yoga als spirituell gefährlich, weil man damit nicht erreicht, was man in der christlichen Orthodoxie erreichen will. Im Gebet strebten die Gläubigen nach der Öffnung des Herzens zu Gott und den Mitmenschen, beim Yoga gehe es dagegen darum, in sich selbst hineinzugehen.“

Extreme Positionen

Manche gehen noch weiter. Der langjährige und erst kürzlich gestorbene Exorzist der Diözese Rom, Pater Gabriele Amorth, äußerte sich kritisch zu dieser meditativen Sportart: „Yoga zu betreiben, ist teuflisch. Man denkt, es führt zu Entspannung, doch es führt zum Hinduismus.“, sagte Pater Amorth vor einigen Jahren.

Theologische Bedenken

Die Kritiker sehen mehrere Grundprobleme:

  • Die Körperübungen seien teilweise zur Anbetung hinduistischer Gottheiten gedacht. Yoga sei eine Selbsterlösungslehre, da man sich nach hinduistischer Lehre durch Meditation und Askese vom immer wiederkehrenden Kreislauf des Lebens befreie. Dies sei mit dem christlichen Glauben an eine Erlösung durch den Kreuzestod Jesu nicht zusammenzubringen.
  • Das pantheistische Weltbild (alles ist Gott) widerspricht der christlichen Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf
  • Die Gefahr der Vermischung von Religionen

Die katholische Position – differenziert betrachtet

Die offizielle Meinung der katholischen Kirche ist nicht eindeutig: Einerseits steht sie im Geist des II. Vatikanischen Konzils generell dem Erfahrungsschatz anderer Religionen aufgeschlossen gegenüber und respektiert sie und ihren Weg der Gottsuche. Andererseits warnt sie auch davor, bei Meditation und Gebet zu hohe Erwartungen zu haben: Eine Verschmelzung der christlichen und nicht-christlichen Gebetsformen sei nicht ohne Probleme möglich, wie es in dem 1989 von der Glaubenskongregation veröffentlichten Schreiben „Orationis formas“ heißt.

Das Zweite Vatikanische Konzil öffnete aber auch Türen. Die Bischöfe erklärten, Hindus „suchen durch aszetische Lebensformen oder tiefe Meditation oder liebend-vertrauende Zuflucht zu Gott Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Lage“. Gemäß dem Konzilstext gehören damit zentrale Praktiken des Yoga zu dem, was im Hinduismus wahr und heilig ist, und dem deshalb von christlicher Seite Anerkennung und Respekt gebührt. Das Konzils-Dekret Ad Gentes geht noch einen Schritt weiter und regt dazu an, von den östlichen Traditionen des asketischen und kontemplativen Lebens zu lernen.

Praktische Ansätze katholischer Christen

Trotz der Bedenken gibt es katholische Priester, die Yoga praktizieren und lehren. Der katholische Priester Markus Thomm aus Vallendar bei Koblenz ist Schönstatt-Pater, Exerzitienmeister und ausgebildeter Yoga-Lehrer. Seiner Meinung nach kann christliche Spiritualität von dem Schatz der beliebten Übungen profitieren, indem sie diese in das eigene Glaubensgebäude einbindet. „Diesen Reichtum betrachte ich mit Staunen und Hochachtung, wobei ich die Deutung der Wirkungen des Yoga aus meiner christlichen Überzeugung vornehme“, so Pater Thomm.

Pater Thomm versteht christliches Yoga als eine Art des Betens mit dem Körper. Yoga soll zur Begegnung mit Jesus im Gebet dienen und dafür öffnen. Hinduistische Mantras könnten hierbei durch Bibelverse, Taizé-Gesänge oder einfache Elemente des orthodoxen Jesus-Gebets ersetzt werden.

Evangelische Perspektiven – meist offen

Die evangelische Kirche zeigt sich häufig aufgeschlossener. Der aus Indien stammende evangelische Theologe Johny Thonipara sieht es entspannt: „Yoga im Westen ist eine reine Wellness- und Kosmetik-Sache.“ Der Pfarrer war viele Jahre Referent für Entwicklung und Partnerschaft mit Asien im Zentrum Oekumene der EKHN und der EKKW in Frankfurt.

Die Erlösung sei nicht das Ziel von Christ:innen beim Yoga, denn Jesus sei der Erlöser. Ziel der Christ:innen sei es einfach, eine Voraussetzung für die Meditation zu schaffen und Stille zu erleben.

Yoga als neutrale Technik

Viele evangelische Theologen sehen Yoga als neutrale Methode. Wir kennen das Fasten im Christentum, aber auch im Islam. Fasten an sich ist die Technik und das, was wir daraus machen, ist dann die Religion. Und so ist Yoga einfach eine Technik, die wir dann mit Inhalt füllen können.

„Yoga ist ein Übungsweg, der keiner Religion angehört“, findet Yogalehrerin Christine Weil. „Es hilft bei Stress, um zu entschleunigen und zur Ruhe zu kommen. Yoga sei ein Übungsweg für Körper, Atem und Geist. Yoga gehört allen Menschen, Christen, Muslimen und Atheisten gleichermaßen. Das ist einer der Gründe, weshalb auch im Rahmen der evangelischen Kirche Yoga praktiziert wird.

Christliches Yoga – ein neuer Weg entsteht

In Deutschland entwickelt sich zunehmend „christliches Yoga“. Das Institut für Christliches Yoga in Witten will nach Angaben seiner Leiterin Pia Wick einen neuen Zugang zum Glauben schaffen. „Es gab schon Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die anschließend wieder in die Kirche eingetreten sind“, sagte Wick.

Was macht christliches Yoga anders?

Statt mit einem „Om“ beginnen Wicks Yoga-Stunden mit einem dreifachen „Schalom“. Während Yoga zum Ziel habe, den Praktizierenden zu leeren und eine Distanz zu sich selbst zu ermöglichen, solle christliches Yoga trösten, füllen und nähren.

Die Anpassungen umfassen:

  • Mantras werden durch Bibelverse ersetzt
  • Statt „Namaste“ sagt man „Amen“
  • Die Übungen werden als Gebet mit dem Körper verstanden
  • Jesus wird als spiritueller Lehrer (Guru) gesehen

Christliches Yoga sei eine Einladung dazu, sich als Geschöpf Gottes wahrzunehmen. „Wir tun unserem Körper etwas Gutes und verhalten uns gesund.“ Dabei sei es keinesfalls Ziel, sportliche Höchstleistungen zu erbringen. Viel eher gehe es darum, Ruhe zu finden, durch zusprechende christliche Botschaften die eigene Persönlichkeit zu stärken.

Praktische Überlegungen für Christen

Fragen zur Selbstprüfung

Wer als Christ Yoga praktizieren möchte, sollte sich ehrlich fragen:

  • Warum will ich Yoga machen? Für Fitness oder spirituelle Suche?
  • Welche Art von Yoga-Kurs besuche ich?
  • Werden hinduistische Elemente gelehrt?
  • Fühle ich mich in meinem Glauben gefestigt oder verunsichert?

Worauf man achten sollte

Bei der Kurswahl ist Vorsicht geboten:

  • Manche Lehrer vermitteln stark hinduistische Philosophie
  • Mantras und spirituelle Gesänge können problematisch sein
  • Namen der Übungen haben oft religiöse Bedeutung

Alternative Ansätze

Christen, die von Yoga-Techniken profitieren wollen, haben verschiedene Optionen:

  • Rein körperliche Yoga-Kurse ohne spirituelle Elemente
  • Christliche Yoga-Angebote in kirchlichen Einrichtungen
  • Andere Bewegungsformen wie Pilates oder christliche Meditation

Angebote für eine christliche Ausübung des Yoga gibt es in zahlreichen kirchlichen Bildungs- und Exerzitienhäusern, etwa im Benediktinerkloster Nütschau in Travenbrück in Schleswig-Holstein, im St. Bonifatiuskloster in Hünfeld in der Nähe von Fulda und im Bildungshaus Kloster St. Ulrich in Bollschweil bei Freiburg.

Stimmen aus der Praxis

Befürworter sehen Bereicherung

Nach einer Yogastunde kann ein Gefühl von Ausgeglichenheit entstehen. Das kann uns helfen, uns selbst anzunehmen. Und wenn man sich selbst besser annehmen kann, kann man auch andere besser annehmen. Ich sehe eine enge Verbindung zum Christentum, zum Ideal der Nächstenliebe.

Yoga und christlicher Glaube haben ein gemeinsames Ziel: frei zu werden davon, ständig um sich selber zu kreisen. Zu spüren, dass ich mit den Menschen um mich herum und mit der ganzen Schöpfung verbunden bin.

Kritische Erfahrungen

Manche Christen berichten von negativen Erfahrungen:

  • Spirituelle Verwirrung durch fremde Lehren
  • Gefühl der Entfremdung vom christlichen Glauben
  • Konflikte in der Gemeinde

Ein differenziertes Fazit

Die Frage „Dürfen Christen Yoga praktizieren?“ hat keine einfache Antwort. Die Positionen reichen von strikter Ablehnung bis zu begeisterter Annahme.

Was klar ist:

  • Traditionelles Yoga mit all seinen spirituellen Aspekten ist schwer mit dem Christentum vereinbar
  • Rein körperliche Übungen können für viele Christen unproblematisch sein
  • Christliches Yoga versucht eine Brücke zu bauen

Der biblische Maßstab

Der Apostel Paulus sagt: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1Thess 5,21) Dieser Vers wird oft als Leitlinie genannt. Christen sind aufgerufen, kritisch zu prüfen und weise zu unterscheiden.

Persönliche Verantwortung

Letztlich muss jeder Christ selbst entscheiden. Wichtig ist:

  • Das eigene Gewissen ernst nehmen
  • Im Gebet um Führung bitten
  • Mit anderen Christen austauschen
  • Bei Unsicherheit lieber verzichten

Die Diskussion zeigt: Es geht um mehr als nur Gymnastik. Es geht um Weltanschauungen, um das Verständnis von Gott, Mensch und Erlösung. Wer Yoga praktiziert, sollte sich dieser Dimension bewusst sein.

Ob man nun Yoga als Christ praktiziert oder nicht – wichtig bleibt, dass der Glaube an Jesus Christus im Zentrum steht. Nichts sollte diese Beziehung gefährden oder verwässern. Gleichzeitig darf man anerkennen, dass Gott auch durch verschiedene Wege zu Menschen sprechen kann.

Die Debatte wird weitergehen. Aber vielleicht liegt gerade in diesem respektvollen Ringen um die Wahrheit ein Zeichen lebendigen Glaubens.


Quellen:

  1. Evangelische Kirche in Hessen und Nassau – Diskussion zu Yoga und Christentum
  2. Katholisch.de – Zwischen Sport und Spiritualität
  3. Diözese Linz – Stellungnahme zu Yoga und Christentum
  4. Institut für Christliches Yoga Witten
  5. Evangelischer Rundfunk – Morgenandacht zu Yoga als Christ