Maschinenfabrik Carlswerk

Die Maschinenfabrik Carlswerk ist ein bedeutendes technisches Denkmal im Ortsteil Mägdesprung der Stadt Harzgerode in Sachsen-Anhalt. Das Werk wurde im Jahr 1827 durch den Bergrat Johann Ludwig Carl Zincken gegründet. Die historischen Gebäude der ehemaligen Fabrik stehen heute unter Denkmalschutz und beherbergen ein Museum, das die industrielle Geschichte der Region dokumentiert.

Web: https://www.harzgerode.de/verzeichnis/objekt.php?mandat=81555

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Anschrift: Maschinenfabrik Carlswerk

Straße: Kreisstraße 21

PLZ / Ort :06493 Harzgerode

Der Standort und seine frühe Geschichte

Der Ortsteil Mägdesprung wurde geprägt durch die Anlage der bereits 1646 von Fürst Friedrich von Anhalt-Bernburg-Harzgerode gegründeten „Eisenhütte unterm Mägdesprung“. Die Gegend bot ideale Bedingungen für die Eisenverhüttung. Es gab Eisenerzvorkommen, die Wasserkraft der Selke stand zur Verfügung und die umliegenden Wälder lieferten Holzkohle.

Fürst Friedrich versuchte, seinem kleinem Besitz eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung zu verschaffen und schloss einen Vertrag mit dem Quedlinburger Kaufmann Johann Heydtfeld. Die ersten Jahre waren wirtschaftlich schwierig. Mehrere Besitzerwechsel folgten, bis das Werk ab 1769 erweitert werden konnte. Der schnelle Aufschwung des Werkes seit Mitte des 18. Jahrhunderts war auf dem Gebiet Kunstguss recht erfolgreich.

Die Gründung des Carlswerks 1827

Der eigentliche Wendepunkt kam mit Johann Ludwig Carl Zincken. Im Jahre 1827 wurde von Carl Friedrich Zincken das Carlswerk als Maschinenfabrik des Eisenhüttenwerkes in Mägdesprung aufgebaut. Der Name „Carlswerk“ wurde von Anfang an verwendet und geht auf den Gründer zurück.

Unter Zinckens Leitung begann die systematische Produktion von Maschinen. Das Carlswerk spezialisierte sich auf die Herstellung einer breiten Palette von Maschinen und Ausrüstungen. Dazu gehörten Dampfmaschinen, Turbinen, Förderanlagen, Eisenbahnmaterial und viele andere Industriemaschinen.

Die Neue Maschinenfabrik von 1865

Das markanteste Bauwerk auf dem Werksgelände ist die 1865 errichtete „Neue Maschinenfabrik“. Das Gebäude aus roten Backsteinen zeigt sich als beeindruckendes Beispiel der Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts. Es entstand ein Backsteinbau im Rundbogenstil. Die Fassade wird durch Lisenen und Gesimse gegliedert. Im oberen Stockwerk befinden sich gekuppelte Fenster mit eisernen Säulen in der Mitte.

In ihr erfolgte die Produkion von Sondermaschinen zur Metall- und Holzverarbeitung. Die Maschinen erhielten ihre Energie anfangs von Wasserrädern, die durch das Wasser der Selke angetrieben wurden. Im frühen 20. Jahrhundert hielt dann auch im Carlswerk die Elekroenergie Einzug.

Produkte und technische Innovation

Das Werk stellte eine große Bandbreite von Produkten her:

  • Sondermaschinen für die Holz- und Metallbearbeitung
  • Sägegatter für Sägewerke
  • Dampfmaschinen und Turbinen
  • Kunstguss und Ziergitter
  • Eisenbahnmaterial
  • Später auch Gas- und Heizgeräte

Heute ist das Sägegatter, welches um 1920 in dieser Maschinenfabrik gefertigt wurde und bis 1998 in Stiege arbeitete als Anschauungsobjekt im Erdgeschoss ausgestellt. Es handelt sich um ein Vierwalzen-Vollgatter mit Unterantrieb vom Typ VG 5, womit Stämme bis 50 cm Durchmesser gesägt werden konnten.

Karl Blossfeldt – ein berühmter Lehrling

Ein besonderes Kapitel der Werksgeschichte ist mit dem Namen Karl Blossfeldt verbunden. Im Carlswerk absolvierte von 1881 bis 1884 der spätere Fotograf und Vertreter der Neuen Sachlichkeit Karl Blossfeldt eine Lehre als Bildhauer und Modelleur.

Dort erwies er sich schon bald als begabter Modelleur, der seine Anregungen bei der Umsetzung floraler Ornamentik für die Gestaltung von schmiedeeisernen Zäunen und Toren aus der direkten Auseinandersetzung mit dem Naturvorbild zog. Schon während seiner Lehre nutzte er Blätter als Vorlage für Verzierungen. Diese frühe Beschäftigung mit Naturformen prägte seinen späteren Werdegang als Fotograf.

Blossfeldt wurde später Professor in Berlin und weltberühmt durch seine Pflanzenfotografien. Auf Nierendorf ist auch zurückzuführen, dass Blossfeldts erstes Buch „Urformen der Kunst“ 1928 im Ernst Wasmuth Verlag erschien, es machte Karl Blossfeldt fast über Nacht berühmt.

Die Zeit der DDR – VEB Gas- und Heizgerätewerk

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das Werk große Veränderungen. 1959 wurde das Werk unter staatlicher Beteiligung weitergeführt und 1972 vollständig verstaatlicht, womit es zum VEB Gas- und Heizgerätewerk Mägdesprung wurde.

Ab 1972 wurde die Eisenhütte dann zum VEB Gas- und Heizgerätewerk Mägdesprung, das überwiegend Gas- und Heizgeräte herstellte. Der Betrieb war in der DDR von großer Bedeutung. In dieser Zeit war das Werk Alleinhersteller von Gas- und Heizgeräten wie Gaskochern und Gussteilen für Heizgeräte in der DDR.

Das Werk beschäftigte viele Menschen aus der Region. Zu DDR-Zeiten errichtete und unterhielt dieser Betrieb im Ort das Betriebs-Ferienlager „Meer des Friedens“ für die Kinder seiner Betriebsangehörigen. Die soziale Komponente war ein wichtiger Teil des Betriebs.

Ein kurioses Detail aus dieser Zeit: „Die ‚modernste‘ Maschine ist eine selbst gebaute Kohlenpresse aus dem Jahr 1982. ‚Brikett und Kohle gab es in der DDR-Mangelwirtschaft nicht in der Menge, wie wir sie gebraucht haben, dafür gab es die dreifache Menge Rohbraunkohle'“, erinnerte sich Ernst Kunze, ein ehemaliger Mitarbeiter.

Das Ende der Produktion und die Wende

Mit den wirtschaftlichen Änderungen der Deutschen Wiedervereinigung (1990) konnte in den folgenden Jahren nur noch eine bescheidene Herstellung von Gaskochern aufrechterhalten werden, die nach wenigen Jahren aber auch eingestellt werden musste.

Es kam so wie in vielen Betrieben in den Neuen Bundesländern: 1991 wurde die verbliebene Belegschaft entlassen. Die Erben der Alteigentümer erhielten die Werksanlagen zurück. Viele Gebäude verfielen oder wurden abgerissen.

Das Museum Carlswerk heute

Im Jahre 1999 pachtete die Stadt Harzgerode das Eisenwerk, mit der Absicht es der Allgemeinheit als technisches Museum zugänglich zu machen. Am neunten September 2002 – zum Tag des Offenen Denkmales – wurde das Museum Carlswerk Mägdesprung eröffnet.

2002 wurde das Industriemuseum „Carlswerk“ eingerichtet und ein Eisenhüttenverein Mägdesprung gründete sich. Der Verein setzt sich seitdem für den Erhalt dieses industriellen Kulturerbes ein.

Was Besucher heute sehen können

Im Erdgeschoss befinden sich die originalen Maschinen:

  • Die im Originalzustand befindlichen Mechanischen Bearbeitungsmaschinen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
  • ein Holzkran von 1890
  • Das bereits erwähnte Sägegatter von 1920
  • Werkbänke und Spinde der Arbeiter
  • Persönliche Gegenstände wie Urlaubskarten der Belegschaft

Im Obergeschoss befindet sich die Ausstellung zur Geschichte:

  • Die vielen Dokumentationstafeln im Obergeschoss und die Ausstellung die einen klaren Überlick über die Geschichte liefern
  • Beispiele der Produktion von Öfen und Gasgeräten
  • Modelle von Produkten aus Eisenguss
  • Informationen über wichtige Persönlichkeiten des Werks

Die Bedeutung als technisches Denkmal

Heute stellt das Carlswerk mit der „Neuen Maschinenfabrik“ ein eindrucksvolles technisches Denkmal dar und gehört zu den bedeutendsten historischen Industrieanlagen im Harz. Das Museum zeigt authentisch die Arbeitskultur einer vergangenen Epoche.

Die Maschinen im Originalzustand vermitteln einen direkten Eindruck davon, wie hier gearbeitet wurde. Der Maschinenpark im Erdgeschoss entspricht dem Originalzustand der letzten Produktionsphase. Besucher können nachvollziehen, wie sich die Arbeit in einer Maschinenfabrik über fast zwei Jahrhunderte entwickelt hat.

Schauschmieden und lebendige Tradition

Das Museum ist kein totes Denkmal. Mehrmals im Jahr finden Schauschmieden statt, bei denen alte Handwerkstechniken gezeigt werden. Besucher können erleben, wie der Schmied mit historischen Werkzeugen arbeitet und dem glühenden Metall neue Formen gibt. Diese Veranstaltungen halten die handwerkliche Tradition lebendig.

Praktische Informationen für Besucher

Das Carlswerk liegt direkt am Selketalstieg, einem beliebten Wanderweg durch den Harz. Der Bahnhof Mägdesprung der Selketalbahn ist 5 Gehminuten entfernt. Die historische Schmalspurbahn macht den Besuch zu einem besonderen Erlebnis.

Das Museum ist von April bis Oktober täglich geöffnet. Führungen können über die Stadtinformation Harzgerode gebucht werden. Ein Modell des Carlswerks steht auch im Miniaturenpark „Kleiner Harz“ in Wernigerode.

Die industriegeschichtliche Einordnung

Das Carlswerk steht beispielhaft für die Industrialisierung im Harz. Die Region nutzte ihre natürlichen Ressourcen – Erz, Wasser und Holz – für den Aufbau einer Industrie. Das Werk durchlief alle Phasen der deutschen Industriegeschichte: Von der frühen Eisenverhüttung über den Maschinenbau des 19. Jahrhunderts, die beiden Weltkriege, die DDR-Zeit bis zur Wiedervereinigung.

Das Unternehmen stand für Qualität, Innovation und Zuverlässigkeit und hatte einen wesentlichen Einfluss auf die industrielle Entwicklung in Deutschland. Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert war das Werk ein wichtiger Arbeitgeber und prägte die ganze Region.

Ein Ort der Erinnerung und Bildung

Heute ist das Carlswerk mehr als ein Museum. Es ist ein Ort, an dem Geschichte greifbar wird. Die alten Maschinen erzählen von handwerklichem Können und technischem Fortschritt. Die persönlichen Gegenstände der Arbeiter zeigen die menschliche Seite der Industriegeschichte.

Für junge Menschen bietet das Museum einen Einblick in eine Zeit, als Computer noch unbekannt waren und Maschinen rein mechanisch funktionierten. Ältere Besucher erinnern sich vielleicht an ähnliche Arbeitsplätze. So verbindet das Carlswerk Generationen und bewahrt wichtiges Wissen über unsere industrielle Vergangenheit.

Das technische Denkmal Carlswerk in Mägdesprung zeigt eindrucksvoll, wie aus einer kleinen Eisenhütte ein bedeutender Industriebetrieb wurde. Es dokumentiert fast 200 Jahre deutscher Industriegeschichte und macht sie für Besucher erlebbar. Als Museum und Denkmal erinnert es an die Menschen, die hier arbeiteten, und an ihre Leistungen für die technische Entwicklung.


Quellen:

Harzgerode Stadtinformation – Carlswerk

Harzlife – Die Neue Maschinenfabrik

Harz-Urlaub.de – Technisches Denkmal Carlswerk

Technikmuseen Deutschland – Maschinenfabrik Carlswerk