Stephan Harbort (* 1964 in Düsseldorf) ist ein deutscher Kriminalist, Autor und Experte für das Profiling von Serienmördern. Der Kriminalhauptkommissar beim Polizeipräsidium Düsseldorf hat sich über Jahrzehnte einen Namen als führender Experte auf einem der dunkelsten Gebiete der Kriminalistik gemacht. Seine Arbeit verbindet praktische Ermittlungserfahrung mit wissenschaftlicher Forschung und hat das Verständnis von Serienmördern in Deutschland grundlegend verändert.
Der Mann hinter den Ermittlungen
Stephan Harbort wurde 1964 in Düsseldorf geboren und schloss ein Studium als Diplom-Verwaltungswirt (FH) ab. Als Kriminalhauptkommissar im Polizeipräsidium Düsseldorf arbeitet er seit mehreren Jahren in der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgift. Was viele nicht wissen: Seiner Tätigkeit als Sachbuchautor und Profiler für Serienmorde und -verbrechen geht er ausschließlich als Privatperson nach.
Seine akademische Laufbahn ist beeindruckend. In den Jahren 1996 bis 2000 war Harbort Dozent an der Fachhochschule in Düsseldorf, dazwischen zusätzlich von 1998 bis 1999 noch Referent am Institut für Polizeifortbildung in Neuss. Seit 2012 lehrt er als Dozent an der BTU Cottbus-Senftenberg im Masterstudiengang „Forensic Sciences and Engineering“, seit 2018 an der Kalaidos Fachhochschule in Zürich.
Besonders bedeutend war Von 2001 bis 2004 entwickelte er gemeinsam mit dem Fachbereich „Investigative Psychology“ an der Universität Liverpool das Datenbanksystem DRAGNET. Diese internationale Zusammenarbeit zeigt, wie weit sein Einfluss über Deutschland hinausreicht.
Gespräche mit dem Bösen: Die Interview-Methodik
Was Harbort von anderen Kriminologen unterscheidet, ist sein direkter Zugang zu den Tätern. Von 1997 bis 2018 führte er – nach eigenen Angaben – Interviews mit mehr als 50 verurteilten Serienmördern in Justizvollzugsanstalten und psychiatrischen Krankenhäusern. Diese Zahl wurde später sogar noch erweitert: Von 1997 bis 2019 Interviews mit mehr als 70 verurteilten Gewalttätern, insbesondere Serienmördern.
Er führte persönliche Gespräche mit mehr als 50 Serienmördern und beschreibt unter Einbeziehung der spektakulärsten Serienmorde der vergangenen Jahre Ursache und Wirkung einer todbringenden Gesetzmäßigkeit. Diese Gespräche sind nicht einfach nur Interviews. Sie sind ein Versuch, in die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche vorzudringen.
In einem Interview erklärte Harbort seine Motivation: „Gerade für mich als Kriminalist stellt dieser so schwer zu überführende Tätertyp eine besondere Herausforderung dar. Anfangs habe ich mich auf das Studium der Gerichtsakten beschränkt, später stellte ich fest, dass dies nicht ausreicht, um den Tätern wirklich nahe zu kommen. Man muss sich ehrlich und beharrlich um diese Menschen bemühen, erst dann öffnen sich Türen.“
Das empirische Täterprofil: Eine Revolution in der Kriminalistik
Harborts wichtigste wissenschaftliche Leistung ist die Entwicklung des empirischen Täterprofils. Der international renommierte Kriminalist Stephan Harbort hat Täterprofile für sexuell motivierte Mehrfach- und Serienmörder (Harbort 1997) sowie für multiple Raubmörder (Harbort 1998) erstellt. In seiner Arbeit von 1997 wurden auf Basis von Tatortfundberichten, Beschuldigtenvernehmungen, Anklage- und Urteilsschriften, sowie psychologischen Gutachten von insgesamt 55 Verbrechern, die seit 1945 in der Bundesrepublik Deutschland überführt wurden, ein empirisches Täterprofil erstellt.
Die Methodik ist beeindruckend detailliert: Es wurden dabei ca. 4900 täter- und tatortspezifische Daten erhoben. Grundlage für das daraus ermittelte Raster waren objektive Merkmalshäufigkeiten, die in signifikanter Anzahl festgestellt werden konnten. Die signifikanten Merkmalshäufigkeiten wurden je mit einer Wertigkeit von „1″ = bedingt aussagekräftig, „2″ = aussagekräftig und „3″ = sehr aussagekräftig gewichtet.
Diese Methode unterscheidet sich fundamental von den intuitiven Ansätzen des FBI. Eine ähnliche, aber wissenschaftlich fundiertere Herangehensweise ist in den statistischen Ansätzen von Canter und Harbort zu finden. Diese Methode untermauert sozusagen das Erfahrungswissen mit statistischen Daten und empirisch gewonnenen Untersuchungsergebnissen und ist somit als ein erster Versuch der Schaffung einheitlicher Standards zu sehen.
Ein konkretes Beispiel für die Präzision seiner Methode: Ein sexuell motivierter Serienmörder in Deutschland wohnt somit mit einer konkreten Wahrscheinlichkeit von 80.74 % in unmittelbarer Nähe zum Tatort. Solche präzisen Zahlen können bei Ermittlungen entscheidend sein.
Bücher, die Spuren hinterlassen
Harbort ist auch als Autor extrem produktiv. Stephan Harbort hat mehr als 20 Bücher über Serienmörder, Profiling und Kriminalistik veröffentlicht. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Das Serienmörder-Prinzip“ und „Mörderisches Profiling“, in denen er seine Ansätze und Erkenntnisse einem breiten Publikum zugänglich macht.
Sein bekanntestes Werk ist „Das Hannibal-Syndrom“, auf das sich die Kriminetz-Fragen beziehen, ist sein bekanntestes und erfolgreichstes Buch. In seinem Buch »Das Hannibal Syndrom« beschreibt Harbort detailliert Fälle von Serienmorden aus den letzten Jahrzehnten. Das liest sich trotz sachlicher Sprache, die es nicht nötig hat, Effekthascherei zu betreiben, spannend wie ein Krimi.
Die Bücherliste ist lang und umfasst Titel wie:
- „Das Hannibal-Syndrom“ (2001)
- „Mörderisches Profil“ (2002)
- „Das Serienmörder-Prinzip“ (2006)
- „Ich musste sie kaputt machen“ (2004)
- „Killerinstinkt“ (2012)
- „Aus reiner Mordlust“ (2013)
- „Blut schweigt niemals“ (2020)
Der Medienexperte und TV-Berater
Durch seine Auftritte im Fernsehen, z. B. bei Günther Jauch, Frank Elstner und Johannes B. Kerner, wurde er allgemein bekannt. Harbort ist kein Kriminalist, der im Verborgenen arbeitet. Er sucht bewusst die Öffentlichkeit, um aufzuklären und zu informieren.
Fachberater bei Kino-Filmen, TV-Dokumentationen und Krimi-Serien, beispielsweise „Tatort“ (SWR, mit Heike Makatsch). Seit 1997 TV-Präsenz, unter anderem Auftritte mit Frank Elstner, Günther Jauch, Jörg Kachelmann, Johannes B. Kerner, Bettina Böttinger, Jan Hofer oder Markus Lanz.
Harbort ist einer der Hauptdarsteller des Dokumentarfilms Blick in den Abgrund (2014) und der TV-Serie „Protokolle des Bösen“ (2016). Im September 2016 startete seine neue TV-Serie „Protokolle des Bösen“ (Crime+Investigation, Sky). Seit Dezember 2018 Hauptdarsteller in den Crime-Serien-Formaten „Die Spurenleser“ (SWR/NDR) und „Erbarmungslos“ (ZDF Info).
Die Psychologie des Serienmörders verstehen
Harborts Forschung hat viele Mythen über Serienmörder widerlegt. In einem Interview mit Kriminetz erklärt er: „Ich habe in meinem Untersuchungen festgestellt, dass das Intelligenzniveau der Serienmörder dem der Normalbevölkerung entspricht: 100. Es gibt sicher sehr intelligente Täter, die ich auch persönlich kennengelernt habe, es gibt etwa genauso viele dumme Mörder, aber das Gros der Serientäter (65 Prozent) ist so schlau wie du und ich.“
Ein weiterer wichtiger Punkt seiner Forschung betrifft das Sozialverhalten der Täter: „Die Ursache für dieses Phänomen ist in erster Linie auf das Sozialverhalten der Täter zurückzuführen. Sie erleben sich selbst als Loser. Die mitunter verschrobenen Vorstellungen und handfesten Erfahrungen der eigenen Unzulänglichkeit bedingen ein sozial abweichendes Verhalten. Wer sich als anders oder gar abartig empfindet, scheut die Gemeinschaft. Denn dort drohen (vermeintliche) Entlarvung, Entmachtung, Enttäuschung und Erniedrigung – eine von vielen Tätern gemachte leidvolle Lebenserfahrung. Nicht wenige mehrfache Mörder sind ausgesprochene Einzelgänger.“
Kritik und wissenschaftliche Kontroversen
Nicht alle sind von Harborts Methoden überzeugt. „Die Arbeit von Stephan Harbort wird von vielen als wichtiger Beitrag zur Kriminologie anerkannt, hat aber auch Kritik hervorgerufen. Einige Experten werfen ihm vor, dass seine Studien aufgrund der begrenzten Fallzahlen nicht immer repräsentativ sind.“
In einem Film wurden Behauptungen laut, Harbort habe keine fundierte Ausbildung, um als Profiler zu arbeiten und in der Ausgabe des ZDF Magazin Royale vom 15. Oktober 2021 kritisierte Moderator Jan Böhmermann die Arbeitsmethoden Harborts und zweifelte seine fachliche Eignung im Bereich des kriminalistischen Profilings und der Fallanalytik an.
Harbort veröffentlichte kurz darauf einen Offenen Brief, in dem er sich zu den Vorwürfen äußerte. Er stellt darin unter anderem klar, dass Psychologie ein Teil seines Studiums war, seine Privatgutachten sowohl vor Gericht zulässig seien, als auch fachlich verwertet werden könnten.
Harbort selbst ist sich der Grenzen seiner Arbeit bewusst: „Harbort selbst betont, dass seine Arbeit nur ein Baustein in der komplexen Welt der Kriminalistik ist und immer im Zusammenspiel mit anderen Ansätzen betrachtet werden sollte.“
Die Belastung eines ungewöhnlichen Berufs
Die psychische Belastung seiner Arbeit ist enorm. „Ich bin an Tatorten gewesen, die sehr unappetitlich waren, ich habe an Obduktionen teilgenommen, die sehr unschön waren, und ich habe Todesbotschaften überbringen müssen. Wer das kennt bzw. erlebt hat, kann an diesen Dingen nichts Faszinierendes finden.“
In einem Interview mit dem Literaturcafe gibt er zu: „Die Belastung ist groß, aber auszuhalten. Ich gebe nicht den hartgesottenen Macho, der über den Dingen steht. Wenn mich beispielsweise ein Interview mit einem Patienten oder Gefangenen beeindruckt, spreche ich meine Empfindungen im Anschluss an das Gespräch auf mein Diktiergerät.“
Neue Wege in der Ermittlungsarbeit
Entwickelte international angewandte Fahndungsmethode zur Überführung von Serientätern. Diese Methoden haben konkrete Auswirkungen auf die Polizeiarbeit in Deutschland. „Die Arbeit von Stephan Harbort hat die Art und Weise, wie deutsche Ermittlungsbehörden Serienmorde untersuchen, nachhaltig verändert. Seine Studien haben zu einem besseren Verständnis der Muster und Verhaltensweisen von Serienmördern beigetragen, was wiederum die Entwicklung neuer Ermittlungsstrategien ermöglicht hat.“
Ein besonderer Schwerpunkt seiner aktuellen Arbeit sind Cold Cases – ungelöste Altfälle. „Diese „Cold Cases“ werden von Spezialisten der Mordkommission bewertet, ob Hinweise übersehen oder Ermittlungsansätze nicht erkannt worden sind, oder ob nun nach all den Jahren mit neuester Kriminaltechnik alte Asservate erfolgversprechend untersucht werden können. In seinem Buch erzählt Stephan Harbort spektakuläre Cold Cases, die in der jüngeren Vergangenheit in Deutschland aufgeklärt werden konnten, und spricht dabei alle Facetten dieses Themas an – authentisch, spannend, empathisch, informativ.“
Der Mensch Stephan Harbort
Trotz seiner intensiven Beschäftigung mit den dunkelsten Seiten der Menschheit führt Harbort ein normales Familienleben. Harbort ist verheiratet und hat drei Kinder. Stephan Harbort ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Düsseldorf.
Seine Motivation erklärt er so: „Vielen Wissenschaftlern halte ich vor, dass sie sich in einem Elfenbeinturm verschanzen und ihr Expertenwissen nur in gewissen Kreisen verbreiten. Das ist falsch. Profitieren sollten alle Menschen. Diese Erkenntnis hat mich dazu gebracht, populäre Bücher zu schreiben. Die sehr positiven Rückmeldungen der Leser bestätigen meine Einschätzung: Das Interesse, dem Bösen näher zu kommen und auch solche Dinge verstehen zu wollen, ist berechtigt und groß.“
Ein Blick in die Zukunft der Kriminalistik
„Stephan Harbort weist darauf hin, dass es trotz seiner umfassenden Beiträge noch viele offene Fragen gibt, insbesondere in Bezug auf die Prävention von Serienmorden. Er argumentiert, dass ein besseres Verständnis der sozialen und psychologischen Faktoren, die zur Entstehung solcher Täter beitragen, entscheidend für die Entwicklung effektiver Präventionsstrategien ist.“
Die Zukunft sieht er in der Technologie: „Ein weiterer Schwerpunkt zukünftiger Forschung könnte die Rolle moderner Technologien wie künstliche Intelligenz und Big Data bei der Aufklärung von Serienmorden sein. Harbort sprach sich in mehreren Interviews für eine stärkere Integration solcher Technologien in die kriminalistische Praxis aus.“
Was andere über ihn sagen
Die Meinungen über Harbort sind vielfältig. „Er ist der Kartograph des Serienmords.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung „Stephan Harbort weiß, wie Mörder denken.“ Badische Neueste Nachrichten „Stephan Harbort ist einer der führenden Kriminalexperten Deutschlands.“
„Stephan Harbort ist einer der besten Kriminalisten Deutschlands und Erfolgsautor – völlig zurecht, wie er hier auch wieder zeigt.“
Das bleibende Vermächtnis
„Stephan Harbort ist eine Schlüsselfigur der deutschen Kriminologie und hat durch seine Arbeit das Verständnis von Serienmördern und die Entwicklung kriminalistischer Methoden maßgeblich beeinflusst.“ Seine empirischen Methoden, seine unermüdliche Forschung und sein Mut, sich mit den dunkelsten Aspekten der menschlichen Natur auseinanderzusetzen, haben die deutsche Kriminalistik revolutioniert.
Was ihn besonders auszeichnet, ist seine Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Polizeiarbeit zu verbinden. Er ist kein theoretischer Wissenschaftler im Elfenbeinturm, sondern ein Mann der Praxis, der seine Erkenntnisse direkt in die Ermittlungsarbeit einfließen lässt.
Seine Arbeit zeigt: Das Böse ist nicht mysteriös oder übernatürlich. Es ist menschlich, erforschbar und – das ist vielleicht das Wichtigste – es kann bekämpft werden. Mit wissenschaftlichen Methoden, mit Beharrlichkeit und mit dem Mut, genau hinzuschauen.
Quellen:
Bücher von Stephan Harbort bei Piper Verlag






