Die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (kurz MPU) ist ein deutsches Verfahren zur Überprüfung der Fahreignung. Die MPU beurteilt in Deutschland die Fahreignung des Antragstellers. Im Volksmund mit dem herabsetzenden Begriff „Idiotentest“ belegt, lautet die gesetzliche Bezeichnung Begutachtung der Fahreignung. Die MPU gibt es seit 1954 in Deutschland. Die MPU hat sich als Instrument der Verkehrssicherheit zwar bewährt, doch es gibt entscheidende Schwächen: Zu späte Information der Betroffenen, mangelnde Rechtsmittel gegen die Anordnung der MPU und mangelnder Schutz der Betroffenen vor unqualifizierter und unseriöser Vorbereitung. Dieser Artikel behandelt die wichtigsten Kritikpunkte, Hintergründe und Reformforderungen.
Wie die MPU überhaupt entstanden ist
Die MPU gibt es zwar in Europa nur in Deutschland, die Idee dahinter stammt aber aus den USA. Im Jahr 1911 gab es in den USA den ersten Versuch einer gewissen Eignungsbegutachtung. Seit 1904 hatte New York bereits eine vollfunktionsfähige U-Bahn. In den Jahren nach dem Bau der Bahn häuften sich jedoch schwerwiegende Unfälle. Die Lokführer waren mit der Fahrt durch die dunklen Tunnel einfach überfordert. Anhand eines speziellen Eignungstests wollte man damals passende Lokführer finden.
Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in der Bundesrepublik viele verletzte Kriegsveteranen. Auch kamen einige Soldaten aus ihrer Gefangenschaft zurück. Diese hatten teilweise schwere Behinderungen, fehlende Gliedmaßen, körperliche Störungen und psychische Traumata. Doch besonders die Menschen mit körperlichen Einschränkungen benötigten dringend ein Auto. Um die fahrtauglichen Personen von denen zu unterscheiden, die nicht fahrtüchtig waren, musste eine Regelung geschaffen werden.
Die Einführung der MPU im Jahr 1954 markierte einen Wendepunkt in der deutschen Verkehrspolitik. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der Verkehrsunfälle drastisch zu, was die Notwendigkeit neuer Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit offenbarte.
Das psychologische Gespräch – ein Vier-Augen-Problem
Ein entscheidender Bestandteil der MPU ist ein Vier-Augen-Gespräch mit einem Verkehrspsychologen oder Arzt, bei dem die Einsicht der getesteten Person überprüft werden soll. Es ist geheim und wird nicht aufgezeichnet.
Das ist einer der größten Kritikpunkte: „Das geheime Vier-Augen-Gespräch fördert die Entstehung von Klischees und Fehleinschätzungen“, so Rechtsanwalt Janeczek. In der anwaltlichen Praxis höre man häufig von Mandanten, was in einem Gutachten nachzulesen ist, sei niemals gesagt worden.
Eine Tonaufzeichnung des Gesprächs und die Wiedereinführung einer Obergutachtung könnten dazu beitragen, den Probanden vor Willkür und Selbstherrlichkeit zu schützen. Der ADAC fordert, dass die psychologische Untersuchung der MPU per Ton- und Video-Mitschnitt aufgenommen wird. Bisher wurde das Gespräch nur durch den Gutachter schriftlich festgehalten.
Warum so viele Leute durchfallen
Die Durchfallquote bei der MPU ist hoch. Im Jahr 2023 lag die MPU-Durchfallquote bei rund 43,4 %. Die aktuelle Statistik der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) zeigt: Rund 50 % fallen bei der ersten MPU durch. Je nach Anlass (z. B. Drogen oder Straftaten) liegt die Durchfallquote sogar höher.
Die BASt hat in einer Studie von 2012 festgestellt, dass die Durchfallquote ohne professionelle MPU-Vorbereitung bei 81 % liegt. Bei Alkohol (wiederholt) fallen 48,6 % durch, bei Drogen werden 37 % als ungeeignet eingestuft.
Die emotionale Belastung vieler Teilnehmer trägt ebenfalls zur hohen MPU-Durchfallquote bei: Prüfungsangst, Nervosität oder Unsicherheit können dazu führen, dass selbst gut vorbereitete Personen scheitern.
Kritiker bemängeln: Manche Beobachter vermuten, dass die hohe MPU-Durchfallquote kein Zufall ist. Kritiker sehen darin ein lukratives System, an dem verschiedene Akteure profitieren.
Das leidige Thema Kosten
Die finanziellen Belastungen durch eine MPU sind beträchtlich. Die MPU Kosten beim TÜV Süd liegen, je nach Fragestellung, zwischen ca. 550 und 1.200 Euro. Alkohol-MPUs bewegen sich meist im Bereich von 600 bis 800 Euro, Drogen-MPUs zwischen 750 und 1.200 Euro.
Die enormen Kosten – im Durchschnitt fast 1.500 Euro pro Untersuchung – zeigen, dass dringend Änderungen notwendig sind. Dazu kommen Kosten zwischen 500-2000 Euro für Vorbereitungskurse und Abstinenznachweise.
Teurer sind die vorbereitenden Angebote im Vorfeld einer MPU. Von Verkehrspsychologen werden in der Regel um die 60 bis 100 Euro pro Sitzung zugrunde gelegt.
Wer die MPU nicht beim ersten Mal besteht, muss erneut bezahlen. Eine Obergrenze, wie oft die MPU wiederholt werden kann, gibt es nicht. Theoretisch sind unbegrenzt viele Anläufe möglich. Jeder Fehlversuch kostet allerdings Zeit, Geld und Nerven.
Zu spät informiert – ein strukturelles Problem
Ein zentraler Kritikpunkt ist die späte Information der Betroffenen. Wer etwa mit mehr als 1,6 Promille angehalten wird und seinen Führerschein für zwölf Monate oder länger los ist, muss zur MPU, bevor er wieder fahren darf. Mitgeteilt wird ihm das häufig aber erst, wenn er drei Monate vor Ablauf der Sperrfrist den Antrag auf Wiedererteilung der Fahrerlaubnis stellt.
„Das ist für die Betroffenen ein Debakel“, sagen die ADAC Juristen, „denn sie haben wertvolle Zeit verloren.“ Zeit für eine seriöse Vorbereitung auf die MPU oder für den Abstinenznachweis.
Das hat praktische Folgen: Viele Betroffene beginnen erst dann mit der Vorbereitung, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Eine frühzeitige Information bereits durch die Gerichte im Strafverfahren wäre daher wichtig.
Keine echte Möglichkeit, sich zu wehren
Die fehlenden Rechtsmittel gegen die MPU-Anordnung sind ein weiterer schwerer Kritikpunkt. Gegen die Anordnung der MPU gibt es keine Rechtsmittel. Der ADAC fordert, dass schon die Anordnung gerichtlich überprüfbar ist. Bisher lässt sich nur die Entziehung oder die Verweigerung der Wiedererteilung der Fahrerlaubnis anfechten.
Wurde Ihnen die Fahreignung im Rahmen der MPU unangemessenerweise abgesprochen, lässt sich die Beurteilung des Gutachters/Psychologen theoretisch anfechten. Allerdings ist dies mit weiteren Kosten und zeitlichem Aufwand verbunden – von den geringen Erfolgschancen ganz zu schweigen.
Weiterhin fordert der ADAC die gerichtliche Überprüfbarkeit der MPU an sich. Bisher wird die MPU nicht als eigener Verwaltungsakt, sondern als eine freiwillige, vorbereitende Maßnahme zur Wiedererlangung der Fahrerlaubnis angesehen.
Der Vorwurf der Subjektivität
Im Laufe einer jahrzehntelangen Entwicklung hat sich in Deutschland ein besonders ausgeklügeltes, vielfach auf die Betroffenen zu streng, kalt und verurteilend wirkendes Begutachtungssystem entwickelt.
Eine nicht gerade geringe Zahl abweichender Zweit- und Obergutachten muss immer wieder Anlass sein, nicht jedes MPU-Gutachten einfach gläubig als absolute Wahrheit hinzunehmen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass die letztliche Entscheidungszuständigkeit über die Fahreignung bei den Gerichten liegt. Richter sind aber keine Psychologen und daher ihrerseits auch wieder auf die Hilfe von Gutachtern angewiesen.
Außerdem müssen sie angesichts der tiefgreifenden Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen darüber wachen, dass gerade prognostische Beurteilungen höchsten wissenschaftlichen Gewissheitsansprüchen genügen müssen. Denn Psychologie teilt mit der Rechtswissenschaft das Schicksal, eben keine exakte Naturwissenschaft zu sein.
Intransparenz der Begutachtung, Willkür der Behörden, streng, kalt und verurteilend – die Liste der Kritikpunkte an der MPU ist lang.
Die MPU-Vorbereitung – ein unregulierter Markt
In diese vom Gesetzgeber geschaffene Lücke stoßen diverse Berater und Coaches. MPU-Vorbereitung und MPU-Beratung kann in Deutschland jeder betreiben, der sich für kompetent hält. Deshalb sehen sich neben ehemals Betroffenen und Fahrlehrern auch zahlreiche andere Berufsgruppen autorisiert, kostenpflichtige MPU-Vorbereitungskurse anzubieten. Es existieren weder einheitliche fachliche Standards, noch gesetzlich geregelte Qualitätskontrollen.
Genau das wird im Sinne des Verbraucherschutzes und zur Verbesserung der Reputation des Arbeitsgebietes seit Jahren vom Gesetzgeber gefordert.
Der Gesetzgeber muss die nötigen Qualifikationen für die Anbieter von Vorbereitungskursen rechtlich festlegen, um Betroffene vor unqualifizierter und unseriöser Vorbereitung zu schützen.
Nur die MPU Vorbereitung ist 2024 anerkannt, die von (Verkehrs-)Psychologen durchgeführt wird. Die MPU Beratung durch „MPU Experten“, „MPU Pädagogen“, „MPU Coaches“ oder ähnliches ist nicht anerkannt. Die Bescheinigung für die MPU muss von einem (Verkehrs-)Psychologen unterzeichnet sein.
Was der ADAC und andere Kritiker fordern
Der ADAC und andere Organisationen fordern seit Jahren konkrete Reformen. Die wichtigsten Punkte:
Die MPU hat sich als Instrument der Verkehrssicherheit zwar bewährt, doch es gibt entscheidende Schwächen. All dies kritisiert der ADAC seit Langem und fordert Änderungen.
Die konkreten Forderungen umfassen:
- Frühere Information: Betroffene sollen schon im Strafverfahren erfahren, dass sie zur MPU müssen
- Gerichtliche Überprüfbarkeit: Die MPU-Anordnung selbst soll anfechtbar werden
- Tonaufzeichnung: Das psychologische Gespräch soll aufgezeichnet werden
- Qualifizierte Vorbereiter: Nur zertifizierte Anbieter sollen MPU-Kurse geben dürfen
Von einer Arbeitsgruppe unter Federführung der BASt werden Vorschläge für eine MPU-Reform erarbeitet. Dies soll unter anderem dem Ziel dienen, die Transparenz, Verständlichkeit und Objektivität der MPU weiter zu verbessern und die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen.
Deutschland als Sonderfall in Europa
Deutschland ist in Europa das einzige Land, in dem ein solcher Test durchgeführt wird. In anderen Ländern gibt es dagegen strenge Sanktionen bei Verkehrsverstößen. Hohe Bußgelder und lange Fahrverbote sind im Ausland keine Seltenheit.
Ein Blick ins europäische Ausland zeigt, dass die Sanktionen bei Alkoholvergehen oft deutlich strenger sind als in Deutschland. In Großbritannien liegt die Promillegrenze bei 0,8 ‰ – höher als in Deutschland. Doch die Strafen sind drastisch.
Estland hat die strengsten Strafen in Europa. Dort drohen bei Alkoholvergehen mehrjährige Haftstrafen.
Die MPU ist eine spezifisch deutsche Maßnahme. In Österreich und der Schweiz gibt es ein ähnliches Modell, andere Länder setzen jedoch oft auf drastischere Strafen wie hohe Geldbußen, lange Fahrverbote oder Haftstrafen.
Wird die EU die MPU abschaffen?
Immer wieder kursieren Gerüchte, dass die EU die MPU abschaffen will. Nein. Es gibt aktuell keine konkreten Pläne, die MPU in Deutschland abzuschaffen.
Die EU will die MPU nicht abschaffen. Zwar diskutiert die EU über eine neue Führerscheinrichtlinie, doch die Entscheidung über die MPU liegt weiterhin bei den Mitgliedstaaten. In Deutschland bleibt sie Pflicht bei Alkohol, Drogen, Straftaten oder Punkten.
Auf EU-Ebene existiert keine einheitliche Rechtsgrundlage, die die Fahrerlaubnis betrifft. Stattdessen entscheidet jedes EU-Land für sich, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen.
Es gibt keine rechtliche Handhabe, die der EU ermöglichen würde, in nationales Gesetz einzugreifen und die MPU in Deutschland abzuschaffen.
Was Befürworter der MPU sagen
Trotz aller Kritik gibt es auch Stimmen, die die MPU verteidigen. Es geht nicht um Strafe, sondern um Verkehrssicherheit.
Jedes Jahr kommt es in Deutschland zu mehreren tausend Verkehrstoten. 2024 verloren 2.780 Menschen ihr Leben auf der Straße. Viele dieser Unfälle stehen im Zusammenhang mit Alkohol, Drogen oder grob fahrlässigem Verhalten – genau dort greift die MPU an.
Die Wirksamkeit der MPU hat sich seit Beginn der 1980er Jahre verbessert. Wurden damals noch 18,8 % positiv beurteilte MPU-Absolventen innerhalb von drei Jahren erneut auffällig, so lagen die Quoten erneut auffälliger Fahrer aus der Zeit von 1987 bis 1990 nur noch bei 11,2 %.
Die MPU ist ein bewährtes Instrument, das nachhaltig zur Verkehrssicherheit beiträgt.
Aktuelle Zahlen und Statistiken
Rund 85.000 Kraftfahrer müssen jedes Jahr zur medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) – vor allem wegen Alkohol und Drogen.
Im langjährigen Vergleich geht die Zahl der MPUs zurück. Wurden 2003 noch gut 110.000 MPUs durchgeführt, waren es 2023 rund 82.000. Die Durchfallquote ist mit etwa 40 Prozent gleichgeblieben.
2024 beispielsweise war bei knapp 40 % der MPU-Anordnungen Alkohol hinterm Steuer der Auslöser.
Der häufigste Anlass für eine MPU ist weiterhin Alkohol. Es folgt die Drogen-MPU, die MPUs aufgrund verkehrsrechtlicher Vergehen ist immer noch am seltensten.
Quellen: