Das Historisch-Technische Museum Peenemünde (HTM) ist ein bedeutender Gedenkort auf der Insel Usedom in Mecklenburg-Vorpommern. Seit 1991 befindet sich das Museum in der Bunkerwarte und dem Areal des ehemaligen Kraftwerks in Peenemünde. Der Ort steht für einen der dunkelsten und gleichzeitig technisch revolutionärsten Momente der deutschen Geschichte. Hier wurde zwischen 1936 und 1945 nicht nur Technikgeschichte geschrieben – hier wurden auch die Grundlagen für Massenvernichtungswaffen gelegt, die Tausende Menschen das Leben kosteten.
Web: https://museum-peenemuende.de/
E-Mail: htm@museum-peenemuende.de
Telefon: + 49 (0) 38371 505 0
Anschrift: Historisch-Technisches Museum Peenemünde GmbH
Straße: Im Kraftwerk
PLZ / Ort: 17449 Peenemünde
Öffnungszeiten
- April bis September: täglich 10:00 – 18:00 Uhr
- Oktober bis März: täglich 10:00 – 16:00 Uhr
- November bis März: montags geschlossen
Anfahrt und Lage
Das Museum befindet sich direkt im Ort Peenemünde auf der Insel Usedom. Die Adresse lautet:
Im Kraftwerk, 17449 Peenemünde
Die Anreise ist möglich:
- Mit dem Auto über die B111
- Mit der Usedomer Bäderbahn bis Bahnhof Peenemünde
- Mit dem Fahrrad über gut ausgebaute Radwege
Parkplätze sind direkt am Museum vorhanden.
Besuchstipps
- Planen Sie mindestens 3-4 Stunden für den Museumsbesuch ein
- Audioguides sind in mehreren Sprachen verfügbar (Deutsch, Englisch, Polnisch, Französisch, Schwedisch)
- Führungen können im Voraus gebucht werden
- Das Museum ist teilweise barrierefrei zugänglich
- Ein Museumscafé bietet Erfrischungen und kleine Speisen
Ein Ort zwischen technischem Fortschritt und menschlicher Tragödie
Das Museum befasst sich mit der Geschichte der Heeresversuchsanstalt Peenemünde (HVA) und der Erprobungsstelle der Luftwaffe „Peenemünde-West“, insbesondere der dort zwischen 1936 und 1945 entwickelten Raketen und anderen Flugkörpern. Die bekannteste dieser Entwicklungen war die Aggregat 4 (A4), die später als „Vergeltungswaffe V2″ bezeichnet wurde.
Mit ihrem ersten erfolgreichen Flug am 3. Oktober 1942 war die ballistische Rakete das erste von Menschen gebaute Objekt, das in den Grenzbereich zum Weltraum eindrang. Allgemein gilt Peenemünde daher als „Wiege der Raumfahrt“. Aber diese technische Meisterleistung hatte eine dunkle Seite. Die V2-Raketen wurden von September 1944 bis Ende März 1945 vor allem auf London und Antwerpen abgeschossen und forderten etwa 8.000 Tote, hauptsächlich Zivilisten.
Vom Fischerdorf zur geheimen Waffenschmiede
Die Geschichte Peenemündes als Rüstungszentrum begann Mitte der 1930er Jahre. Für die Entwicklung und den Bau einer fernflugtauglichen Rakete wurde im Auftrag der Wehrmacht 1936 die Heeresversuchsanstalt in Peenemünde errichtet. Aufgrund seiner Abgeschiedenheit im nördlichen Teil der Insel Usedom war der Ort ideal für geheime militärische Forschungen.
Das kleine Fischerdorf mit ursprünglich nur wenigen hundert Einwohnern wurde komplett umgestaltet. Unter dem Kommando von Walter Dornberger, seit Juli 1935 Chef der Raketenabteilung im Heereswaffenamt, und dem Technischen Leiter Wernher von Braun wurde in dem militärischen Sperrgebiet hauptsächlich die erste funktionsfähige Großrakete Aggregat 4 entwickelt und getestet.
Die dunkle Seite der Innovation – Zwangsarbeit und KZ-Häftlinge
Was in den Technikmuseen der Nachkriegszeit oft verschwiegen wurde, macht das HTM heute zum zentralen Thema: Die Raketenproduktion in Peenemünde war ohne Zwangsarbeit nicht möglich. Die KZ-Häftlinge für die beiden Werke der Heeresversuchsanstalt und der Luftwaffenerprobungsstelle forderte die technische und militärische Leitung beim SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt an. Die ersten Häftlingstransporte trafen im Juni 1943 aus Buchenwald ein.
Etwa 1.200 Häftlinge befanden sich durchschnittlich im Lager Karlshagen I, das bis Anfang 1945 bestand. Bei kargen Essensrationen mussten sie täglich zehn Stunden im Werk Ost arbeiten und wurden für zum Teil gefährliche Arbeiten eingesetzt. Die genauen Opferzahlen sind bis heute nicht vollständig bekannt. Ende der 1960er Jahre wurden in der Nähe des Peenemünder Friedhofes die Überreste von 56 Toten gefunden. Es wird davon ausgegangen, dass es sich bei diesem Fund um die Skelette von Häftlingen handelt. Nachweislich wurden einige von ihnen durch Kopfschuss getötet.
Nach dem britischen Luftangriff auf Peenemünde am 18. August 1943 wurde die Produktion nach Mittelbau-Dora verlegt. Etwa 60.000 Häftlinge durchliefen das KZ Mittelbau-Dora und seine Außenlager von 1943 bis 1945. Schätzungsweise 20.000 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter kamen vor allem aufgrund der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen bei der Fertigung der Raketen an den verschiedenen Produktionsorten ums Leben.
Das Museum heute – Erinnerungsort und Bildungsstätte
Das HTM versteht sich heute als kritischer Erinnerungsort. Anders als in den ersten Jahren nach der Museumsgründung 1991, als noch der Slogan „Peenemünde – Geburtsort der Raumfahrt“ verwendet wurde, steht heute die Aufarbeitung der gesamten Geschichte im Mittelpunkt.
Die Dauerausstellung im ehemaligen Kraftwerk – dem größten technischen Denkmal Mecklenburg-Vorpommerns – zeigt auf über 5.000 Quadratmetern die Geschichte der Raketenentwicklung. Besucher können Original-Raketenteile, Dokumente und Modelle sehen. Die Ausstellung beleuchtet dabei nicht nur die technischen Aspekte, sondern stellt die ethischen Fragen in den Vordergrund: Wie konnten brillante Wissenschaftler ihre Arbeit in den Dienst eines verbrecherischen Regimes stellen?
Was Besucher erwartet
Im Freigelände des Museums sind verschiedene Großexponate zu sehen:
- Nachbauten der V1 und V2-Raketen
- Ein Raketenschnellboot „Hans Beimler“ der Tarantul-Klasse der Volksmarine
- Ein sowjetisches U-Boot
- Verschiedene Flugzeuge und militärisches Gerät aus der Nachkriegszeit
Besonders eindrucksvoll ist die Aussichtsplattform auf dem Dach des Kraftwerks. Von hier aus haben Besucher einen weiten Blick über das ehemalige Testgelände und können die Dimensionen der damaligen Anlage erfassen.
Die Denkmallandschaft Peenemünde erkunden
Verteilt über den gesamten Peenemünder Haken betreibt das HTM eine Vielzahl von Informationstafeln an historischen Orten, die mit der Heeresversuchsanstalt und der Erprobungsstelle der Luftwaffe in Verbindung stehen: Die „Denkmal-Landschaft Peenemünde“. Sie ist ein Rundweg von 25 km Länge mit derzeit 23 Stationen. Unter Aussparung sensibler Bereiche werden Besucher zu den historisch interessantesten Punkten geführt.
Zu den Stationen gehören:
- Die Ruine des Sauerstoffwerks, wo der flüssige Sauerstoff für die Raketen produziert wurde
- Überreste der ehemaligen Prüfstände, wo die Raketentriebwerke getestet wurden
- Standorte ehemaliger Zwangsarbeiterlager
- Reste der Werksbahn, mit der Material und Arbeiter transportiert wurden
Viele dieser Orte sind frei zugänglich und wurden teilweise von Jugendlichen im Rahmen internationaler Begegnungen freigelegt. Der Rundweg lädt dazu ein, über das Verhältnis von Mensch, Natur und Technik nachzudenken – denn die Natur hat viele der ehemaligen Anlagen zurückerobert.
Internationale Anerkennung und Auszeichnungen
Das Museum hat für seine Arbeit verschiedene Auszeichnungen erhalten. 2002 erhielt das HTM das Coventry Cross of Nails und 2013 den European Union Prize for Cultural Heritage / Europa Nostra Award. Diese Ehrungen würdigen die Versöhnungsarbeit des Museums und seinen Beitrag zur kritischen Aufarbeitung der Geschichte.
Die internationale Bedeutung zeigt sich auch in den Besucherzahlen. 2008 hatte das Museum rund 222.000 Besucher, darunter viele Schulklassen. Das Museum ist heute ein wichtiger außerschulischer Lernort, der besonders für Jugendliche konzipierte Programme anbietet.
Der schwierige Umgang mit Geschichte
Die Geschichte des Museums zeigt, wie schwer der richtige Umgang mit diesem Ort ist. 1992 führte der internationale Skandal, als das 50. Jubiläum des Starts einer V2 Versuchsrakete in Peenemünde gefeiert werden sollte, schließlich zur Absage der Feierlichkeiten und zum Rücktritt von Verantwortlichen.
Heute hat das Museum einen ausgewogenen Ansatz gefunden. Es zeigt die technischen Leistungen, ohne sie zu verherrlichen. Es erklärt die Faszination der Raketentechnik, ohne die Opfer zu vergessen. Und es macht deutlich, dass wissenschaftlicher Fortschritt niemals losgelöst von ethischer Verantwortung betrachtet werden darf.
Warum ein Besuch wichtig ist
Das Historisch-Technische Museum Peenemünde ist mehr als nur ein Technikmuseum. Es ist ein Ort, der uns zwingt, über die Verantwortung von Wissenschaft nachzudenken. Die Ingenieure von Peenemünde waren brillante Köpfe, die nach dem Krieg maßgeblich zur Mondlandung beitrugen. Aber sie stellten ihr Wissen auch einem verbrecherischen System zur Verfügung.
Diese Ambivalenz macht Peenemünde zu einem einzigartigen Lernort. Hier wird deutlich, dass technischer Fortschritt nicht automatisch menschlichen Fortschritt bedeutet. Hier sehen wir, dass Innovation ohne Ethik zur Katastrophe führen kann.
Für Schulklassen und Jugendgruppen bietet das Museum spezielle pädagogische Programme. Diese helfen jungen Menschen zu verstehen, wie wichtig kritisches Denken und moralische Werte sind – gerade in Zeiten rasanter technischer Entwicklung.
Verbindung zur Gegenwart
Die Themen des Museums sind hochaktuell. In Zeiten von Künstlicher Intelligenz, autonomen Waffensystemen und neuen Rüstungswettläufen stellen sich ähnliche Fragen wie damals: Wer kontrolliert neue Technologien? Wie verhindern wir ihren Missbrauch? Welche Verantwortung tragen Wissenschaftler?
Das Museum zeigt auch, wie die in Peenemünde entwickelte Technik den Kalten Krieg prägte. Während des „Kalten Krieges“ entwickelten die USA und UdSSR Langstreckenraketen basierend auf der Technologie aus Peenemünde. Bewaffnet mit Atomsprengköpfen, stellten sie eine völlig neue Art von Waffe dar – und ein neues Element im strategischen Gleichgewicht zwischen den beiden Supermächten.
Ein Ort der Mahnung und des Lernens
Das Historisch-Technische Museum Peenemünde ist ein unbequemer Ort. Es ist kein Museum, das man mit einem guten Gefühl verlässt. Aber genau das macht es so wichtig. In einer Zeit, in der extreme Positionen wieder salonfähig werden und historische Fakten geleugnet werden, brauchen wir Orte wie diesen.
Das Museum zeigt ohne Beschönigung, wohin blinder Gehorsam, falsch verstandener Patriotismus und die Abwesenheit von Moral führen können. Es macht deutlich, dass die größten Verbrechen oft von ganz normalen Menschen begangen werden – Menschen, die einfach nur ihre Arbeit machen wollten.
Gleichzeitig ist es ein Ort der Versöhnung. Das Museum arbeitet eng mit polnischen Partnern zusammen, da viele Zwangsarbeiter aus Polen kamen. Es gibt gemeinsame Projekte mit Schulen aus verschiedenen Ländern. So wird aus einem Ort des Schreckens ein Ort des Lernens und der Verständigung.
Das Historisch-Technische Museum Peenemünde ist kein angenehmer Ausflug. Aber es ist ein notwendiger. Wer die Vergangenheit verstehen will, wer aus der Geschichte lernen möchte, der kommt an diesem Ort nicht vorbei. Denn Peenemünde zeigt uns, dass die Grenze zwischen Fortschritt und Barbarei manchmal erschreckend dünn ist.
Quellen:






