Das älteste Museum der Welt ist ein Titel, um den sich mehrere Institutionen streiten. Die Frage nach dem ersten Museum führt uns tief in die Geschichte zurück und zeigt, wie Menschen schon seit Jahrtausenden Kunst und Kultur sammeln, bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Von antiken Sammlungen in Babylon bis zu den ersten öffentlichen Museen der Neuzeit – die Geschichte der Museen ist so faszinierend wie die Objekte, die sie beherbergen.
Was macht ein Museum zum „ersten“ seiner Art?
Die Definition des ältesten Museums hängt davon ab, was man unter einem Museum versteht. Ist es eine private Sammlung? Ein Ort, der für die Öffentlichkeit zugänglich ist? Oder eine Institution mit Bildungsauftrag?
Das älteste Museum der Welt, gegründet von Prinzessin Ennigaldi im 6. Jahrhundert v. Chr., ist ein bemerkenswerter Vorläufer moderner Museen. Es zeigt, dass das Sammeln und Bewahren von Artefakten eine tief verwurzelte menschliche Praxis ist, die dazu dient, Geschichte zu dokumentieren und das kulturelle Erbe zu bewahren.
Die Geschichte zeigt uns verschiedene Ansätze. Manche Sammlungen waren nur für die Elite bestimmt. Andere öffneten ihre Türen für alle Menschen. Und wieder andere hatten von Anfang an einen pädagogischen Zweck.
Babylon: Die erste bekannte Museumssammlung (530 v. Chr.)
Ennigaldi-Nannas Museum ist das früheste bekannte öffentliche Museum. Es stammt aus der Zeit um 530 v. Chr. Die Kuratorin war Ennigaldi, die Tochter von Nabonidus, dem letzten König des neubabylonischen Reiches.
Die babylonische Prinzessin Ennigaldi-Nanna schuf vor über 2.500 Jahren etwas Revolutionäres. Als Tochter des letzten babylonischen Königs Nabonidus war sie nicht nur Hohepriesterin des Mondgottes Sin in Ur. Sie gründete auch das, was viele Historiker heute als das erste Museum der Welt betrachten.
Sie gründete ein Museum in Ur um 530 v. Chr. Das Museum befand sich etwa 150 Meter südöstlich der Zikkurat. Ennigaldis Museum wird oft als das erste Museum der Weltgeschichte betrachtet.
Die Sammlung einer visionären Prinzessin
Die Sammlung des Museums umfasste eine Vielzahl von Objekten, darunter Tontafeln, Keilschrifttexte, Statuen und Werkzeuge aus verschiedenen Perioden der mesopotamischen Geschichte. Einige dieser Objekte waren zum Zeitpunkt ihrer Ausstellung über 1500 Jahre alt, was darauf hindeutet, dass man sich schon damals des Wertes und der Bedeutung historischer Objekte bewusst war.
Was diese Sammlung so besonders machte? Ein bemerkenswertes Merkmal des Museums war die Verwendung von Beschriftungen in drei verschiedenen Sprachen – Sumerisch, Akkadisch und Babylonisch – um die Herkunft und Bedeutung der ausgestellten Artefakte zu erklären. Dies wird von Historikern als frühes Beispiel für die systematische Katalogisierung von Sammlungen angesehen.
Die Prinzessin hatte einen klaren Bildungsauftrag. Einige Experten vermuten, dass das Museum nicht nur der Bewahrung der Geschichte diente, sondern auch als Bildungsstätte für die Elite der babylonischen Gesellschaft fungierte. Sie leitete eine Schule für junge Priesterinnen und nutzte die Sammlung für den Unterricht.
Die Entdeckung durch Leonard Woolley
Der britische Archäologe Leonard Woolley entdeckte 1925 bei Ausgrabungen in Ur diese außergewöhnliche Sammlung. Es wurde 1925 vom englischen Archäologen Leonard Woolley während seiner zehnjährigen Ausgrabung des antiken mesopotamischen Stadtkomplexes und der Zikkurat entdeckt. Er fand Objekte aus verschiedenen Epochen, säuberlich arrangiert und mit Beschriftungen versehen – genau wie in einem modernen Museum.
Schloss Ambras in Innsbruck: Ein Renaissance-Museum (16. Jahrhundert)
Einen anderen Anspruch auf den Titel des ältesten Museums erhebt Schloss Ambras in Innsbruck. Er hatte das Ambraser Unterschloss eigens für seine berühmten Sammlungen bauen lassen – eines der frühesten Gebäude, die jemals für den exklusiven Zweck eines Museums errichtet wurden. Heute ist es das einzige noch erhaltene Gebäude, für das bereits in der Renaissance der Begriff „Museum“ verwendet wurde und in dem große Teile der Sammlungen noch immer ausgestellt sind: das älteste Museum der Welt!
Erzherzog Ferdinand II. als Museumsgründer
Der Tiroler Landesfürst Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595), Sohn von Kaiser Ferdinand I., ließ das mittelalterliche Schloss Ambras zu einem prächtigen Renaissancepalast umbauen als Geschenk an seine Frau Philippine Welser. Aber Ferdinand war mehr als nur ein Bauherr. Er war ein leidenschaftlicher Sammler und Humanist.
Ferdinand II. war einer der wichtigsten Sammler der Habsburger-Dynastie. Mit seiner völlig neuen Idee des systematischen Sammelns und Präsentierens der „Heldenrüstkammer“ gilt Ferdinand als Begründer des modernen Museums.
Die Kunst- und Wunderkammer
Das Herzstück von Schloss Ambras ist die Kunst- und Wunderkammer. Die Kunst- und Wunderkammer ist die einzige am ursprünglichen Ort erhaltene Renaissancekunstkammer und ist ein unvergleichbares Kulturdenkmal.
Hier findet man alles, was das Renaissanceherz begehrt:
- Rüstungen berühmter Persönlichkeiten
- Kunsthandwerk aus Gold und Silber
- Wissenschaftliche Instrumente
- Kuriositäten aus fernen Ländern
- Porträts von Menschen mit körperlichen Besonderheiten
Die Sammlung zeigt, wie Menschen der Renaissance die Welt verstanden. Sie sammelten nicht nur schöne Dinge. Sie wollten das gesamte Wissen ihrer Zeit in einem Raum vereinen.
Die Kapitolinischen Museen in Rom: Das erste öffentliche Museum (1471/1734)
Zumindest für den Moment gehört der historische Titel des ältesten Museums der Welt den Kapitolinischen Museen in Rom, auch bekannt als Musei capitolini.
Die päpstliche Schenkung von 1471
Die Geschichte beginnt mit einer großzügigen Geste. Die Geschichte der Kapitolinischen Museen begann im Jahr 1471, als Papst Sixtus IV. dem römischen Volk eine Sammlung bedeutender antiker Bronzen schenkte. Diese Schenkung war revolutionär. Zum ersten Mal gehörte eine Kunstsammlung nicht einem Herrscher, sondern dem Volk von Rom.
Die Sammlung umfasste berühmte Werke wie:
- Die Kapitolinische Wölfin (das Wahrzeichen Roms)
- Den Dornauszieher (eine Bronzestatue eines Jungen)
- Büsten römischer Kaiser
Die Öffnung für alle (1734)
1734 wurde das Museum weiter durch die Sammlung von Kardinal Albani bereichert, und es wurde beschlossen, das Museum für die Öffentlichkeit zu öffnen. Damit wurden die Kapitolinischen Museen zu einem echten öffentlichen Museum – über 50 Jahre vor dem Louvre in Paris.
Die Museen befinden sich in zwei Palästen am Kapitolsplatz, den Michelangelo gestaltet hat. Ein unterirdischer Gang verbindet beide Gebäude. Heute kann man hier antike Skulpturen, Gemälde der Renaissance und archäologische Funde bewundern.
Das Kunstmuseum Basel: Erstes städtisches Museum (1661)
Ein weiterer starker Kandidat für den Titel ist das Kunstmuseum Basel. Seine Geschichte geht zurück auf das Amerbach-Kabinett, das eine Sammlung von Werken von Hans Holbein umfasste, die 1661 von der Stadt Basel und der Universität Basel erworben wurde, was es zum ersten städtischen und damit öffentlichen Museum der Welt machte.
Die Rettung des Amerbach-Kabinetts
Die Geschichte ist dramatisch. 1661 drohte das Amerbach-Kabinett nach Amsterdam verkauft zu werden. Professoren der Universität Basel intervenierten und führten eine Kampagne an, um die prächtige Sammlung für die Stadt ihrer Vorfahren zu sichern. Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein und der Große Rat sympathisierten mit ihren Bitten, und das Kabinett wurde für 9.000 Reichstaler erworben.
Die Stadt Basel kaufte die Sammlung und machte sie öffentlich zugänglich. 1671 entschied die Stadt Basel, die Kunstsammlung des Amerbach-Kabinetts der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Sammlung wurde im Haus zur Mücke nahe dem Münster Basel ausgestellt und konnte zweimal pro Woche von der Öffentlichkeit besichtigt werden.
Eine Sammlung von Weltrang
Heute besitzt das Kunstmuseum Basel die größte öffentliche Kunstsammlung der Schweiz. Man findet hier:
- Werke der Holbein-Familie
- Gemälde von Rubens und Rembrandt
- Moderne Kunst von Picasso und Warhol
- Zeitgenössische Werke im Museum Gegenwart
Das Museum besteht heute aus drei Gebäuden. Es zeigt, wie aus einer privaten Sammlung eine öffentliche Institution wurde, die Kunst für alle zugänglich macht.
Der Louvre: Revolution und Demokratisierung (1793)
Der Louvre in Paris ist vielleicht nicht das älteste Museum, aber er spielte eine wichtige Rolle in der Museumsgeschichte. Das Museum öffnete am 10. August 1793, dem ersten Jahrestag des Untergangs der Monarchie, als Muséum central des Arts de la République. Die Öffentlichkeit erhielt an drei Tagen pro Woche freien Zugang, was als große Errungenschaft wahrgenommen und allgemein geschätzt wurde.
Vom Königspalast zum Volksmuseum
Die Französische Revolution veränderte alles. Das Museum öffnete am 10. August 1793 mit einer Ausstellung von 537 Gemälden, wobei die Mehrheit der Werke königliches und beschlagnahmtes Kircheneigentum war. Was einst nur dem König und seinem Hof vorbehalten war, gehörte jetzt dem Volk.
Der Louvre wurde zum Symbol einer neuen Zeit. Er zeigte: Kunst ist für alle da, nicht nur für die Reichen und Mächtigen. Diese Idee verbreitete sich in ganz Europa und prägt bis heute unser Verständnis von Museen.
Der Louvre heute
Mit über 8 Millionen Besuchern jährlich ist der Louvre heute das meistbesuchte Museum der Welt. Die Sammlung umfasst:
- Die Mona Lisa von Leonardo da Vinci
- Die Venus von Milo
- Die Nike von Samothrake
- Über 35.000 weitere Kunstwerke
Die berühmte Glaspyramide von I.M. Pei, 1989 eröffnet, verbindet Alt und Neu. Sie zeigt: Museen entwickeln sich weiter, bleiben aber ihrer Grundaufgabe treu – Kunst und Kultur zu bewahren und zu teilen.
Was bedeutet „ältestes Museum“ wirklich?
Die Frage nach dem ältesten Museum hat keine einfache Antwort. Es kommt darauf an, welche Kriterien man anlegt:
Das Museum von Ur (530 v. Chr.): Die erste bekannte systematische Sammlung mit Beschriftungen und Bildungsauftrag. Ein echter Vorläufer moderner Museen, auch wenn es nur wenige Jahrhunderte bestand.
Schloss Ambras (16. Jahrhundert): Das erste Gebäude, das speziell als Museum gebaut wurde und wo der Begriff „Museum“ verwendet wurde. Die Sammlungen sind bis heute am ursprünglichen Ort erhalten.
Kapitolinische Museen (1471/1734): Die erste Sammlung, die dem Volk geschenkt wurde (1471) und das erste wirklich öffentliche Museum (1734). Ein Meilenstein in der Demokratisierung der Kunst.
Kunstmuseum Basel (1661/1671): Das erste städtische Museum, von einer Stadt für ihre Bürger gekauft und öffentlich zugänglich gemacht. Ein Beispiel für bürgerschaftliches Engagement.
Louvre (1793): Nicht das älteste, aber das Museum, das die moderne Idee des Museums als öffentliche Bildungseinrichtung weltweit bekannt machte.
Die Bedeutung dieser frühen Museen heute
Diese historischen Museen zeigen uns wichtige Dinge. Menschen haben schon immer gesammelt. Sie wollten Wissen bewahren und weitergeben. Und irgendwann verstanden sie: Kunst und Kultur sollten nicht nur wenigen gehören, sondern allen.
Die frühen Museen waren Experimentierfelder. Man probierte aus: Wie stellt man aus? Wie beschriftet man? Wie macht man Wissen zugänglich? Viele Ideen von damals nutzen wir noch heute.
Moderne Museen stehen vor neuen Fragen. Wie geht man mit digitalen Medien um? Wie erreicht man junge Menschen? Wie wird ein Museum inklusiv und nachhaltig? Aber die Grundidee bleibt: Museen sind Orte der Begegnung mit Kunst, Geschichte und Wissen.
Ein Erbe für die Ewigkeit
Ob in Babylon, Innsbruck, Rom, Basel oder Paris – all diese Museen zeigen die menschliche Sehnsucht, Schönes und Wichtiges zu bewahren. Sie sind Schatzkammern unserer Kultur. Und sie erinnern uns daran, dass Kunst und Wissen allen Menschen gehören sollten.
Die Diskussion um das „älteste Museum“ ist mehr als nur ein Wettbewerb. Sie zeigt die Entwicklung einer Idee: vom privaten Kabinett zur öffentlichen Institution, von der fürstlichen Sammlung zum demokratischen Bildungsort. Jedes dieser Museen hat seinen Platz in der Geschichte. Zusammen erzählen sie die Geschichte, wie die Menschheit lernte, ihr kulturelles Erbe zu bewahren und zu teilen.
Heute, wo wir in Sekunden Bilder von Kunstwerken aus aller Welt sehen können, mögen Museen altmodisch wirken. Aber der direkte Kontakt mit originalen Objekten bleibt unersetzlich. Ein Museum ist mehr als eine Sammlung. Es ist ein Ort der Inspiration, des Lernens und der Begegnung. Und das war es schon vor 2.500 Jahren in Babylon.
Quellen:






